Was aus den Händen fällt wird den Strand bilden
Bewegungen verblassen, Gesten zerfließen im Dunkel
— Steffen Popp

Weibliche Beschneidung: Grausames Ritual oder wichtiger Bestandteil des Lebens?

Von | 12. Oktober 2009 | Kategorie: Die Gesellschaft | Unkommentiert | 6.414 Aufruf(e)

Die Verfilmung der Bestseller Autobiografie Wüstenblume von Waris Dirie ist seit Kurzem in den Kinos angelaufen. Das Buch erzählt die Geschichte eines Mädchens, das in einer Nomandenfamilie in der somalischen Wüste geboren wurde, vor einer Zwangsheirat nach Mogadischu floh und einige Jahre später als Model entdeckt wurde  und erfolgreich Karriere machte. Brisant wurde diese Lebensgeschichte dadurch, dass sich Waris Dirie im Alter von fünf Jahren dem Ritual der Beschneidung unterziehen musste.

Seither kämpft sie gegen die weibliche Zirkumzision. So war sie beispielsweise bis 2003 Sonderbotschafterin der UNO gegen die Beschneidung von Frauen und Dirie erhielt zahlose Auszeichnungen für ihr Engagement. Mit der aktuellen Verfilmung erfährt das Thema erneute Aufmerksamkeit. So ist der Kampf gegen „das archaische Ritual, (…) die menschenverachtende Tradition der Genitalverstümmelung,“ wie es auf der Webseite des Films heißt, neu entbrannt.

Warum wird das Ritual immer noch praktiziert? Was genau versteht man unter der weiblichen Beschneidung? Wie wird dadurch die Gesundheit beeinträchtigt? Ist die negative Haltung der westlichen Welt und deren strikte Ablehnung, sowie deren Verurteilung als frauenverachtend überhaupt gerechtfertigt?

Die weibliche Genitalbeschneidung wird in über zwanzig afrikanischen Ländern praktiziert. Das Phänomen tritt aber auch in Asien, Südamerika und im Nahen Osten in Erscheinung. Nach Schätzungen der UNICEF sind mindestens 130 Millionen Frauen weltweit beschnitten und täglich kommen circa 6000 Mädchen hinzu. In Ägypten, Somalia, Guinea und Mali wurde an über 90 % der Frauen die Klitoriszirkumzision durchgeführt.

Es gibt verschiedene Arten der Beschneidnung, die sich im Schweregrad unterscheiden. Die mildeste Form wird milde oder modifizierte Sunna genannt, dabei handelt es sich um eine Exzision des Praeputium clitoridis mit der teilweisen oder vollständigen Entfernung der Klitoris. Bei der Klitoridectomie wird außerdem ein Teil der gesamten kleinen Schamlippe entfernt. Die Infibulation, auch pharaonische Beschneidung, genannt, ist der schwerste Eingriff in den Körper: Sowohl die kleine als auch die große Schamlippe werden entfernt und die verbleibende Haut zusammengenäht, sodass sich ein großes Narbengewebe über der Vaginalöffnung bildet.

Durchgeführt wird das Ritual von traditionellen Hebammen oder professionellen Beschneiderinnen mit Rasierklingen, Scheren oder Messern und meistens ohne Narkose. Die Mädchen sind normalerweise zwischen sechs und neun Jahren alt, wobei es auch Volksgruppen gibt, in denen die Kinder schon in den ersten Lebensmonaten, oder aber erst im Alter von vierzehn bis achtzehn beschnitten werden. Die gesundheitlichen Folgen sind vielschichtig, jedoch muss beachtet werden, dass vorgenommene Untersuchungen meist ungenau sind und es an einer Überprüfung der Richtigkeit der Ergebnisse fehlt.

