rechts ein wald mit fabrik auf einem
unsinnig hohen pappkarton
werden auf- + untergänge simuliert: die tage
unterscheiden sich
— Christian Schloyer

Zur Rolle von Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte. Teil 1: Goodbye Islam? Fortsetzung

Von | 3. Juni 2012 | Kategorie: Die Gesellschaft | #1 Religion & Glaube | 4 Kommentare | 6.922 Aufruf(e)

Im zweiten Teil seines Aufsatzes zur Rolle von Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte beschäftigt sich unser Autor Christian Rother mit der Wahrnehmung der zweitgrößten Weltreligion in der europäischen Geistesgeschichte. Demnach wurden sowohl der Islam im Allgemeinen, als auch Mohammed und die heilige Schrift im Besonderen seit Jahrhunderten abgelehnt und stigmatisiert.

Im vorangehenden Teil wurde das in den Medien präsentierte negative Islambild skizziert und am Ende darauf hingewiesen, dass die Islamdebatte auch aufgrund ihrer Hauptprotagonisten oftmals eher durch extreme statt ausgeglichene Auffassungen bestimmt wird oder, wie Wolfgang Lerch es schon vor über zehn Jahren anschaulich ausgedrückt hat: „Das Gelände ist heute allzu oft durch Propagandisten beider Seiten vermint“ (Wolfgang Lerch: Muhammads Erben. Düsseldorf 1999, S. 17). Dass nun andererseits nicht einfach nur „die“ Medien (die es – die Anführungszeichen sollen es andeuten – ohnehin nicht gibt) schuld an einem negativen Islambild sind  und dieses schon gar nicht erst in die Welt gesetzt haben,  sieht jeder, der sich fragt, seit wann der Islam vom „Westen“ negativ und/oder verzerrt wahrgenommen wird. Dies nämlich war ganz offensichtlich schon dann der Fall, als es die Medien in unserem heutigen Sinne noch gar nicht gab. Ein kleiner Streifzug durch den Zitateschatz bekannter Islamgegner und -Kritiker beweist, dass das sogenannte „Feindbild Islam“ (so ein immer wieder auch in Buchtiteln beliebtes Schlagwort, neuerdings bei Todenhöfers „Feindbild Islam. Zehn Thesen gegen den Hass“) viel älter ist. Auch findet sich die abweisende Haltung gegenüber dem Islam nicht etwa erst seit 9/11 oder seit Samuel P. Huntington. Dieser hatte Mitte der neunziger Jahre in „The Clash of Civilizations“ geschrieben, dass das „tiefere Problem für den Westen“ nicht der „islamische Fundamentalismus“ sei, sondern der „Islam, eine andere Kultur, deren Menschen von der Überlegenheit ihrer Kultur überzeugt und von der Unterlegenheit ihrer Macht besessen sind.“ Substanziell gewichtiger als dieser vielzitierte Satz ist übrigens die Tatsache, dass Huntington versuchte, die These näher zu exponieren, dass der Westen von Anbeginn des Islam von diesem bedroht worden sei: der Islam habe „blutige Grenzen“.

Die Frage, ob der Westen nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems zu seinem eigenen Selbstverständnis einen neuen „Feind“ benötigt und diesen im Islam erblickt, kann hier offen bleiben. Denn auf radikale Ablehnung traf der Islam seitens „westlicher“ Denker jedenfalls von Anfang an: Johannes von Damaskus, Theologe des frühen Mittelalters und wichtiger Kirchenvater der katholischen Kirche, verstand den Islam gar nicht erst als eigenständige Religion sondern als bloße Häresie. Mohammed sei ein „falscher Prophet“, über dessen Lehre man nur lachen könne. Bei der vermeintlichen „Herabsendung“ des Koran sei außer Mohammed selbst niemand dabei gewesen. Montesquieu (auf den die Dreiteilung der Gewalten zurückgeht) bezeichnete den Islam in seinem Buch „Vom Geist der Gesetze“ (1748) als Religion, die mit dem Schwert spricht. Entsprechend attestierte er ihr, bereits in einem destruktiven Geist gegründet worden zu sein. Marx sprach davon, dass der Islam einen „Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen“ schaffe. Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt beklagte beim Islam einen geradezu diabolischen Hochmut gegenüber anderen Völkern. Wenig schmeichelhaft neuerdings auch der amerikanische Biologe und Evolutionstheoretiker Richard Dawkins, der den Islam in einem Interview als „one of the great evils in the world“ bezeichnete. Demgegenüber fast schon wieder poetisch verlieh der französische Schriftsteller Flaubert seinem Entsetzen über die zweitgrößte Weltreligion mit den folgenden Worten Ausdruck: „Im Namen der Menschheit fordere ich, daß [...] Mekka verwüstet und das Grab von Mohammed entehrt wird. Das ist der Weg, um gegen den Fanatismus anzugehen.” Für seinen Landesgenossen, den französischen Philosophen und Enzyklopädisten Diderot, war der Islam nichts anderes als „der Feind der Vernunft.“ Nicht weniger pointiert, dafür aber noch polemischer, brachte der bekannte französische Bestsellerautor Michel Houellebecq vor einigen Jahren seine Meinung zum Islam auf die Formel: „Et la religion la plus con, c’est quand même l’islam“, was so viel heißt wie: Die dämlichste Religion ist immer noch der Islam.

