Der Sommer endet, und spät am Nachmittag
Trübt sich das Licht nicht mehr – bleibt klar, hart.
Die Bäume ums Haus sind voll von dem Wind
— Timothy Steele

Überall Faschismus/3. Teil: Ein Monster mit zwei Köpfen (Aus der Reihe: Zur Rolle von Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte)

Von | 5. Mai 2015 | Kategorie: Die Gesellschaft | Unkommentiert | 1.995 Aufruf(e)

Nach den Ausführungen im vergangenen Abschnitt lässt sich kaum leugnen, dass real- wie auch ideengeschichtlich Islam und Islamismus durchzogen sind von Aggressionen gegen Juden – Aggressionen in Wort und Tat. Wie aber verhält es sich mit dem zu Beginn dieses Teils angesprochenen Faschismusvorwurf gegen den Islam?

Islamkritiker weisen immer wieder und nicht zu Unrecht daraufhin, dass der Islam „mehr“ ist als „nur“ eine Religion. Stattdessen müsse man von einer Einheit von Staat, Religion und Recht sprechen. Für den Publizisten und Erziehungswissenschaftler Hartmut Krauss leitet sich aus dem Anspruch des Islam, zugleich religiöses Glaubenssystem, gesellschaftliche Ordnungslehre, Alltagsethik und Erziehungsgrundlage zu sein, der politischer Charakter der Islam ab (http://zeitfragen.blog.de/2013/08/30/hartmut-krauss-islam-grund-menschenrechtswidrige-weltanschauung-buchbesprechung-georg-schliehe-16346792/). Krauss’ These: „Der Islam in seiner orthodoxen Grundgestalt“ ist „eine totalitäre grund- und strafrechtswidrige Herrschaftsideologie mit einer monotheistisch-dogmatischen Prämisse.“ Das Individuum sei im Islam ein „gehorsamspflichtiger Gottesknecht“; der absolute Herrschaftsanspruch dieser Religion gehe mit einer militanten Bekämpfung der Ungläubigen einher, und der Koran gebiete die Demütigung, Ungleichbehandlung und Unterdrückung von Nichtmuslimen (http://hpd.de/node/16072).

Zu den Stellen im Koran, die der islamischen Gemeinschaft so etwas wie eine Vorherrscherrolle zuerkennen, gehört z.B. Vers 143 der zweiten Sure, wo es heißt, Gott habe „euch [gemeint sind die Muslime] zu einer in der Mitte der Gesellschaft stehenden Gemeinschaft gemacht“, und Vers 3:110, der kundtut: „Ihr (Gläubigen) seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist […]. Ihr gebietet, was recht ist, verbietet, was verwerflich ist.“ Nicht zu Unrecht leitet manch einer aus solchen Koranstellen eine Art göttliches Mandat ab, als Repräsentant Gottes hier auf Erden eine gerechte Gesellschaft im Sinne Gottes zu schaffen – „im Sinne Gottes“, d.h. auf der Basis des göttlichen Gesetzes. Muslime sind dann nicht einfach bloß im Glauben an den einen Gott vereint, sondern dieser Glaube hat zugleich auch eine rechtliche Seite, die Scharia, zu der bereits der Koran grundlegende Ansätze liefert. Und diese Gemeinschaft, so legt es jedenfalls 3:110 nahe, ist anderen Gemeinschaften überlegen. Auch das Gottesbild des Islam spielt hier eine nicht unerhebliche Rolle. Zweifelsohne zum Kern des Islam gehört die Idee von der Einzigkeit und Einheit Gottes („Tauhid“). Der Gedanke der Einheit aber ist im Islam nicht bloß Grundlage aller Geistlichkeit, sondern durchdringt auch die gesellschaftliche Ordnung. Diese Verbindung von Religion, Recht und Staat wird von prominenten Vertretern des Islam in Deutschland auch gar nicht bestritten. So schrieb Axel Köhler – von 2006 bis 2010 immerhin Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland – , dass die Glaubensgrundsätze des Islam und das islamische Recht den „quasi-totalen Anspruch der Religion auf Mensch und Gesellschaft“ zeigen (Axel Köhler: Islam: Leitbilder der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Köln 1981, S. 28); „diese Staatsform“, gemeint ist die Demokratie, sei „dem Islam fremd“, heißt es weiter (ebd., S. 33). Hamed Abdel-Samad hat diesen Punkt in der Welt vom 29.3.2014 auf die Formel gebracht: „Demokratie bedeutet: Das Volk entscheidet. Islam bedeutet, Gott ist der Gesetzgeber.“