Die beschnittenen Frauen berichten zum Teil über Blutungen, Infektionen, Unterleibsschmerzen, Fisteln, Verletzungen an der Urethra und am Anus. Sie haben häufig Schmerzen bei der Menstruation, weil das Blut nur langsam ablaufen kann. Komplikationen beim Geschlechtsverkehr sind ebenfalls nicht selten. Beim Vollzug der Ehe hat der Ehemann große Probleme, eine infibulierte Frau zu penetrieren. Es kann passieren, dass er die Frau selbst „öffnen“ muss, oder er aber unbeabsichtigt einen falschen Vaginalkanal schafft, was zur Dehnung und Invagination des Hautgewebes führt. Die Folge davon ist, dass beschnittene Frauen angeblich nicht orgasmisch sind und aufgrund von Blutungen und Infektionen psychische Traumata erleiden.

Wie konnte ein so folgenschweres Ritual entstehen? Man nimmt an, dass die Beschneidung schon zu Beginn der Menschheitsgeschichte praktiziert wurde und als Ersatz für Menschenopfer diente. Heredot berichtet von weiblichen Zirkumzisionen im Ägypten des 5. Jahrhunderts vor Christus. Außerdem wurde nachgewiesen, dass die Praxis ebenfalls bei den Arabern und Römern durchgeführt wurde, dabei allerdings auf Frauen beschränkt war, die einen hohen sozialen Rang einnahmen.

Meist genannter Grund für die Beschneidung ist die Tradition. So herrscht bei manchen afrikanischen Völkern der Glaube vor, der Mann würde krank und impotent werden, wenn er beim Geschlechtsverkehr mit der Klitoris in Berührung käme. In Nigeria ist zum Teil die Vorstellung verbreitet, dass die Berührung des Kindes mit dem weiblichen Geschlechtsorgan zu einem Wasserkopf oder zum Tod des Babys führen könnte. In ländlichen Gebieten Ägyptens wird angenommen, die Geschlechtsteile einer Frau würden mit der Zeit in die Länge wachsen wie ein Penis. Um eine vollständige und schöne Frau zu werden, muss folglich dieses „männliche Organ“ (wachsende Klitoris) entfernt werden.

Auch wird Hygiene häufig als Grund für die Beschneidung angeführt. In arabischen Ländern gelten Genitalien im natürlichen Zustand oftmals als unrein. Durch die Beschneidung soll Geruch verhindert und Keime abgehalten werden. Außerdem spielt die Ästhetik eine große Rolle. So gilt die Klitoris in Ägypten als hässlich. Nur Frauen mit abgetrennten äußeren Geschlechtsmerkmalen fühlen sich rein, zart, weiblich und sexuell attraktiv.

Mag in unserer Kultur eine derartige Praxis auch noch so absurd und sinnlos erscheinen, die Menschen führen die Beschneidung nicht ohne Grund durch. Diese Tradition hat sehr viel mit individuellen Bedürfnissen zu tun. So ist die Beschneidung beispielsweise bei den Ja’aliyin im Sudan und den Arsi Oromo in Äthiopien nicht schlichtweg eine barbarischer Brauch, der aus irrationalen Gründen vollzogen wird. Sie ist ein Element der sozialen, ethnischen und religiösen Identität. Nur beschnitten Frauen können in die Gemeinschaften aufgenommen werden, denn nur sie bekommen einen Mann und können ihre Rolle als Ehefrau und Mutter wahrnehmen. Interessanterweise freuen sich die Mädchen sogar auf den Tag ihrer Beschneidung, weil sie damit in ihrem Status aufsteigen und zu den älteren Mädchen ihrer Gemeinschaft gehören.

In der westlichen Welt wird die Zirkumzision einseitig diskutiert. Isoliert und rational betrachtet erscheint uns die Beschneidung als qualvolles absurdes Ritual. Aber man darf nicht vergessen diese Praktik im Gesamtkontext des Lebens der Frauen zu sehen. Betrachtet man dieses Phänomen aus der Kultur heraus, kommt man zu dem Ergebnis, dass viele der betroffenen Frauen die Entfernung der Genitalien nicht als Verstümmelung, sondern als Verbesserung oder Verschönerung ihres Körpers empfinden. Die Infibulation wird meistens als positives Ereignis und als Steigerung des Lebensstandards wahrgenommen.