Was gegen den Islam im Allgemeinen vorgebracht wurde und wird, gilt auch für Mohammed: Kaum eine andere historische Gestalt hat soviel Hass und Verachtung auf sich gezogen, stellte die Bonner Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel nicht umsonst fest. Bereits im christlichen Mittelalter habe man ihn abwechselnd beschuldigt, Lügenprophet, Häretiker oder verschlagener Politiker zu sein. Mittlerweile Eingang in die Allgemeinbildung dürfte in diesem Zusammenhang das Diktum des Philosophen und Mathematikers Pascal gefunden haben: „Jesus lies sich ermorden; Mohammed lies morden.“ Zu dem Standrepertoire von Islamgegnern gehört auch Voltaire. Der Urvater der französischen Aufklärung schrieb in einem Brief an Friedrich den Großen: „Doch dass ein Kamelhändler in seinem Nest Aufruhr entfacht, dass er seinen Mitbürgern glauben machen will, dass er sich mit dem Erzengel Gabriel unterhielte […] sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, dass er Väter erwürgt, Töchter fortschleift, dass er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben lässt : Das ist mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen kann […] es sei denn der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht erstickt.“ Und für den Adressaten dieses Briefes war klar: „Mohammed war nicht fromm, sondern nur ein Betrüger, der sich der Religion bediente, um sein Reich und seine Herrschaft zu begründen.” Der Islam also als bloßes Mittel zum eigenen, politischen Vorteil. Auch einer der bekanntesten deutschsprachigen Islamwissenschaftler, Tilman Nagel, weist auf diesen Punkt hin: Alles, was Mohammed getan habe, sei mit dem Aspekt von Herrschaft verknüpft gewesen.

Darüber hinaus wurde immer wieder behauptet, die vermeintlich göttlichen Offenbarungen habe Mohammed eben nicht, dem islamischen Selbstverständnis entsprechend über den Erzengel Gabriel vermittelt, von Allah selbst empfangen, sondern sie seien nicht mehr als Ausgeburten epileptischer Anfälle des (falschen) Propheten. Der Diagnose der Epilepsie ist im vergangenen Jahr eine neue hinzugefügt worden. Mohammed sei an einer chronischen, paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie erkrankt, so Armin Geus in seinem Buch „Die Krankheit des Propheten.“ Und dann ist da noch die Sache mit Aisha, der Lieblingsfrau des Propheten. In entsprechenden Hadithen (das sind überlieferte Berichte über Taten und Aussagen Mohammeds) heißt es, Mohammed habe sie geheiratet, als sie sechs Jahre alt war und drei Jahre später mit ihr die Ehe vollzogen. In diesem Fall geht der Hadith auch noch auf Aisha selbst zurück und befindet sich in der wichtigsten Hadithsammlung, die des islamischen Gelehrten al-Buhari. So trifft Mohammed also auch noch der Vorwurf der Pädophilie.

