Du gehst davon mit seltenen Pflanzen, Steinen
führst die Schildkröte fort an einem blauen Faden
— Steffen Popp

Wollen die Götter keine Integration?

Von | 13. Januar 2011 | Kategorie: Die Gesellschaft | #1 Religion & Glaube | Unkommentiert | 1.933 Aufruf(e)

In der Bundesrepublik leben zur Zeit etwa 3,5 mio. Menschen islamischen Glaubens. Keiner wird bestreiten wollen, dass das Integrationsproblem vorwiegend eine Problematik zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und dieser Gruppe ist. Vietnamesen, Thailänder, Chinesen – obwohl selbst religiös und kulturell anders geprägt – geraten kaum als Problemgruppen in den öffentlichen Diskurs, ganz zu schweigen von Menschen aus den Herkunftsländern der EU.

Wir alle schwanken zwischen einer Dramatisierung der Gegensätze und ihrer Verharmlosung, wie uns gerne auch dann und wann von Seiten kritischer Muslime bescheinigt wird (Kelek u.a.). Auf allen Seiten scheint mir eine Verunsicherung hinsichtlich der Rolle und Bedeutung der jeweiligen Wahrnehmungs- und Handlungsstrukturen vorgegeben zu sein.

Der europäische Westen verneint heute weitgehend die soziokulturelle Bedeutung religiöser Traditionen, obwohl der Religionssoziologe Gerhard Schmidtchen mit seiner Untersuchung über die kulturprägende Bedeutung der konfessionellen Zugehörigkeit noch in den 60er und 70er Jahren den Mythos einer durch und durch religionslosen, säkularen Gesellschaft als Schein entlarvte. Vielleicht hatte der alte Max Weber mit seiner Theorie der prägenden Kraft der protestantischen Ethik für den Geist des Kapitalismus doch so unrecht nicht; Ich möchte unterstellen, dass genau dieser fortbestehende Mythos der durch und durch säkularen Gesellschaft uns blind gemacht hat für die Kraft religiöser Bewegungen: sie passt nicht ins Konzept (am Rande: dies macht uns wahrscheinlich auch blind für das wirkliche Verstehen nordamerikanischer Politik).

Hier wäre nun der psychologische Grundsatz Altvater Freuds in Erinnerung zu rufen, der von der ewigen Wiederkehr des Verdrängten sprach. Sein Schüler C.G. Jung bereichert diesen Aspekt der Wiederkehr des Verdrängten um eine interessante Variante: er spricht von der Wiederkehr in Form der Schattenprojektion: Weil ich selbst gut und vernünftig bin (resp. sein sollte), richten sich Ablehnung und Hass gegen den, der meiner eigenen Unvernunft/Rückständigkeit ein Bild verleiht. Ich begegne in ihm meinem Schatten.

Lassen wir diese These von der Wiederkehr verdrängter (und vergangener ?) Glaubensformen einmal stehen: Die erste Frage richtet sich dann an uns selbst: Wo kommen wir her? “Ich bin ein eifersüchtiger Gott” heißt es im Alten Testament, der gemeinsamen Glaubensurkunde von Juden und Christen. Es ist der schützende, rächende und Identität stiftende Stammesgott der Nomaden, der ironischerweise ein Migranten- und Immigrantenvolk im Innersten zusammenhält, um sie gegen externe Einflüsse zu schützen. Um im Bild zu bleiben: In religiöser Hinsicht entstammen wir alle einer absolutistischen Monarchie.

Heute behauptet dieser absolutistische Gott im Westen in den Köpfen von Sektierern und Fundamentalistischen seinen Platz, feiert fröhlich Urständ und wird konsequenterweise zum Bollwerk gegen Immigranten. Der Feldzug des fundamentalistischen Eiferers G.W. Bush gegen das identifizierte Böse im Nahen Osten mag ein schrecklicher Beleg für diese Art von Schattenprojektion sein. Natürlich: diese Ideologie irritiert den “normalen” Europäer. Sie ist hier im “Alten Europa” “politically incorrect”. Deshalb wird nach Argumenten der Vernunft gesucht, was an und für sich ein Fortschritt sein dürfte.

In der Tat, selbst in den großen europäischen Kirchen ist der eifernde absolutistische Monarch einem weisen, toleranten und aufgeklärten Herrn in einer konstitutionellen Monarchie gewichen – ein Fürst der späten Aufklärung mit einzelnen Rückfällen ins Absolute – politisch zu sagen hat er kaum noch etwas . Selbst seine Erwähnung in der Euopäischen Verfassung wurde abgelehnt. Unser Problem kommt aus einer anderen Ecke: Der Nahe Osten konfrontiert uns mit genau diesem absolutistischen, eifernden Gott, von dem wir hofften ihn endlich losgeworden zu sein. Es ist ja erfahrbar, dass der weltweite Terrorismus islamistischer Färbung seinen entschlossenen Ruf “allahu akbar” (Allah ist größer) über Internet und Fernsehen in unsere Wohnzimmer trägt. Was ginge uns dass alles an, hätten wir nicht 3,5 Millionen Muslime in unserem Land, die von manchem unter Generalverdacht gestellt werden. Bleibt die Frage: Was wollen die eigentlich, was glauben die wirklich?

