Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue mich aber nicht eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für ein Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden. — Die Goldenen Zitronen

Psychologie: Wie das emotionale Gedächtnis unser soziales Umfeld konstruiert.

Von | 10. Juni 2009 | Kategorie: Die Natur | Unkommentiert | 2.886 Aufruf(e)

Von jeher strebt der Mensch danach sein Innerstes, seine Persönlichkeit, sein ICH zu ergründen. Dabei ist es heute kein Geheimnis mehr, dass unser ICH kein integrales Ganzes, sondern ein komplexes Geflecht ist – bestehend aus mehreren kleinen Bausteinen.

Bereits die alten Griechen, insbesondere Platon, wussten um die Vielgliedrigkeit der menschlichen Seele. Diese Entdeckung prägte schließlich die gesamte abendländische Kultur und Philosophie. Das wohl bekannteste und in der Literatur und bildenden Kunst am häufigsten thematisierte Beispiel ist der ewig anhaltende Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl.

Sind Vernunft und Gefühl also separate, eigenständige Bereiche des menschlichen Geistes? Tatsächlich lässt sich das Gemüt des Menschen in Einheiten, in Module unterteilen. Module sind funktionell unabhängige Systeme. Sämtliche Reize, die unser Hirn von der Außenwelt empfängt, laufen – nachdem sie in den unterschiedlichen Modulen verwertet werden – in unserem Bewusstsein zusammen. Wir nehmen lediglich das Ergebnis komplizierter Verarbeitungsmechanismen wahr, das uns den Eindruck des ICHs vermittelt. Wie sind nun Vernunft und Gefühl in dieses hypothetische Konstrukt vom zergliederten Geist des Menschen einzubetten? Gibt es Areale im Gehirn für Vernunft und andere für unsere Gefühle?

Um dieses komplexe Problem zu erhellen, lohnt es sich, die Art und Weise wie Eindrücke in unserem Gedächtnissystem abgespeichert und von diesem wieder als Erinnerung generiert werden, genauer zu betrachten. Man unterscheidet heute zwischen dem expliziten und dem impliziten Gedächtnis. Ersteres speichert bloßes Faktenwissen (Jahreszahlen, Namen, Telefonnummern etc.), während das implizite Gedächtnis, auch emotionales Gedächtnis genannt, unter anderem unsere Gefühle zu den jeweiligen Daten abspeichert. Zwei Gedächtnisse als Module, die zwar unabhängig von einander arbeiten, aber zu einem einheitlichen Ergebnis führen: Nämlich zu einer Erinnerung, die uns sowohl die Bilder, als auch die Emotionen einer vergangenen Situation vergegenwärtigt.

Man stelle sich nun vor, unsere Gefühle passen nicht mehr zu unseren Erinnerungen. Man stelle sich vor:

Wir nehmen einen vertrauten Menschen sinnlich wahr wie eh und je, verbinden aber mit dieser Sinneswahrnehmung nicht mehr die Gefühle, die die Vertrautheit zu diesem Menschen begründen. Unser Streben nach Kausalität veranlasst uns sogar zu glauben, dass es sich hierbei um einen Doppelgänger handeln muss.

Ein Szenario, das für Menschen, die am Capgras-Syndrom leiden, Realität ist. Nach Schlaganfällen, Hirnverletzungen, aber auch nach psychischen Störungen, wie beispielsweise der Schizophrenie, kann dieses Phänomen auftreten. Patienten erkennen urplötzlich ihre Freunde, Geschwister, oder sogar ihre Eltern nicht mehr als solche. Sie nehmen die Gestalt des bekannten Menschen zwar wahr, können jedoch nicht begreifen, dass es sich hier tatsächlich um ihren beispielsweise besten Freund handelt. Um dieser Widersprüchlichkeit zu entkommen, legen sich die Betroffenen bizarre Erklärungen zurecht: So werden Verwandte schließlich als Doppelgänger enttarnt.

Was ist für diese Fehlfunktion unseres menschlichen Geistes verantwortlich? Die Ursache ist neurobiologischer Natur. Stark vereinfacht lässt sich das folgendermaßen erklären:

Das Lichtmuster eines vertrauten Menschen fällt auf unsere Retina. Der Reiz löst eine Kaskade von feuernden Neuronen aus. Schließlich wird das Signal im expliziten Gedächtnis mit Inhalten „abgeglichen“ und beispielsweise als unsere Mutter „erkannt“. Synchron durchläuft der Reiz unser Emotionszentrum, wo ihm Gefühle „zugeordnet“ werden. Diese wiederum werden mit den Gefühlen im impliziten Gedächtnis genau zu diesem Reiz „verglichen“. Angelangt in den höheren Hirnregionen, wird uns das Ergebnis bewusst: Der Mensch ist meine Mutter. Oder bei Capgras-Syndrom-Leidenden: Der Mensch sieht aus wie meine Mutter, ist es aber nicht. Der Grund ist folgender: Was immer wir betrachten, wird im Gehirn mit den passenden Gefühlen versehen. Und genau so ist das Gesicht eines bekannten Menschen mit entsprechenden Emotionen gekoppelt. Diese Verbindungen scheinen bei Patienten mit Capgras-Syndrom gestört zu sein. Die Gefühle, die im impliziten Gedächtnis zu einem bestimmten Gesicht „abgespeichert“ sind, werden auf einmal bei genau diesem Gesicht nicht mehr hervorgerufen. Zwei Module erzeugen also sich widersprechende Ergebnisse. Im expliziten Gedächtnis wird das Gesicht z.B. unseres Freundes „erkannt“, doch ohne die Empfindungen Vertrautheit, Geborgenheit, Liebe etc. bleibt dem von Emotionen gejagten Verstand gar nichts anderes übrig als mal wieder auf sein „Herz“ zu hören, nämlich auf seine Gefühle – und den Wahrgenommenen als Doppelgänger unseres Freundes einzustufen.

Dies offenbart außerdem, dass Sehen mehr ist als ein bloßer Wahrnehmungsvorgang. Gefühle sind fester Bestandteil des visuellen Prozesses. Mit ihnen strukturieren und bauen wir uns von klein auf eine Welt, in der wir ohne sie jegliche Orientierung verlieren würden.

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ist Psychologiestudent an der Universität Kiel und veröffentlicht Artikel in der Kategorie "der Mensch".
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