Schließlich kam (und kommt) neben dem Islam als Religion und Mohammed als dem Propheten auch die heilige Schrift selbst, der Koran in der Wahrnehmung des Westens für gewöhnlich nicht gerade besonders gut weg, so z.B. bei Tocqueville, Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft. Sein intensives Studium des Koran habe ihn davon überzeugt, „dass es wenige Religionen in der Welt gegeben hat, die für die Menschheit so tödlich waren wie die des Mohammed.“ Schopenhauer wiederum konnte „keinen einzigen wertvollen Gedanken im Koran“ finden. Der bereits erwähnte Voltaire sprach schlicht von jenem „unverdaulichen Buch“, das „bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben lässt.“ Der Koran lehre „Angst, Hass, Verachtung für Andere, Mord als legitimes Mittel zur Verbreitung und zum Erhalt dieser Satanslehre, er redet die Frauen schlecht, stuft Menschen in Klassen ein, fordert Blut und immer wieder Blut.“ Luther, nicht zuletzt durch die erste Belagerung Wiens durch die Türken (1529) zu einer näheren Beschäftigung mit dem Islam veranlasst, schrieb, dass der Koran ein „faules, schändliches Buch“ ist. Ganz ähnlich hatte zuvor schon Nicolaus Cusanus vom Koran als einem „lügenhaftem Buch“ gesprochen, das schon deswegen nicht von Gott selbst stammen könne, weil es voller „Schändlichkeit, Ungerechtigkeit, Erlogenheit und […] Widersprüche“ sei. In seiner „Sichtung des Koran“ von 1460 hatte er zudem einen im Islam häufig geltend gemachten „Beweis“ für den göttlichen Charakter der heiligen Schrift angegriffen: „Die schöne Sprache beweist nicht, dass der Alchoran ein Werk Gottes“ ist. Schon früh gab es bei den „Gegnern“ des Koran die Vorstellung, dass der Koran statt von Gott wohl eher von Mohammed selbst stamme, und dass dieser ihn – entsprechend den offiziell so genannten „Offenbarungsanlässen“ – jeweils so empfangen habe, wie es gerade seinen Bedürfnissen entsprach. Wollte der Prophet also beispielsweise seine Vielweiberei göttlich rechtfertigen, habe ihn Allah zur richtigen Zeit die entsprechenden Verse herabgesandt. Ein Text also, verfasst zu Mohammeds eigenem Vorteil – um noch einmal den Kellner aus Maks „Brücke von Istanbul“ zu bemühen. Andererseits gab es ebenfalls sehr bald den Vorwurf, der Koran bestehe aus inneren Widersprüchen, etwa was seine Haltung gegenüber Menschen anderen Glaubens angehe, so der Dominikanermönch Ricoldo im 13. Jahrhundert. Schlicht als „lächerliches Buch“, als das der bereits erwähnte Johannes Damaskus den Koran bezeichnete, galt es christlicherseits dann über Jahrhunderte. Von dieser Seite wurde der Islam immer wieder als Häresie bezichtigt und Mohammed als Ketzer. Im neunten Jahrhundert verfasste der Theologe Niketas von Byzanz eine Schrift „Widerlegung des von dem Araber Mohammed gefälschten Buches“. Die erste direkte Übersetzung des Korans in eine europäische Volkssprache, das Französische, enthält gleich zu Beginn des Vorwortes folgenden Warnhinweis: „Dieses Buch ist ein langer Vortrag Gottes, der Engel, und Mohammeds, den dieser falsche Prophet auf allzu plumpe Weise erfunden hat“ (vgl. hierzu Hartmut Bobzin: Der Koran. München 2007, S.14). Und die erste direkte Übersetzung des Koran ins Deutsche trägt entsprechend der Auffassung vom Koran als der schlechteren Bibel den Untertitel „Die türkische Bibel“.

