gelbe Lampions, ein verrätseltes Kinderfest
alles ist außer mir, ein Stausee
in dem geflutete Dörfer nachts leuchten.
— Steffen Popp

Zur Rolle von Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte. Teil 1: Goodbye Islam?

Von | 19. März 2012 | Kategorie: Die Gesellschaft | #1 Religion & Glaube | Unkommentiert | 2.190 Aufruf(e)

Im ersten Teil seines Aufsatzes zur Rolle von Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte beschäftigt sich unser Autor Christian Rother mit dem Bild des Islam in westlichen Medien. Dabei zeigt er auf, dass die Hauptprotagonisten der Korandeutung oft extreme Standpunkte vertreten und differenzierte Auffassungen auf der Strecke bleiben.

„Ich glaube, dass es einen Gott gibt und dass die Religionen nur verschiedene Bilder von ihm entwerfen. Und heilige Bücher über ihn geschrieben haben, jede zu ihrem Vorteil.“

Das sagt ein Kellner in Geert Maks Essay „Die Brücke von Istanbul“. Und er behauptet damit etwas, das für einen gläubigen Muslim völlig inakzeptabel ist. Dass die heilige Schrift des Islam, der Koran, einem bestimmten Interesse ihres Urhebers entsprungen ist, ist zwar auch für den Muslim unbestritten. Dieser Autor aber ist freilich kein Mensch, der sich irgendeinen Vorteil von der Abfassung des heiligen Buches versprochen hat, sondern es ist Gott selbst, Allah. Und dessen „Interesse“ oder Ziel ist das der Rechtleitung. So steht es auch gleich zu Beginn im Koran: „Dies ist die Schrift, an der nicht zu zweifeln ist, (geoffenbart) als Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“ (Sure 2, Vers 2; zitiert wird, wenn nicht anders angegeben, nach der Übersetzung von Rudi Paret). Während es also für den gläubigen Muslim eine unumstößliche Wahrheit ist, dass der Koran – im Gegensatz zur Bibel, die „bloß“ göttlich inspiriert ist – das Wort Gottes selbst ist, mit dem dieser den Menschen rechtleiten will, kann jeder Ungläubige, jeder Skeptiker dies bezweifeln und behaupten, dass ein ganz andersartiges Interesse besteht, eben ein menschliches. Autor ist dann nicht Allah sondern z.b. Mohammed.

Ob der Koran nun Gottes Wort ist oder nicht, er ist in jedem Fall ein Text. Das ist in etwa auch die Bedeutung des arabischen Wortes „Koran“, das auf Deutsch so viel heißt wie „die Rezitation“, „der vorzutragende Text“. Als ein Text hat der Koran nun allerdings nicht bloß einen Urheber, sondern auch Rezipienten. Darum, dass auch auf dieser Seite, also auf Seiten des Lesers und Hörers des Textes, Interessen nicht bloß bestehen, sondern dass diese den Zugang, das Verständnis und die Deutung der heiligen Schrift im erheblichen Maße bestimmen, soll es im Folgenden gehen. Die Relevanz dieses Umstandes wird man sich schnell klarmachen können, wenn man sich vor Augen führt, dass bei fast allen innerhalb der Islamdiskussion behandelten Themen der Koran die entscheidende Instanz ist, die das letzte Wort hat oder, besser gesagt, haben soll: Ist der Islam gewalttätig oder friedlich? Gebietet er der Frau das Tragen des Kopftuchs? Ist er eine tolerante Religion? Wo, wenn nicht im Koran soll man sich letztgültige Aufklärung dieser Fragen versprechen und zugleich Religion von kultureller Prägung aber auch von politischem Missbrauch scheiden können? Was jedoch jede Auseinandersetzung um Mohammeds Religion immer wieder zu zeigen scheint, ist viel eher, dass der Koran, der ja buchstäblich Allahs Wort sein soll, faktisch gar nicht das letzte Wort hat, sondern dass es – je nach Standpunkt – immer ein jeweils anderes letztes Wort gibt. Bin Laden hatte sich auf mehrere Koranverse bezogen, z.B. in der „Erklärung der Internationalen Islamischen Front für den Heiligen Krieg gegen die Juden und Kreuzfahrer“ vom 23. Februar 1998. Islamgegner beziehen sich ebenfalls auf den Koran und stimmen in der Deutung zu weiten Teilen mit radikalen Islamisten überein. Wenn Ayaan Hirsi Ali schreibt: „Der Koran verbreitet [...] eine Kultur, die brutal und bigott ist, darauf fixiert, Frauen zu unterdrücken und Kriege zu führen” (Ayaan Hirsi Ali: Mein Leben, meine Freiheit. München 2006, S.382), so ist das inhaltlich betrachtet kaum etwas anderes als das, was Dschihadisten, d.h. gewalttätige islamistische Fundamentalisten in die Praxis umsetzen wollen. Aber auch liberale, reformorientierte Muslime stützen sich auf den Koran, gelangen dabei freilich zu ganz anderen, teils diametral entgegengesetzten Ergebnissen und Bewertungen. Wer also bezieht sich rechtens auf ihn, und was genau kann hier „rechtens“ heißen?