Besitzt der Islam, betrachtet als politisches System, d.h. aufgrund seines ganzheitlichen Anspruchs in Kombination mit der Idee von einem Gott als dem einen und einzigen Gesetzgeber, aber wirklich Züge eines faschistischen Gesellschaftssystems? Und ist dieser Islamfaschismus gar ein “monster with two heads, one religious and the other secular”, wie der Publizist und Politikberater Norman Podhoretz, einer der Hauptvertreter des amerikanischen Neokonservatismus, in seinem Buch “World War IV. The long struggle against Islamofascism” schreibt?

Der Koran, so behaupten die Theoretiker der Vereinbarkeit von Demokratie und Islam, bevorzuge keine konkrete Regierungsform, also auch keine totalitäre oder autoritäre Diktatur. Es gibt, so der Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe, im ganzen Koran einen einzigen staatsrechtlich relevanten Vers: „Gehorcht Gott, gehorcht dem Gesandten und gehorcht denen, unter Euch, die zu befehlen haben“; dies könne, so Rohe weiter, „ein Kalif sein oder ein Militärregime, aber auch ein Parlament“; diesbezüglich herrsche eine „weitreichende Interpretationsfreiheit“ (Vgl.: „Eine spannende Dynamik.“ Interview mit Mathias Rohe. In: Der Islam München 2011, S. 76). Manche Interpreten erblicken in der sogenannten „Schura“, also in der im Koran vorgesehenen Instanz der Beratung bzw. des Ratgebergremiums (vgl. die mit „Die Beratung“ überschriebene Sure 42, ferner auch Sure 3:159) sogar Ansätze zur Demokratie, begreifen den Schura-Begriff im parlamentarischen Sinne.

Andererseits kann man aus der Sunna des Propheten auch antidemokratische, gewalttätige Züge herauslesen. Das betrifft z.B. Hadithe, nach denen Mohammed mit Gewalt gegen seine Kritiker vorging (vgl. dazu etwa Abdel-Samad a.a.O., S. 65). Auch erscheint er in zahlreichen Artikeln der Gemeindeordnung von Medina als göttlich legitimierter Herrscher und oberster Richter in allen Streitfragen. Unter dem Aspekt der Mittlerrolle des Propheten zu Gott kann man die erste islamische Verfassung also als theokratisch bezeichnen. Ludwigs Bemerkung, es wäre hier nichtsdestoweniger ein „erstes demokratisches Element“ zu erkennen, nämlich die Gleichheit aller Gläubigen (Ludwig a.a.O., S. 63), ist mit Vorsicht zu genießen. Die Gleichheit bezog sich eben nur auf die Gläubigen, d.h. die Muslime, nicht aber z.B. auf Juden (vgl. hierzu Sure 49:10). Als nicht unproblematisch erweist sich in diesem Zusammenhang auch das koranische Verhältnis zur Glaubens- und Religionsfreiheit. Zwar berufen sich Islamverteidiger hier immer wieder auf Vers 2:256, demzufolge es keinen Zwang im Glauben gebe. Für Apostasie hat der Koran allerdings das ewige Höllenfeuer vorgesehen, und die Sunna bestimmt auch, was derjenige, der sich vom Islam abwendet, schon im Diesseits zu erwarten hat: die Todesstrafe.