Die Reihe von kritischen, ablehnenden bis hin zu verächtlichen Stellungnahmen zum Islam im Allgemeinen sowie zu Mohammed und zum Koran im Besonderen, ließe sich ohne großen Aufwand geradezu endlos fortsetzen. Grundsätzlich lassen sich drei Hauptpunkte unterscheiden, die dem Islam (noch) heute zur Last gelegt werden: Das sind (1.) Unaufgeklärtheit und Rückständigkeit (wozu neben einem geradezu archaischen Frauenbild auch ein dem Islam unterstellter wissenschaftlicher Stillstand und die Unfähigkeit zur Reform gezählt wird, die Lord Cromer, von 1883 bis 1907 britischer Generalkonsul in Ägypten, in dem lapidaren Satz ausgedrückt hatte: „Reformierter Islam ist kein Islam mehr.“ Sodann wird (2.) ein ihm innewohnender Charakter der fanatischen Buchstabengläubigkeit und Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, Abweichlern und Apostaten konstatiert, sowie schließlich (3.) massive Gewalttätigkeit, womit im ungünstigsten Falle nicht (nur) islamistische Terroranschläge gemeint sind, sondern – grundsätzlicher – ein auf Weltherrschaft angelegter Expansionsdrang. Damit wird dann zugleich die gängige Unterscheidung zwischen Islam als friedlicher Religion und gewalttätigem, politischen Islamismus zurückgewiesen.

So steht die Sorge im Raum, ob die westliche Zivilisation, wie es auch Teile der vorangehenden Bemerkungen nahezulegen scheinen, gerade heute durch das gefährdet ist, was viele die (schleichende) Islamisierung nennen. Folgt man jedoch dem ägyptischen Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, ist ganz entgegen der durch diese Bedrohungskulisse insinuierten Szenerie vom Aufstieg des Islam gerade das Gegenteil der Fall. Dann erleben wir zur Zeit nicht den Vormarsch der Religion Mohammeds, sondern lediglich ein Erstarken des Islamismus, verstanden als ein letztes Aufbäumen des Islam und als ein Vorbote des „Untergangs der islamischen Welt“. Aber ob so oder so: Beide Mal hätte man sich zu verabschieden vom Islam als Religion, entweder, weil der Islam objektiv zusammenbrechen wird, da er, wie Abdel-Samad meint, keine Antworten auf die Fragen des 21. Jahrhunderts zu geben vermag, oder weil man ihm ohnehin und prinzipiell keine Existenzberechtigung zuspricht. Ist man also berechtigt, in Abwandlung von Pressburgs Mohammedbuch zu rufen: „Goodbye Islam“? Oder muss man mit den Prognosen etwas vorsichtiger umgehen? Man erinnere sich an Francis Fukuyama. Dieser hatte vor zwanzig Jahren „prophezeit“, dass nach dem Zusammenbruch des Kommunismus das Ende der Geschichte, sprich: das Ende ideologischer Auseinandersetzungen gekommen sei und dass sich überall die liberale Demokratie durchsetzen würde; eine These, die er mittlerweile revidiert hat. Dem Islam selbst wiederum bescheinigte der französische Orientalist Ernest Renan schon 1883 „Inferiorität“ und einen baldigen „Niedergang“ der vom ihm beherrschten Staaten. An Prognosen des Untergangs, ob dieser nur das Abendland (Spengler) oder eben den Islam betrifft, besteht durchaus kein Mangel. Sollte man sich eingedenk diesbezüglicher Fehlschätzungen lieber nicht zu früh vom Islam, sondern zunächst einmal vom negativen Islambild und den damit verbundenen übertriebenen Befürchtungen (Stichwort „Islamophobie“) verabschieden? Muss man mithin an dieses Bild nicht diejenige Forderung stellen, die man ansonsten an den Islam selbst richtet: Nämlich dieses Bild von Grund auf zu reformieren und festzustellen: „Nichts an der heutigen Kultur des Westens ist so beunruhigend wie seine Wahrnehmung des Islam“ (Georges Corm: Missverständnis Orient. Zürich 2004, S.117). Oder ist dieses Bild selbst reformresistent, weil es einem tieferliegenden Interesse entspringt, entworfen „zum eigenen Vorteil“? Vor allem aber: Welche Rolle kann in diesem Zusammenhang ein Rekurs auf den Koran als das Herz des Islam spielen? Bestätigt er das negative Islambild, korrigiert er es oder führt er es gar ad absurdum?