Zunächst: Was die aktuelle Islamdebatte im Allgemeinen angeht, so ist es mittlerweile zu einer Art Standardtopos geworden, einen Beitrag darüber mit der Feststellung zu beginnen, dass „der“ Islam spätestens seit 9/11 immer häufiger in den Schlagzeilen ist und dass dies vor allem unter negativen Vorzeichen geschieht. In der Regel folgt dann eine Aufzählung von unterschiedlichen, wie die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer es noch vornehm bis euphemistisch ausdrückt, „dunklen Themen“, beginnend bei gewalttätigen Expansionen des frühen Islam. Diese übrigens sind für manch einen wie z.B. Thilo Sarrazin bereits Grund genug zu behaupten, dass „der Zusammenhang zwischen Gewalt und Islam seit dessen Geburtsstunde völlig offenkundig ist“ (Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, Berlin 2010, S.280). Des Weiteren in den Medien häufig thematisiert werden islamistische Terroraktionen, die Frage nach der Unterdrückung der Frau, drakonische Strafen im islamischen Recht (Scharia), Intoleranz gegenüber Andersgläubigen bis hin zu Ehrenmord, Zwangsheirat oder Todesstrafe für Abtrünnige. Jeder kennt die Bilder von an Kränen aufgehängten Homosexuellen im Iran und vollverschleierten Frauen, die es nicht bloß in Afghanistan oder Pakistan gibt; jeder hat schon einmal von der Fatwa gegen Salman Rushdie gehört und weiß um den Mord an dem niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh durch einen islamistischen Fundamentalisten. Hinzu treten Fragen aus dem Umkreis der Immigration, die mit Blick auf die Muslime ebenfalls im Wesentlichen als Problem angesehen und diskutiert werden. Die Debatte um Sarrazin ist da lediglich das, was man als die Spitze des Eisbergs bezeichnet, zumal seine Thesen offenbar Meinungen spiegeln, die in weiten Teilen der bundesrepublikanischen Bevölkerung bereits bestehen. Die Deutschen verbinden, so eine Allensbach-Umfrage von 2006, zu 98 Prozent Gewalt und Terror mit dem Islam, 96 Prozent Rückständigkeit und 94 Prozent die Unterdrückung der Frauen. 2010 ergab eine ebenfalls von Allensbach durchgeführte repräsentative Umfrage, dass 55 Prozent der Befragten muslimische Immigranten für eine Belastung halten und der Ansicht sind, dass diese Einwanderergruppe „sozial und finanziell wesentlich mehr gekostet als wirtschaftlich gebracht hat.“ Wenn Zweifel an Integrationsfähigkeit und –Willigkeit von Immigranten geäußert werden, dann sind damit, was die Religionsangehörigkeit angeht, Muslime gemeint. Ob sich hingegen z.B. Buddhisten, von denen es in Deutschland immerhin etwa eine viertel Million „Aktive“ gibt, integrieren, steht genauso wenig auf irgendjemandes Agenda, wie es eine Deutsche Buddhismuskonferenz gibt.

In diesem Kontext ist dann nicht bloß die Rede von den sogenannten Parallelgesellschaften, sondern neuerdings verstärkt auch von einer islamischen Paralleljustiz, bei der sogenannte Friedensrichter in islamisch geprägten Einwanderungsvierteln nach der Scharia richten und damit den Rechtsstaat unterlaufen. Zu den Dauerbrennern der unter negativen Vorzeichen diskutierten Themen gehören auch das islamische Kopftuch oder der Neubau von Moscheen. Aktuelles (und trauriges) Beispiel ist hier die Moschee in Köln-Ehrenfeld: Deren Bauherrin DITIB hatte im vergangenen Herbst die Zusammenarbeit mit dem Architekten Paul Böhm gekündigt und als Grund Baumängel und Kostenexplosion angegeben. Es wird jedoch vermutet, dass dahinter auch Gründe politischer Art stehen: Der neue Vorstand der DITIB (die man faktisch als den verlängerten Arm des türkischen Amts für religiöse Angelegenheiten „Diyanet“ ansehen kann) vertrete eine extrem traditionalistische, konservative Haltung; inzwischen gehen die Bauarbeiten zwar weiter, Böhm jedoch bleibt entlassen und weist die gegen ihn gerichteten Anschuldigungen als „unhaltbar“ zurück. Und immer wieder machen neue, rund um den Erdball verstreute Negativereignisse Schlagzeilen: Neben der bereits erwähnten Fatwa gegen Rushdie und der Ermordung Theo van Goghs vor allem der Karikaturenstreit, das Attentat auf Kurt Westergaard, seit einigen Monaten die Verfolgung und Ermordung von Kopten in Ägypten und aktuell die Terroranschläge der nigerianischen Islamistengruppe „Boko Haram“ (was übrigens so viel heißt wie: „westliche Bildung ist Sünde“). Weitere, immer auch tagespolitisch aktuelle Beispiele können jederzeit den Texten von Islamkritikern wie Henryk M. Broder oder Internetblogs wie „Politically Incorrect“ („PI“) entnommen werden.