Einige Frauen in Kulturen, in denen die Beschneidung praktiziert wird, halten unbeschnittene Genitalien häufig für unmodern und unzivilisiert. Durch die vielen Kampagnen der westlichen Welt gegen die Beschneidung fühlen sich afrikanische Frauen sogar persönlich angegriffen und ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt. Es wird dann beispielsweise darauf hingewiesen, dass sie sich auch nicht in unsere kosmetischen Operationen, von Brustvergrößerung, Nasenverkleinerungen bis hin zur Fettabsaugung, einmischen würden und sich für ein Verbot aussprächen. Ferner ist beim Thema der Zirkumzision anzumerken, dass körperlicher Schmerz in vielen Kulturen eine wichtige soziale und rituelle Bedeutung hat.

In der westlichen Welt versucht man in jeder Hinsicht den Schmerz zu unterdrücken. In anderen Teilen der Welt wird er als etwas erachtet, was es auszuhalten gilt, was überwunden werden muss, um charakterlich zu wachsen und positive Transformationen im Individuum zu bewirken. Es geht bei der Entfernung weiblicher Genitalien auch meistens nicht darum Frauen zu unterwerfen. Bei mehreren Studien wurde deutlich, dass es in erster Linie die Frauen selbst sind, die diesen Brauch weiterführen wollen und Männer dieses Ritual viel weniger unterstützen.

Ebenso dürfen wir hier im Westen auch nicht vergessen, dass in Europa und Amerika noch in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Beschneidungen an Frauen von Ärzten durchgeführt wurden, um sie von Hysterie, Nymphomanie und Masturbation zu heilen. Das Verhalten der Europäer und Amerikaner, alles daran zu setzen, diese Tradition auszulöschen, empfinden viele Menschen in Afrika als Unterdrückung. Häufig bringen sie dieses Auftreten mit der kolonialen Vorherrschaft in Zusammenhang. Folglich wird mit dem Kampf gegen die Beschneidung oftmals das Gegenteil erreicht – die Praxis wird verteidigt.

Dieser Text soll keine Rechtfertigung für die Klitorisbeschneidung sein. Es soll aber darauf aufmerksamen gemacht werden, dass wir unsere Vorstellungen von Werten, Gesundheit und Gerechtigkeit nicht automatisch auf andere Kulturen übertragen können, in denen ein völlig anderes Normensystem herrscht. Die Frage dabei ist: Was wiegt mehr – die körperliche oder die soziale Lebensqualität? Beschnittene Frauen haben häufiger gesundheitliche Probleme, sind aber in ihrer Gemeinschaft integriert.

Um die Zirkumzision einzudämmen, müssten sich zunächst die grundlegenden Missstände in den betroffenen Ländern verändern. Anstatt wie verrückt gegen die Beschneidung anzukämpfen, sollte die jeweilige Regierung stärker in ihren Vorhaben die Infrastruktur, Ernährung, Wasser- und medizinische Versorgung und das Rechtssystem zu verbessern, unterstützt werden. Den Frauen müssen neue Lebensmodelle zur Verfügung stehen. Erst dann kann sich für die Mädchen etwas ändern. Deutlich wird dies an folgender Szene: Die Aussage einer westlichen Wissenschaftlerin, dass die Beschneidung ein Trauma für die Betroffenen sei, veranlasste eine beschnittene afrikanische Frau zu der Feststellung: „Why do you think that it is such a problem? That happend a long time ago and hurt for a short while. My husband’s beatings are a much greater problem.“

Man kann Argumente für und gegen dieses Ritual finden. Feststeht aber, dass man die Beschneidung im Kontext verstehen muss, ehe man darüber urteilt. Zweifellos stellt die Klitoriszirkumzision eine Form von Gewalt dar, solange sie gegen den Willen eines Individuums geschieht. Kindern und Säuglingen wird dabei häufig die Selbstbestimmung über ihren Körper genommen. Solange aber erwachsene Frauen keinem Zwang unterliegen und die Möglichkeit haben, sich aus freiem Willen für oder gegen die Beschneidung unter sterilen Bedingungen zu entscheiden, muss diese Operation auch von der westlichen Welt toleriert werden.

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ist Jura- und Ethnologiestudentin an der Universität Tübingen und schreibt für Kulturstruktur überwiegend für die Kategorie "Umwelt und Gesellschaft".
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