Auch die gelegentlich vorgebrachte Behauptung, dass die von Islamgegnern und Islamisten bestrittene Kompatibilität von Demokratie und Islam die Antwort auf ein falsch gestelltes Problem sei und an den Demokratisierungsprozessen der islamisch geprägten Gesellschaften vorbeigehe, ein zentrales Manko der gegenwärtigen Diskussion also in zustandsreduzierten, statischen Begriffen von „Islam“ und „Demokratie“ liege (so etwa der deutsch-iranische Soziologe Dawud Gholamasad, s.: http://gholamasad.jimdo.com/artikel/zur-kompatibilit%C3%A4t-und-inkompatibilit%C3%A4t-vom-islam-und-demokratie/), kann über die in den heiligen Schriften festgelegten Grundprinzipien nicht hinwegtäuschen. Das heißt: Die Geschichte unterliegt natürlich Wandlungen, aber der Interpretationsspielraum der Texte ist nicht unbegrenzt.

Auf der anderen Seite wieder muss man sehen, dass der Islam, anders als das Christentum, über keine kirchliche Institution verfügt; der sunnitische Islam (dem 80% der Muslime angehören) kennt, im Gegensatz zum schiitischen nicht einmal so etwas wie eine oberste Geistlichkeit. Auch besitzt z.B. eine Fatwa bei den Sunniten keinerlei Rechtsverbindlichkeit, was zwar im Falle einer Todesfatwa deren Bedrohungspotenzial natürlich nicht schmälert, generell allerdings den Umgang mit Fatwas fast schon beliebig macht. Aus der Praxis heraus hat sich daher der Begriff „Fatwa shopping“ eingebürgert: In einem zur Entscheidung anstehenden, konkreten Fall sucht man sich die jeweils genehme Fatwa oder die jeweilige Autorität, i.d.R. einen Mufti aus, der einem die erwünschte Rechtsauskunft gibt. Und auf die Frage, wer letztlich die Scharia, ihre Verbote und Gebote und jene bis in den Alltag hineinragende Vorschriften, die in der Sunna überliefert sind und die den vielbeschworenen ganzheitlichen Charakter des Islam wesentlich ausmachen, verbindlich bestimmt, deutet und durchsetzt, gibt der Islam gleichfalls keine eindeutige, verbindliche Antwort. Die Praxis des Islam ließ und lässt daher auch hier einen gewissen Freiraum. Was die heiligen Schriften selbst angeht, so kann auch aus ihnen eher und leichter ein totaler (ganzheitlicher, alle Lebensbereiche betreffender) als ein totalitärer (autoritärer, repressiver) Charakter entnommen werden, wobei in diesem Punkt eine Trennung schwierig sein mag: Je enger und rigider die von oben diktierte oder – wie z.B. bei orthodoxen Muslimen aus dem Spektrum des puristischen Salafismus – selbstauferlegte Auslegung, umso geringer natürlich der Grad der Freiheit. Es lässt sich allerdings kaum abstreiten, dass der Zustand, in dem sich islamisch imprägnierte Staaten derzeit befinden, im Hinblick auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Wahrung der Menschenrechte, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit gelinde gesagt zu Wünschen übrig lässt.

