This year has one day.
It happens again when I try to sleep.
Problems to wake up? None.
I’ve got problems to fall asleep.
— The Notwist

Wenn von Erinnerungen nur noch Gefühle bleiben

Von | 3. Oktober 2009 | Kategorie: Die Natur | Ein Kommentar | 3.485 Aufruf(e)

Sie sitzen im Garten mit dem Laptop auf dem Schoß und lesen die Artikel des Internetmagazins „Kulturstruktur“. Die Sonne strahlt und der Wind weht durch das Blumenbeet, in dem sich soeben zwei surrende Libellen dem Geschlechtsakt hingeben. Sie schlürfen an Ihrer Tasse Schwarztee und lehnen sich zufrieden in Ihren Klappstuhl zurück. Und plötzlich kommt Ihnen die gesamte Situation seltsam vertraut vor.

Die Sonne, der Wind, die surrenden Libellen, der Geschmack des Tees auf der Zunge, – ja selbst die Zeilen, die Sie gerade auf „Kulturstruktur“ gelesen haben, glauben Sie bereits zu kennen. Sie stellen mit großem Befremden fest, genau diese Geschehnisse an diesem Ort schon einmal erlebt zu haben, können sich aber an keine solche Situation erinnern.

Eine derartige Déjà-Vu-Erfahrung, also das seltsame Gefühl ein Ereignis genau so schon mal erlebt zu haben, hatten rund 50 bis 80 Prozent aller Menschen zumindest einmal. Viele empfinden ihren eigenen Körper und die Welt als unwirklich. Andere betrachten sich aus einer anderen Perspektive oder können genau vorhersagen, was als nächstes geschieht. Solche Situationen beschreiben die meisten Menschen als illusionär und traumhaft. Sie begreifen also, dass Ihr Verstand sie in die Irre geführt hat und dennoch überkommt sie ein verführerischer Gedanke: „Das könnte ich in einem früheren Leben schon einmal erlebt haben!“Zerstören wir einmal unsere schöne Fantasie und behaupten ganz wagemutig, es gebe kein Leben nach dem Tod und auch keine hellseherischen Fähigkeiten. Wie ist dann das Phänomen des Déjà-Vus zu erklären?

Freud glaubte, dass Déjà-Vus aus dem Wunsch resultieren, verdrängte und traumatische Ereignisse zu rekapitulieren. Da Freud keine empirischen Belege vorlegen konnte, schenkte man seiner These keine Aufmerksamkeit. Dennoch ist die Beschreibung des „Unbewussten“ eine seiner größten Errungenschaften, die man in der modernen Kognitionspsychologie zur Hilfe zieht, um dieses Phänomen zu erklären.

In unserem Unbewussten stecken Aber- Millionen Erinnerungen, auf die wir nicht mehr zugreifen können. Der Hippocampus beinhaltet das deklarative (episodische) Gedächtnis. Also alle unsere Erlebnisse und Erkenntnisse, die wir im Laufe des Lebens sammeln. Zu den jeweiligen Gedächtnisinhalten werden in einem anderen Hirnareal, z.B. der Amygdala, Gefühle abgespeichert, die scheinbar löschungsresistenter sind als bloße Fakten. Aus dem Grund kann es sein, dass ein Gegenstand, den wir vor Jahren so ähnlich schon einmal gesehen haben, uns aber nicht mehr an ihn erinnern, plötzlich ein Gefühl auslöst, das wir bereits kennen: Die gesamte Situation erscheint uns seltsam vertraut. Meist reicht ein Aspekt, ein charakteristischer Geruch beispielsweise, den wir in einem anderen Kontext früher schon ein mal erlebt haben, um ein Gefühl der Vertrautheit auszulösen. So muss dieser Aspekt nicht einmal mehrere Jahre zurückliegen; ja, er muss nicht einmal vergessen werden um ein Déjà-Vu-Erlebnis herbeizuführen.

Ein Beispiel: Wir nehmen beim Autofahren in unserem peripheren Sichtfeld einen alten Mann mit Krückstock wahr, jedoch nicht bewusst, schließlich müssen wir uns auf den Straßenverkehr konzentrieren. Ein wenig später stehen wir an einer Ampel, und der Mann mit Krückstock läuft wieder an uns vorüber. Er kommt uns nun seltsam vertraut vor, obwohl wir uns sicher sind, ihn niemals zuvor gesehen zu haben.

Der Stimulus des Mannes, also die Lichtwellen, die seine Gestalt auf unsere Retina reflektiert, werden in unserem Unbewussten bereits als vertraut erkannt. So glauben wir fälschlicherweise, die gesamte Situation schon mal erlebt zu haben, wohlwissend, dass es eigentlich unmöglich ist.

Wie ein Déjà-Vu-Erlebnis auf neurologischer Ebene genau abläuft, ist erst bruchstückhaft geklärt. Für Neurologen ist ein Déjà-Vu eine Fehlleistung des Gehirns. Das Zusammenspiel zwischen Hippocampus und parahippocampalem Cortex funktioniert nicht richtig. Letzterer ist dafür zuständig, neue Reize mit alten Erinnerungen im episodischen Gedächtnis, also im Hippocampus, abzugleichen. Manchmal unterläuft ihm ein Fehler und er ordnet einem Eindruck das vertraute Gefühl zu, obwohl kein dazu passender Gedächtnisinhalt vorhanden ist. Wenn er neue, noch unbekannte Reize fälschlicherweise als bekannt klassifiziert, kommt es zu der seltsamen Mischung der beiden Gefühle Vertrautheit und Befremden, die ein Déjà-Vu-Erlebnis charakterisieren.

Feststeht, dass an diesem Phänomen mehrere Hirnregionen beteiligt sind, die sowohl an Selbst- und Wirklichkeitsentfremdung, als auch an verändertem Zeitgefühl und anderen komplexen Bewusstseinsvorgängen beteiligt sind.
In Korrelationsstudien fand man heraus, dass Stress und Müdigkeit häufig mit Déjà-Vu-Erlebnissen einhergehen. Ebenso ergab sich in den Studien ein deutlicher Zusammenhang zwischen Vorstellungskraft und der Häufigkeit erlebter Déjà-Vus. Zwar zählen Déjà-Vus zu Gedächtnisstörungen, allerdings deutet nichts darauf hin, dass Menschen, die häufig dieses Phänomen erleben, unter Gedächtnisproblemen leiden.

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ist Psychologiestudent an der Universität Kiel und veröffentlicht Artikel in der Kategorie "der Mensch".
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Ein Kommentar »

  1. [...] Es kann sein, dass ein Ort den wir besucht haben, uns aber nicht mehr an ihn erinnern, plötzlich ein Gefühl auslöst, das wir bereits kennen: Die gesamte Situation erscheint uns seltsam vertraut. Meist reicht ein Aspekt, ein charakteristischer Geruch beispielsweise, den wir in einem anderen Kontext früher schon einmal erlebt haben, um ein Gefühl der Vertrautheit auszulösen.  Einen interessanten Bericht über Déjà-Vu-Erlebnisse schrieb Julius Ziebula in Kulturstruktur. [...]

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