wenn die tür geschlossen wird, sind auch die hunde
still in ihren hütten. der flugverkehr ist eingestellt, kein
rasenmäher und kein weckerticken, nichts stört.
— Nadja Küchenmeister

Wie aus Medienabfall Mehrwert entsteht

Von | 26. Januar 2010 | Kategorie: Der Mensch | 3 Kommentare | 4.333 Aufruf(e)

Oder: Wie man den Marktwert von Abfall ignoriert und seinen Gebrauchswert wiederentdeckt. Der Künstler Bernd Nothen (Freiburg)  und die Metaphormose von Plakat- und Zeitungsmüll zu Kunst.

Die Mediengesellschaft produziert Müll und begann doch mit der Verheißung, wenigstens dem (Papier-)Müll ein Ende zu bereiten. Man sprach damals in den Achtzigern mit der Einführung des PC vom möglichen „Ende der Papierflut“.

Jede Fahrt zum Recyclinghof, ja schon ein Blick auf den eigenen Papierkorb lehrt uns : das Gegenteil ist eingetreten – eine neue, bislang unbekannte Papierflut überrollt uns wie ein Tsunami, spült Papiermüll in jedes Büro, jeden Briefkasten, jedes Wohnzimmer.

Der Bildschirm ersetzt das Papier keinesfalls, bereitet vielmehr im Verbund mit einem fleißigen Drucker seine inflationäre Vermehrung vor. (Keine Zeitung, kein Buch, das nicht digital konzipiert ist.) Gemäß der Logik des Marktes tendiert der Wert dieser Papierflut gegen Null und so gehen wir konsequenterweise mit ihr um: wir entledigen uns ihrer so gut es geht.

Einige verwirrte Zeitgenossen allerdings wollen sich partout dieser Logik des Marktes entziehen, Obdachlose bereiten sich unter den Brücken der Städte ihr Bett mithilfe von Plakatresten und Werbezeitungen und – man ahnte es bereits:  manchmal verliert sich ein Künstlerherz sehenden Auges in Liebe zu diesem Papiermüll.

Was ginge uns das alles an, wenn wir nicht dann und wann einem Künstler begegneten, der sich der Druckerzeugnisse sammelnd annimmt, derer  wir uns gerade entledigt hatten? Diese Zumutung besagter Künstler beleidigt unser gesundes Konsumentenempfinden indem sie uns zu Mitspielern eines alten Kinderspiels macht, das da heißt: „Ich sehe was, was Du nicht siehst“, will sagen: „ich sehe Werte, wo Du keine siehst“. Ich spreche von Künstlern, die aus Papiermüll wahre Kunstlandschaften erblühen lassen. Zu ihnen gehört der Künstler Bernd Nothen aus Freiburg. Seine (Kunst-)Väter sind die Vertreter der „objets trouves“, spezieller der „affiches dechirees“, der zerrissenen Plakate.

Er provoziert, indem er

„dem Banalen, den Makulaturen unserer Konsumgesellschaft, genauer: ihren papierenen Kommunikationsfragmenten die Würde des Besonderen verleiht.
Das gemeinhin Übersehene adelt er zum Artefakt, indem er es buchstäblich dem nivellierenden Tritt der Zeit entzieht und mit subtilen Methoden bearbeitet und damit neue Werte, eben Mehrwert aus Nichtwert schafft. (zitiert aus: S.Tolksdorf in B.Nothen, Verlorene Botschaften)

Dem Schüler der Essener Folkwangschule gelingt eine Metamorphose des Beliebigen, Wertlosen zum Einmaligen, ästhetisch Wertvollen. “Im Übergangenen nimmt der ästhetisch versierte Blick ‘Miniaturdramen’ wahr, deren besonderer Reiz im Wechselspiel analoger Formen und Farben besteht.

Für den vielseitigen Künstler wird das Hin- und Fortgeworfene, unter die Räder und Füße geratene – Überbleibsel von Werbezetteln, Flugblättern und Reklamepaketen – Anregung zu eigener Bildgestaltung. (Tolksdorf a.a.O.) Nothen macht aus bildnerischer Kakophonie Poesie.

„So wie Musik eine Poesie des Hörens ist, so ist die Malerei eine Poesie des Sehens ” (Whistler)

Auf diese Weise wird Kunst als Poesie des Sehens zur notwendigen Antithese all dessen, was die Mehrheitsgesellschaft verbraucht, im Wortsinne ‘verwirft’. Weggeworfenes wird zum wiedergefundenen, Flaches zu Tiefem, Hässliches zu Schönem. Ein wichtiger und interessanter Beitrag zeitgenössischer Kunst.


[Weiteres zum Künstler: www.bernd-nothen.de]

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ist freier Mitarbeiter bei kulturstruktur und behandelt Themen rund um die darstellende Kunst, Theologie und Sozialwissenschaften.
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3 Kommentare »

  1. Vielen Dank für den interessanten Artikel. In diesem Frühjahr wird es auch ein neues Buch von Bernd Nothen geben. Beste Grüße, Sebastian

  2. [...] schreibt darüber wie Bernd Nothen aus Medienabfall Mehrwert entstehen lässt. Zum Artikel auf Kulturstruktur. 11 Mrz Posted on 11. März 2010 at 23:21, filed under Bernd Nothen, Bilder and tagged Bernd [...]

  3. [...] am Betrachter, sich die verloren geglaubten Botschaften zurückzuholen. . Mehr zu Bernd Nothen bei Kulturstruktur und beim modo [...]

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