Gegen Versuche, Islam und Faschismus auf eine Stufe zu stellen, wird oftmals angeführt, dass der Islam keinen Nationalismus kenne, so etwa vor kurzem Lamya Kaddors Einwand gegen Abdel-Samads These vom Islamischen Faschismus. Das ist zwar richtig; so heißt es z.B.in Sure 49:13: “O ihr Menschen, wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget. Wahrlich, vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der Gottesfürchtigste ist.“ Auch gibt es Hadithe, nach denen Mohammed gesagt haben soll, es zeuge von Unglauben bzw. Nicht-Gottergebenheit, die Menschen nach ihrer Herkunft zu beurteilen (überliefert bei Buhari). In dieselbe Richtung geht auch der folgende Hadith: „Ein Araber ist nicht besser als ein Nicht-Araber, und ein Nicht-Araber ist nicht besser als ein Araber, und ein roter […] Mensch ist nicht besser als ein schwarzer Mensch und ein schwarzer Mensch ist nicht besser als ein roter Mensch“ (Überliefert bei Musnad Ahmad). Allerdings kennt der Islam, wie oben angedeutet, eine Art Äquivalent zum Nationalismus, welches gemäß einiger Koranstellen eine kaum weniger ausgrenzende Funktion besitzt, nämlich die Umma als Gemeinschaft der Gläubigen, die sich absetzt von Juden, Christen, Polytheisten und Atheisten und als einigendes Band frühere Identitäten wie Stamm, Clan oder Volk ablöst (vgl. Anne-Sophie Fröhlich und Claudia Stodte: Islam von A bis Z. In: Dietmar Pieper und Rainer Traub (Hg): Der Islam. 1400 Jahre Glaube, Krieg und Kultur. München 2011, S. 271). Denn diese Gemeinschaft, so behauptet Allah im Koran, sei den anderen überlegen. Die Gläubigen, betont nicht bloß der bereits erwähnte Vers 3:110 (und meint mit „Gläubige“ ausschließlich Muslime) sind die beste Gemeinschaft, die gebiete, was recht ist und verbiete, was verwerflich ist. Auch Vers 9:33 kennt diesen Absolutheitsanspruch, wenn er den Islam als die gegenüber allen anderen Religionen wahre Religion bezeichnet (vgl. fast wortgleich auch 61:9). Der Koran tendiert also dazu, statt eine ethnische Gemeinschaft eine religiöse, eben die der Muslime, über die anderen zu erheben.

Darüber hinaus gibt es so etwas wie einen Primat des Kollektivistischen gegenüber dem Individuellen, der individuellen Freiheit. Das Individuum wird im Islam häufig eher im Kontext seiner Beziehung zu Gott (und nicht etwa zum Staat) betrachtet. Es scheint, was die soziale resp. politische Seite angeht, nicht bloß einen Vorrang der Umma vor anderen Religionsgemeinschaften zu geben sondern auch einen Vorrang der Umma vor dem Individuum. Der Islam verortet das Individuelle, wenn er es denn thematisiert, eher als in sozialen in „intimen Momenten“, d.h. aber: in der individuellen Nähe zu Allah, und er betrachtet Verantwortung des Einzelnen vor allem dann, wenn dieser am Tage des Gerichts sein Leben vor Allah zu verantworten hat (vgl. dazu z.B. Massouda Khan: „Kein Mensch ist eine Insel“. In: Islamische Zeitung September 2013).
Aus all dem abzuleiten, der Islam sei in seinem Kern faschistoid, ist dennoch voreilig, und zwar schon wegen gegenläufiger Charakteristika, die sich mit dem pauschalen Faschismusvorwurf nicht vereinbaren lassen. Dies gilt nicht bloß für die letztlich doch nur sehr vagen Hinweise, die der Koran mit Blick auf die Staats- und Regierungsform gibt, sondern auch für das Gottesbild. Der Gott des Koran (bzw. des Monotheismus allgemein) erscheint im Gegensatz zu einseitigen Darstellungen (etwa bei Abdel-Samad) nicht nur als der zornige, despotische Willkürgott, nicht einfach nur als „machtbesessen“, „eifersüchtig“ und „wütend“ (Abdel-Samad a.a.O., S. 66), sondern mindestens genauso häufig als der verzeihende und gerechte Gott, dessen Barmherzigkeit keine Grenzen kennt (Sure 7:156) und nach einem Prophetenwort „größer ist als mein Zorn“. Mehr als 700 Mal wird Allah im Koran als der barmherzige Gott angesprochen. Gegen die Vorstellung eines willkürlichen Gottes steht aber vor allem eine weitere Gott zugeordnete Eigenschaft: Die Gerechtigkeit. Ein Blick auf 1400 Jahre islamischer Ideengeschichte zeigt, dass es z.B. für die im 8. und 9. Jahrhundert einflussreiche Schule der Mutaziliten undenkbar war, dass Allah ein Gott der Willkür ist. Denn Gott belohnt und bestraft die Menschen nach Maßgabe ihrer Taten, für die diese selbst verantwortlich sind. So heißt es in Sure 23:62: „Und wir verlangen von niemand mehr, als er (zu leisten) vermag. Bei uns ist eine Schrift, die die Wahrheit aussagt (und alles aufführt, was die Menschen in ihrem Erdenleben getan haben). Und ihnen wird (beim Gericht) nicht Unrecht getan“ (ähnlich auch 2:286). Gegen ein tendenziös entstelltes islamisches Gottesbild ist auf solche und ähnliche Koranstellen hinzuweisen sowie darauf, dass derartige Elemente des Islam mit Faschismus nicht nur nichts zu tun haben, sondern der These vom islamischen Faschismus deutlich widersprechen.