Seit einiger Zeit wird zudem auch auf dem Gebiet des „Wissens“ und des „Geistes“, da also, wo „okzidentale“ Wissenschaft dem Islam bisher wenigstes für einen bestimmten Zeitraum Anerkennung zollte, an dessen Image gekratzt. Für gewöhnlich hieß es, dass Muslime zur Epoche der Renaissance und damit zur Entstehung des modernen Europas einen wichtigen Beitrag leisteten, indem sie das antike griechische Erbe vor dem Vergessen retteten. (Bassam Tibi: Christlich-islamischer Dialog – Täuschungen und westliches Wunschdenken, in: Ursula Spuler-Stegemann (Hrsg.): Feindbild Christentum im Islam. Bonn 2006, S.61.). Die Bedeutung, die Muslime bei der Rezeption der Griechen für das lateinische Mittelalter gespielt haben (sollen), wird jetzt angezweifelt und relativiert, etwa von dem französischen Philosophen Rémi Brague: Nicht Muslime sondern Christen seien es gewesen, die Aristoteles übersetzt hätten. Die geistige Blüte des orientalischen Mittelalters sei nicht islamisch gewesen, sondern arabisch, heißt es gar bei Pressburg (Norbert Pressburg: Goodbye Mohammed. Norderstedt 2009, S.147). Und es wird darauf hingewiesen, dass die ohnehin wenigen Aufklärer innerhalb der muslimischen Welt nie eine wirkmächtige Rolle gespielt hätten. Averroes als ein vom heutigen Standpunkt aus als liberal zu bezeichnender muslimischer Denker des Mittelalters musste, so wird nun hervorgehoben, ins Exil, seine Bücher wurden verbrannt. Der weltberühmte Arzt und Philosoph Avicenna, bisher sozusagen Parade- und Vorzeigephilosoph der mittelalterlichen persischen Wissenschaft, steht jetzt als Vertreter eines „brutalen Hautfarbenrassismus“ auf der Anklagebank. Überhaupt sei das Konzept des Rassismus durch die arabischen Philosophen erst in den Westen transportiert worden, behauptet der Berliner Althistoriker Egon Flaig, nachzulesen z.B. in der Zeitschrift „Information Philosophie“ (Heft 5, 2010), deren Herausgeber Peter Moser solche Neubewertungen der islamischen Philosophie des Mittelalters allerdings mit dem Aufkommen der sogenannten „Islamophobie“ verbindet und damit indirekt zurückweist. Was einmal mit Bezug auf die arabische Philosophie gewitzelt wurde, scheint auf die islamische jedenfalls mehr denn je zu passen: Das Erstaunlichste an ihr ist für einen Europäer, dass es sie überhaupt gibt.

Dass die westliche Öffentlichkeit den Islam hauptsächlich kritisch bis abschätzig perzipiert, dürfte demnach kaum zu bestreiten sein. Aber noch in einem anderen Sinne wird der öffentliche Diskurs negativ bestimmt, nämlich dadurch, dass es gerade Fundamentalisten sind, die die Medien zu ihrem Zwecke geschickt zu nutzen wissen. Salafisten wie Pierre Vogel z.B. kennen viele, vor allem junge Muslime (und Konvertiten) eher als Aiman Mazyek. Wer Aiman Mazyek ist? Das ist der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Im Internet, z.B. auf youtube, stößt man schnell auf unzählige Videos, in denen Leute wie Vogel dem geneigten Zuschauer die gutgemeinte Warnung (also keine Drohung…) geben, dass man in die Hölle kommt, wenn man nicht zum Islam überwechselt, und letzteres am besten möglichst schnell, da das Leben schließlich jederzeit zu Ende sein kann. Auf der Gegenseite sieht es kaum anders aus: „PI“ verzeichnet täglich 50 000 Zugriffe. Und mit dem wenig islamfreundlichen „Deutschland schafft sich ab“ ist Sarrazin binnen kürzester Zeit zum mehrfachen Millionär geworden. Die Diskussion um den Islam findet damit nicht bloß thematisch sondern auch mit Blick auf ihre Protagonisten hauptsächlich an den Rändern statt.

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ist freier Journalist und schreibt für Fachzeitschriften und Onlinemagazine Artikel und Rezensionen aus den Bereichen Philosophie und Religion. Er hat in Philosophie promoviert.
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