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ist freier Journalist und schreibt für Fachzeitschriften und Onlinemagazine Artikel und Rezensionen aus den Bereichen Philosophie und Religion. Er hat in Philosophie promoviert.
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4 Kommentare »

  1. Danke für die historische Perspektive. Ich denke, dass der Jahrhunderte andauernde Aufbau des Feindbild Islam/Muselman etc. tiefe Spuren hinterlassen hat und kollektive, emotionale Reflexe (Stichwort Islamisierung, Minarettverbot, restriktive Einwanderungspolitik etc.) nur vor der historisch bedingten “Geistesstruktur” des christlichen Europäers zu verstehen sind.
    Mich würden vor allem konkrete Konzepte und Ideen zur Überwindung dieser Haltungen interessieren.

    Bei all den negativen Bildern, welche die christliche Welt vom Islam zeichnet(e), fragt man sich außerdem, welcher Motivation dabei gefolgt wurde. Beim Lesen der vielen Zitate bekommt man den Eindruck, dass es vor allem um die Abgrenzung von einem Religionsentwurf ging und geht, der dem eigenen nur allzu ähnlich ist (Monotheismus, Absolutheitsanspruch, Verschriftlichung, Gewaltbereitschaft zur Verbreitung etc..).

  2. Vielen Dank für das feedback!

    Für das in weiten Teilen der westl. Welt bestehende negative Islambild gibt es eine Reihe von ganz unterschiedlichen Gründen. Das beginnt damit, dass Menschen das Fremdartige, Andere häufig zunächst ablehnend perzipieren, vor allem, wenn sie wenig bis nichts darüber wissen – ein anthropologisches Grundfaktum, das für die “Gegenseite” gleichermaßen gilt. Wir sprechen dauernd vom negativen Islambild, ohne zu sehen, dass das Bild, das z.B. arabische Medien von “dem Westen” zeichnen, ebenfalls negativ ist. Umgekehrt spielt mit Blick auf den Islam sicher auch der sogenannte Orientalismus, der verzerrte westliche Blick auf den Nahen Osten und Arabien eine Rolle.

    Die Abgrenzung, von der du sprichst, ist ein weiterer Faktor, der wiederum auch für die andere Seite besteht: Schon im Koran positioniert sich der islamische Monotheismus in der Kritik am Christentum. Die Trinität wird als Polytheismus scharf zurückgewiesen. Für den Koran ist das Christentum in diesem Punkt eine Verfälschung des ursprünglichen, strengen Monotheismus.

    Hinzu kommt, dass beide Religionen einen Absolutheitsanspruch erheben und schon von daher in Konfrontation zueinander stehen. Schließlich spielt der nicht zu leugnende, historisch belegbare Expansionsdrang des Islam eine Rolle. Für die aktuelle Lage in Deutschland wichtig ist, dass Fundamentalisten die Diskussion beherrschen, siehe Salafisten. Wenn Leute wie Abou Nagie (der Initiator der Koranverteilung) via youtube und anderen Medien (sic!) den Nichtmuslimen ständig eintrichtern, dass sie in die Hölle kommen, wenn sie nicht den Islam annehmen, ist klar, dass bei solchen angstmachenden Methoden mit wenig Gegenliebe zu rechnen ist. (Von anderen Punkten wie etwa der Verfassungsfeindlichkeit der salafistischen Ideologie abgesehen).

    Soweit meine Artikelserie etwas zur Lösung beisteuern kann, dann ist dies neben dem Versuch, ein möglichst objektives Bild der Islamdiskussion und der Rolle des Koran zu beschreiben, die an alle gerichtete Aufforderung, die eigene Position auf die sie bestimmenden Motivationen und Interessen hin zu reflektieren, um sie damit für Neues zu öffnen.

  3. Guter Artikel, Dankeschön. ich habe mir erst kürzlich den Koran in verschiedenen Übersetzungen als Ebook besorgt und teilweise gelesen. Die Debatte über Islamfeindlichkeit in unserer Gesellschaft anhand konkurrierender monotheistischer Religionsentwürfe zu debattieren, wie Jona schreibt halte ich für den größten Fehler, zudem abseits des Themas, der Artikel befasst sich objektiv mit Religion. Der Autor zitiert mit Voltaire und anderen solche Kritiker, die sich mit der destruktiven Natur des Korans im Vergleich zur Aufklärung und somit unserem heutigen westlichen Verständnis für Menschenrechte auseinandersetzt. In den häufigsten Fällen widmet sich die Debatte in unserer Gesellschaft der (vermeintlichen) Gefahr für unseren Rechtsstaat und mit den Konflikten die sich aus dem traditionellen Islam mit unserem Grundgesetz ergeben, egal wie emotional der Einzelene dies auch mit seiner kulturellen Prägung in Verbindung bringt, selten sprechen wir über die Gefährdung der christlichen Kultur.