Daraus ergibt sich, dass bei zwar nicht zu bestreitenden allgemeinen aber damit eben auch recht vage unbestimmten Ähnlichkeiten zwischen Islam und Faschismus nicht bloß – und dann vollends ungerechtfertigt – Bezüge zum konkreten, historischen Faschismus mitschwingen (z.B., die Massenvernichtung der Juden), sondern auch auf der Begriffsebene Parallelen durch entgegenstehende Wesenszüge des Islam konterkariert werden.

Kommen wir abschließend zurück auf den Anfang des vorliegenden Teils.
Wir scheinen, wenn wir auf Teile der Islamdebatte blicken, konfrontiert zu sein mit einer Welt voller Faschisten. Auf jeden Nazi aus dem Westen kommt ein muslimischer, auf jeden rechten Faschisten ein Linksfaschist. Auf jeden Meinungsfaschisten kommt ein Religionsfaschist, auf jeden Antifaschist-Faschist ein „Sala-Faschist“ (Wortschöpfung aus Salafist und Faschist).
Um sich dem Verdacht auszusetzen, Faschist zu sein, reicht es mittlerweile anscheinend aus, will man, wie es in der Ausgabe 1/2017 von “Konkret” unter der Überschrift „Subjektform des Faschismus“ heißt, „dass der Staat bei Asylanträgen ‘nicht großzügig’ ist.“ Was den Rechtspopulisten die Islamisierung, ist den radikal Linken die Faschisierung der Gesellschaft. Wer ständig und überall die Gefahr des Faschismus oder der Islamisierung heraufbeschwört, hält vielleicht die Auflage seines Magazins hoch, das Niveau hingegen nicht. Es gibt in den letzten Jahren kaum eine Ausgabe, in der “Konkret” den Faschismusbegriff nicht bis zur Unkenntlichkeit erweitert und damit unbrauchbar gemacht hat.
Ganz neu ist freilich auch dieses Phänomen nicht. Bezichtigungen der Sympathie mit Faschismus und Nationalsozialismus gehören schon seit langem zum festen Bestandteil allgemeiner Polemik, nicht nur in Deutschland. Schon Nasser, Arafat und Saddam Hussein wurden mit Hitler verglichen.