Der aufgeklärte Zeitgenosse sucht sein Heil in Interpretationen, die nicht notwendigerweise von Verständnis besselt sind. In diesem Sinne wird nach “wahren” Ursachen geforscht: in der Geschichte der kolonialen Ausbeutung, in der Struktur der immer noch bestehenden imperialen Unterdrückung, in der Grundfrage nach weltweiter Gerechtigkeit, etc. Manchmal jedoch wird Verständigung behindert von Schuldzuweisungen, häufig sogar, wenn es um die eigene Schuld geht; Sie scheitert aber letztlich am wirklichem Nichtverstehen: So setzt der westliche Beobachter bei den Muslimen eine aufgeklärte Trennung von Staat und Religion – Vernunft und Religion voraus, die für viele Muslime undenkbar ist, weil eine absolutistisch-religiöse Herrschaft eben keine Gewaltenteilung kennt. In dieser Sichtweise sind eben auch Religion und Kultur untrennbar miteinander verwoben.

Die mutige und sympathische Deutsch-Türkin Necla Kelek – Mitglied der von der Grossen Koalition ins Leben gerufenen Islamkonferenz – zitiert in ihrem Buch “Bittersüße Heimat” zustimmend Benedikt XVI: “Die Türkei hat ein islamisches Fundament. Sie unterscheidet sich sehr stark von Europa, das eine Gemeinschaft säkularisierter Staaten mit christlichem Fundament ist”. Kelek weist daraufhin, dass “nicht das Christentum allein [...] Europa von der Türkei unterscheidet, sondern der darauf aufbauende Prozess der Säkularisierung mit seiner Trennung von Staat und Religion”.

Dies gilt nicht nur und vielleicht am wenigsten für das Verhältnis zur Türkei, die ja durchaus säkulare Kräfte kennt (Atatürk führte damals eine Verfassung nach Schweizer Vorbild ein), sondern vielmehr im Gegenüber zu anderen Staaten des Nahen Ostens wie Saudi-Arabien oder dem Iran. Mit etwas Wohlwollen muss man hier von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen sprechen: D.h. wir hatten ja auch einmal eine enge Verbindung von Staat und Religion, in der sg. “Ehe zwischen Thron und Altar” des Kaiserreichs – nun allerdings ist unser Staat weitgehend säkularisiert. Möglicherweise begegnen sich in Orient und Okzident wirklich Menschen und Völker in unterschiedlichen geschichtlichen Stadien, dies allerdings dürfte immer wieder zu Problemen der Integration führen.

Wir müssen auf ein zusätzliches Problem kommen, dass nicht zu Keleks Themenkreis gehört: Während es dem gelehrten und vor allem dem volkstümlichen Islam in weiten Teilen noch nicht gelungen ist, ein kritisches Verhältnis zum Koran und zur eigenen Geschichte zu entwickeln, ist die sgn. “historisch-kritische” Aufarbeitung von Bibel und Kirchengeschichte in Europa ein “alter Hut” – wird an theologischen Lehrstühlen inzwischen seit 300 Jahren praktiziert (beginnend mit Reimarus 1694-1768).

Die damit einhergehende selbstkritische Relativierung des eigenen Standpunkts ist im Westen kein Sakrileg mehr; In den meisten theologischen Lehrstühlen des Orients  allerdings durchaus, sie kommt einer Majestätsbeleidigung gleich. Zugegebenermaßen kommt hier einiges in Bewegung. Selbst wenn man von radikalen Positionen absieht – wie etwa der des Münsteraner Islamistik-Dozenten Sven Kalisch, der (als Konvertit ) sogar die historische Existenz Mohammeds infrage stellt und dementsprechend angegriffen wird – in der sgn.” Ankaraner Schule” werden neue exegetische Methoden entwickelt, die z.T. auf den Hermeneutik-Ansatz G. Gadamers zurückgehen, also den absoluten Wahrheitsanspruch zugunsten neuer Auslegungsspielräume aufgeben (FAZ.net v. 21.2.10).