    An dieser Stelle sehe ich eine große Schwäche in unserer Gesellschaft, wir sind bereit dazu, ein hohes Gut wie die Meinungsfreiheit zu relativieren (Mohammed Karikaturen) um einer Glaubensgruppe zu besänftigen, die ihrer eigenen Ideologie nach nicht nur verunglimpfende Bilder über unsere Kultur zeichnet sondern weitgehend intollerant ihre Existenz als ungültig und als dringend zu missionieren beschreibt.

    Nochmals, wir sprechen in dieser Auseinandersetzung nicht über religiöse Gesinnungsunterschiede sondern dem Konflikt zwischen einer mehr oder minder aufgeklärten Gesellschaft und ihrer Gefährdung durch religiöse Ansichten. Die Trennung zwischen Staat und Religion wie wir sie in Deutschland kennen wird wohl von den meisten gebildeten Menschen hierzulande als eine Errungenschaft betrachtet. Sollen wir, sobald wir mit einer aufklärungsfeindlichen Religion in Konflikt treten, diesen Gedanken aufgrund unserer historisch bedingten Haltungsschwäche aufgeben?

    In meinen Augen sollte sich unsere Gesellschaft nicht mehr und nicht weniger kritisch mit dem Islam beschäftigen als wir es mit unseren traditionellen Religionen tun.

  4. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar und die Worte der Anerkennung!

    In der Tat geht es mir nicht um einen Vergleich zwischen Christentum und Islam, sondern darum, etwas Ordnung in die vielschichtige Islamdebatte zu bringen. Vielschichtig ist sie schon deswegen, weil in ihr ganz unterschiedliche (religiöse, kulturelle, politische) Gegensätze diskutiert werden, von denen derjenige zwischen Islam und Christentum eben nur einer unter vielen ist. Mindestens ebenso bedeutsam ist die Opposition zwischen Islam und säkularer bzw. säkularisierter Welt sowie zwischen Islam und „dem“ Westen. Der Islamismus, so wird z.B. behauptet, ist zu weiten Teilen eine Reaktion auf den westlichen Kolonialismus.

    Ich versuche die in der Debatte vertretenen Hauptpositionen auf die hinter ihnen stehenden Motivationen/Interessen zurückzuführen, zunächst mit Blick auf die Islamdebatte im Allgemeinen: Was etwa die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus betrifft, so behaupten deren Gegner, sie sei lediglich aus dem Interesse heraus geschaffen worden, alles „Negative“ aus dem Islam als Religion herauszuhalten, um es eben im politischen Islam (=Islamismus) zu verorten. In späteren Teilen widme ich mich dann den Motivationen für bestimmte Koranauslegungen: Einfachstes Beispiel hier ist die allseits bekannte Tatsache, dass sich Islamgegner für ihre Thesen auf dieselben Verse berufen wie die Islamisten – die einen, um den Bedrohungscharakter des Islam zu belegen, die anderen, um ihre Handlungen religiös zu legitimieren.

    Was das Thema Meinungsfreiheit angeht, bin ich etwas optimistischer. Es mag zwar in bestimmten Mainstream-Medien die Tendenz geben, Kritik am Islam vorschnell als (Islamo)phobie und damit als unsachlich und übertrieben abzuqualifizieren. Wenn man andererseits die (deutsche) Diskussion um das Mohammedvideo mit dem Karikaturenstreit aus dem Jahr 2006 vergleicht, so hat hier m.E. ein Wandel stattgefunden: Ging es vor 7 Jahren noch um den Widerstreit zwischen Achtung religiöser Gefühle auf der einen und Meinungsfreiheit auf der anderen Seite, so scheint dieses Mal die Meinungsfreiheit als solche kaum mehr in Frage gestellt worden zu sein. Nicht so sehr die Provokation selbst galt jetzt als schändlich – d.h.: sie fiel unter Meinungsfreiheit – als die dahinter stehende Absicht von Pro NRW, auf sich selbst aufmerksam zu machen.

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