Was den Islam angeht, so teilt die „Begriffskeule ‘Islamfaschismus’“ für den Politikwissenschaftler Werner Ruf die Gesellschaften in „’gut’ und ‘böse’ ein und schafft eine unüberwindbare Differenz zwischen ‘uns’ und ‘den Anderen’“ (vgl. dazu Werner Ruf : Muslime in den internationalen Beziehungen – das neue Feindbild. In: Thorsten Gerald Schneiders: Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. 2. Aufl., Wiesbaden 2010, S.126). Das wäre, wenn es denn stimmt, paradoxerweise genau das, was, wie wir sahen, dem Islam selbst zur Last gelegt wird, mit Marx: „Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen“ und schafft damit „einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen” (so Marx in der New-York Daily Tribune vom 15. April 1854). Fragen wir (sozusagen „probeweise“) einmal in diese Richtung weiter: War und ist nicht auch der Kommunismus (jedenfalls als real existierender) totalitär, kennt nicht auch zumindest der Vulgärmarxismus eine rigide Zweiteilung, nämlich die zwischen den Klassen, hier die bösen Kapitalisten, dort die armen ausgebeuteten Arbeiter? Ist der Kommunismus also in seinem tiefsten Innern nicht auch faschistoid? Oder sollte man den Islamismus nicht „mit dem Kommunismus in Verbindung“ bringen, fragt immerhin Ernst Nolte in seinem monumentalen Werk „Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus“ Berlin 2009, S., 12) und nennt für diese Position auch gleich einen Gewährsmann, nämlich den französischen Soziologen Jules Monnerot, der den Kommunismus, in der Absicht ihn zu diskreditieren, den „Islam des 20. Jahrhunderts“ genannt hat. Ähnlich äußerte sich in den 50er Jahren auch der katholische Publizist Max Pribilla. Der Kommunismus fanatisiere als der Islam des 20. Jahrhunderts seine Gläubigen mit der Hoffnung auf ein irdisches Paradies und dulde neben sich keine Ungläubigen (Max Pribilla: Kirche zwischen Ost und West. In: Stimmen der Zeit, Januar 1951, S. 247). Wenn man jetzt noch die Reihenfolge umkehrt und den Islamismus versuchsweise als den “Kommunismus des 21. Jahrhunderts” charakterisiert, wäre ein guter Ausgangspunkt für die Erweiterung der Fragestellung erreicht, so wiederum Nolte (Ernst Nolte: Von der sozialen zur rassischen Vernichtung. In: Junge Freiheit, Ausgabe vom 02. November 2007).

Immer häufiger stößt man in letzter Zeit zudem auf eine neue Spezies von Faschist, den sogenannten „Religionsfaschisten“. Ein Vertreter dieser „Richtung“ unterwirft sich seinem Gott (=der Führer) und bekämpft alle die, die ihm darin nicht nachfolgen. Neuerdings werden daher auch Buddhisten, landläufig eigentlich angesehen als die Vertreter der friedlichsten und tolerantesten aller Religionen, mit Faschismus zusammengebracht. Im Juni vergangenen Jahres fragte z.B. die Islamische Zeitung unter der Artikelüberschrift „Faschismus in unserer Zeit?“, ob man angesichts der Gewalt buddhistischer Agitatoren in Burma nicht auch von „Faschismus“ sprechen könnte. Doch damit (immer noch) nicht genug. Stefan Weidner hat vor kurzem eine weitere Form von Faschismus ausgemacht, den „Faschismus der Aufklärung.“ Exponenten dieser Erscheinungsform berufen sich auf die Ziele der Aufklärung, ohne sie wirklich zu praktizieren (Süddeutsche Zeitung vom 1.6.2010). Andreas Popp, Unternehmer, Protagonist der neuen Montagsdemonstrationen und Gesinnungsbruder von Elsässer, wartet mit einem weiteren Begriff von Faschismus auf, wonach Faschismus „ganz klar definiert“ bedeutet, dass „Finanzen, Kapitalien, die Großkonzerne und die Politiker und die Medien das Volk gemeinsam unterdrücken“ (http://www.youtube.com/watch?v=bBNxeEZ2U54). Dazu passt auch Popps Bemerkung, „Antisemitismus“ sei „das, was gerade gegenüber den Palästinensern läuft“ (ebd.). Häufiger jedoch wird – gerade umgekehrt – Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichgesetzt oder wenigstens zusammengebracht, eben um „diese Kritik als unzulässig zu diskreditieren“ (vgl. Gudrun Krämer: Demokratie im Islam. Bonn 2011, S. 172f). Für dieses Vorgehen bekannt ist in Deutschland vor allem Broder, der sich im Besitz der Deutungshoheit über den Antisemitismusbegriff wähnend von Zeit zu Zeit entsprechende Urteile ausspricht. Zu den bekanntesten Opfern gehört neben Günter Grass der Chefredakteur der Wochenzeitung der Freitag Jakob Augstein. Nimmt man jetzt noch „Sozialfaschisten“ (Grigori Sinowjew über die Sozialdemokratie) „Gesinnungsfaschisten“, „rotlackierte Faschisten (Kurt Schumacher über Kommunisten), „Natofaschismus“ (Jürgen Elsässer), „Ökofaschisten“ (André Gorz über radikale Ökologen) und „Salonfaschisten“ (so unlängst der FDP-Politiker Michael Theurer über Bernd Lucke) hinzu, fühlt man sich, der man selbst ja weder Antisemit noch Faschist ist, mittlerweile wirklich in der Minderheit.