Immerhin sind dies Anfänge auf theologischer Ebene – auch wenn sie das Bewußtsein der muslimischen Massen und ihrer Lehrer noch nicht erreicht haben. Als Beispiel dafür, wie sehr selbstkritische Fragen in den Gemeinden tabuisiert sind, mag eine Anekdote dienen.
Vor 15 Jahren nahmen wir an einer Begegnung von deutschen Jugendlichen teil, die voller Enthusiasmus und Neugier den Kontakt zu Muslimen suchten. In einer kleinen Moschee hatten sich einige Männer unter Führung des Immam versammelt. Die Jugendlichen hatten das Bedürfnis, ihr Interesse am Verstehen und ihre Toleranz mitzuteilen. Leider erlebten sie einen – wohl notwendigen – Zusammenstoß mit der Realität einfacher Menschen aus Anatolien. Zu ihrer Enttäuschung endete die Begegnung lapidar: Der Immam meinte, alles sei ganz einfach: unser Glaube ist überlegen, wir haben Recht und ihr müsstet zum Islam konvertieren.

Der arme Immam war sichtbar auch überfordert, denn – wiederum ein Missverständnis auf Seiten der deutschen Jugendlichen – ein Immam in kleinen Gemeinden ist ein Laie, ein Vorbeter und eigentlich nie ein akademisch gebildeter Theologe. Dennoch drängt sich die Frage auf: Sind Toleranz und Verständnis auf Seiten des Islam in der Begegnung mit anderen Glaubensgruppen heute überhaupt möglich? Vielleicht zunächst nur auf akademischer und politischer Ebene. Auf diesem Hintergrund ist von einigem Interesse, was für Ziele die westlichen, gerade auch die Deutschen Kirchen mit dem sgn. “Interreligiösen Dialog” verbinden. Seit den Anschlägen von Islamisten und den militärischen Gegenschlägen unter der Führung der Amerikaner war offensichtlich ein Interesse sowohl auf Seiten des islamischen Gelehrtenwelt wie auch der westlichen Kirchen gewachsen, Gräben von Vorurteilen und Klischees zugunsten des Weltfriedens zu überwinden.

In einem Schreiben von 138 muslimischen Theologen an “Papst Benedikt und die Vertreter christlicher Kirchen und Glaubensgemeinschaften” v.13.Oktober 2007 wird von der Erkenntnis ausgegangen, dass es ohne Frieden zwischen Islam und Christentum “keinen wirklichen Frieden in der Welt geben kann. Stärker noch: “Die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab”. Im folgenden, mit Koran- und Bibelzitaten überladenem Text, wird vor allem auf das gemeinsame Friedensgebot und das Gebot zur Nächstenliebe hingewiesen. So werden Christen eingeladen, mit uns “auf der Basis dessen, was uns gemeinsam ist” zusammenzukommen. (www.cibedo.de) (Der christliche Gott heißt bei palästinensischen Christen übrigens “Allah”! )

In einem Beitrag in der “Zeit” von P. Christian Troll von der Römisch-katholischen Kirche wird zunächst einmal die Initiative der islamischen Gelehrten gewürdigt als ein Versuch, überhaupt wieder in einen Dialog einzutreten. Hinzu kommt die positive Feststellung, dass es auf islamischer Seite gelungen war, sich auf eine gemeinsame Stellungnahme zu einigen.
Auf der anderen Seite wird zu Recht bemerkt, dass kein islamischer Theologe unterzeichnet hatte, dass die jüdische Glaubensgemeinschaft schlicht übergangen wird und dass das biblische Wort im Dokument der Muslime nur insoweit Geltung hat, wie es mit den Parallelen im Koran übereinstimmt. Das wichtigste Argument jedoch erscheint in einem Zitat des Kardinals Taurin: die fehlende Trennung von Staat und Religion wird als das entscheidende Verständigungsproblem erkannt.
Hier sei allerdings die Frage erlaubt, inwieweit gerade die Römische Kirche selbst mit ihrer hierarchisch-autoritären Struktur die Trennung von Staat und Kirche innerlich mitvollzogen hat (siehe Italien oder Irland). Will man da eine Geistesverwandschaft bestreiten?

Dennoch bleiben in Europa die Errungenschaften der Aufklärung. Wie kann auf dieser Grundlage der Brückenschlag gelingen? Unsere französischen Nachbarn, die weitaus mehr unter der Integrationsproblematik leiden, haben eine Lösung gefunden: Tu felix Frankreich! “Da ist nämlich, Gott und Allah sei Dank, noch immer der Käse. Er eint die (auch) kulinarisch zerissene Nation. Ende März wird sie geschlossen den landesweiten Käsetag feiern” (Bad.Zeitungv. 23.02.2010 unter der Überschrift “Den Halal-Burger ess ich nicht….”).

| | | | | | |   |

Themen: , , , ,

thematisch verwandte Beiträge:

ist freier Mitarbeiter bei kulturstruktur und behandelt Themen rund um die darstellende Kunst, Theologie und Sozialwissenschaften.
Schreibe dem Autor eine Email | Alle Beiträge von

Beitrag kommentieren