Dass der Faschismusbegriff durch die „Theorien“, in denen er auf diese nebulöse Weise verwendet wird, immer mehr an Kontur und Gehalt verliert und die Theorien oder besser Unterstellungen und Verunglimpfungen ihrerseits an Brisanz, braucht kaum mehr erwähnt zu werden. Klar ist also: Der Faschismusbegriff wird inflationär benutzt, überfrachtet ohne Not komplexe Diskussionen und läuft zudem Gefahr, z.B. in der Rede vom „Islamfaschismus“ die Einzigartigkeit von Auschwitz zu relativieren. Er dürfte daher bald nicht einmal mehr als Waffe in der Auseinandersetzung um die öffentliche Meinung taugen; als Mittel der Analyse eignet er sich ohnehin nur begrenzt.Und vielleicht ist es ja sinnvoll, einem Rat zu folgen, den Harald Martenstein angesichts der überbordenden Nazivergleiche vor kurzem gegeben hat: Da sich die Frage stelle, „wie man eigentlich einen echten Nazi nennen soll, wenn man mal einem begegnet, wo schon jeder lästige Nachbar einer ist“, empfiehlt er: „Man braucht eigentlich zwei Wörter, “Nenn-Nazi” und “Echt-Nazi“ (Harald Martenstein: Über Nazivergleiche. In: Die Zeit vom 20.3.2014).

Dem Islam Merkmale des Faschismus zuzusprechen, muss jedoch nicht unbedingt dem Interesse entsprungen sein, ihn ein für alle Mal abzuurteilen, sondern kann auch die Funktion haben, auf die Bedrohungen hinzuweisen, die zumindest potenziell in ihm angelegt sind. Die Bezeichnung „Neofaschismus“ im Kontext des Islam will z.B. Josef Joffe, Herausgeber und ehemaliger Chefredakteur der Zeit, als Warnung verstanden wissen. Auch der amerikanische Publizist Paul Berman räumte, nachdem er eine direkte Linie von den totalitären Staaten Europas Mitte des 20. Jahrhunderts zum Islam gezogen hatte, ausdrücklich ein, dass er die historische Analogiebildung als Mittel zur Mobilisierung gegen eine in seinen Augen unterschätze Gefahr für die westliche Zivilisation und Freiheit begreife (vgl. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages Nr. 92/05, 16.5.2005.„Islamfaschismus.“ Begriff und kritische Diskussion, S. 2). Den Einwand, bei dieser Mahnung unzulässig zu pauschalisieren, wird man nur dann entkräften können, wenn man, wie hier geschehen, versucht, kein eindimensionales Bild zu zeichnen, sondern auch die dem Faschismus entgegenstehenden Aspekte des Islam zu berücksichtigen. Dasselbe Gebot gilt für die „Kontrahenten“ auf islamischer Seite. Es wäre erfreulich, wenn sich dort die folgende Erkenntnis durchsetzen könnte: „Was vor kurzem noch einem kleinen Kreis an Rassisten und Muslimfeinden vorbehalten war, macht sich auch auf der Gegenseite Luft: der inflationäre Nazivergleich.“ Der Autor dieser Zeilen, der Chefredakteur der Islamischen Zeitung Sulaiman Wilms, warnt: „Richtig gefährlich wird ein solches Ressentiment, sollte es in einer Ablehnung der Bevölkerung („sind alles nur Rassisten“ oder ‘“Islamfeinde“) münden (Islamische Zeitung, Juni 2014, S. 15).

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ist freier Journalist und schreibt für Fachzeitschriften und Onlinemagazine Artikel und Rezensionen aus den Bereichen Philosophie und Religion. Er hat in Philosophie promoviert.
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