Du gehst davon mit seltenen Pflanzen, Steinen
führst die Schildkröte fort an einem blauen Faden
— Steffen Popp

Überall Faschismus/1. Teil: Die Farben des Faschismus (Aus der Reihe Zur Rolle von Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte.)

Von | 22. Oktober 2014 | Kategorie: Die Gesellschaft | Ein Kommentar | 3.250 Aufruf(e)

Wie in anderen weltanschaulichen Diskursen gibt es auch in der Islamdebatte eine Reihe von Begriffen, mit denen inhaltlich substanzielle Aussagen nicht getroffen werden können, sofern ihre Verwendung ausschließlich dem Interesse geschuldet ist, den Gegner zu diffamieren.Zu trauriger Berühmtheit hat es die Rede von der „Islamophobie“ gebracht, ein reines argumentum ad hominem, das von einer gehaltvollen Auseinandersetzung mit dem Islam ablenkt, indem es die gegenüber ihm vorgebrachten Befürchtungen nicht ernst nimmt und diese eben als bloße Phobie, d.h. als eine psychische Störung behandelt. Der Gebrauch anderer in der Diskussion um den Islam immer wiederkehrender Begriffe wird zu Recht oder zu Unrecht kritisiert, je nachdem, ob ihre Funktion darüber hinausgeht, im Vorhinein bestehende Vorurteile und Ressentiments bloß scheinbar zu legitimieren, dem Diktum Nietzsches entsprechend: „Du hast eine Abneigung gegen ihn und bringst auch reichliche Gründe für diese Abneigung vor, ich glaube aber nur deiner Abneigung, und nicht deinen Gründen!“

Nietzsche schrieb diesen Aphorismus in „Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorwürfe“ unter dem Titel „Gründe und ihre Grundlosigkeit“, und angesprochen hat er damit das Phänomen der (psychischen) Rationalisierung, der nachträglichen, nur scheinbar vernünftigen Erklärung vorgängiger Einstellungen, Meinungen und Erfahrungen. Das Phänomen ist in der Islamdebatte sehr häufig anzutreffen, und zwar nicht nur derart, dass einige ihrer Akteure tatsächlich eine irrationale Einstellung, z.B. eine Antipathie gegen Ausländer rationalisieren, sondern auch so, dass ihnen dies lediglich vorgeworfen wird, womit ihnen automatisch abgesprochen wird, dass ihre Position einem echten, ernsthaften Anliegen entsprungen sein könnte. Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner hat diesen rhetorischen Kniff beschrieben. Nachdem er zunächst feststellt „Wer heutzutage ein rassistisches Ressentiment pflegt, wird es hinter nachvollziehbaren Motiven verbergen und möglichst objektive Gründe für seine Abneigung gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen anführen müssen“, heißt es anschließend: „Wie gut auch immer mein Argument sein mag, vor der Unterstellung unlauterer Motive bin ich nicht gefeit“ (s. Süddeutsche Zeitung vom 1. Juni 2010).

Daneben besitzt die Islamdebatte auch ansonsten alles das, was (intellektuelle und weniger intellektuelle) Debatten ausmacht: Übertreibungen, Pauschalisierungen, irreführende Vergleiche, alte und neue Feindbilder. Was „die“ Medien als eine der Hauptprotagonisten angeht, so sind sie, wie in den vorangehenden Teilen deutlich wurde, keineswegs nur Produzent des im Westen vorherrschenden negativen Islambilds. Um Sachargumente eher unbekümmerte Medienkritiker erwecken jedoch oftmals den Eindruck, sie hätten dieses Bild schon dadurch widerlegt, dass sie zeigen, wie stark negativ es ist. Stattdessen drehen sie es einfach um; dann ist nicht „der“ Islam gewalttätig, gefährlich und intolerant, sondern „der“ Westen. Das z.B. ist die Quintessenz von Jürgen Todenhöfers Thesen zum „Feindbild Islam“. In sicher guter Absicht geschrieben, finden sich seine Beiträge nun wieder in den Videos und Accounts von salafistischen YouTube-Nutzern.
Zu den beiden Feindbildern „Der Islam“ und „Der Westen“ ist seit einiger Zeit ein neues hinzugetreten, das beide Seiten pflegen: Das sind die Medien. Je nach Standpunkt beklagt man, die Medien würden den Islam schlecht machen oder ihn, unter dem Zwang der sogenannten „political correctness“, verharmlosen. Wenn Georges Corm sagt, dass der „Westen [….] die Fabrikation der Bilder beherrscht“ und sich „zur Herstellung derer [entscheidet], die seine Weltsicht legitimieren“ (Corm, a.a.O., S. 117), dann ist dem hinzuzufügen, dass in weiten Kreisen der islamischen Welt ein Bild vom Westen besteht, das gleichfalls kaum von besonderer Begeisterung geprägt ist. Manches spricht sogar dafür, „dass Muslime den Westen weit kritischer und verbitterter beurteilen als umgekehrt“, was möglicherweise auf eine „einseitige Berichterstattung vor allem in der arabischen Welt“ zurückzuführen ist (vgl. dazu Ludwig Ammann: Was Stimmt? Islam. Freiburg 2007, S. 110). Für nicht wenige Muslime ist der Westen geradezu das Symbol für die Verrohung der Sitten, für Konsum, Egoismus, Drogen, Unglauben und nicht zuletzt: für Gewalt – dies vor allem mit Verweis auf den Kolonialismus. Der islamische Fundamentalismus, so nicht umsonst eine weitverbreitete These, ist seiner Genese nach primär ein Antikolonialismus.

Zu den in letzter Zeit am häufigsten verwendeten Schlagworten gehört jedoch der Faschismusbegriff, der hier schon deswegen interessant ist, weil er nicht bloß auf eine der beteiligten Seiten bezogen wird, sondern fast alle trifft: Rechte wie Linke, Muslime wie Islamgegner. Die Antifa hat wie der westeuropäische Marxismus den Faschismusbegriff bekanntlich dadurch erweitert, dass sie ihn in direkten Zusammenhang mit dem Kapitalismus gebracht hat (der Faschismus als Ausdruck von dessen Krise). Es überrascht kaum, dass die Antifa auf diese Weise auch Islamgegner beschuldigt. Dabei folgt sie der Rhetorik islamischer Fundamentalisten, nach der der Umgang mit Muslimen in Deutschland und anderswo an das Dritte Reich erinnere. Der Holocaust an den Muslimen ist dann nur noch eine Frage der Zeit – so etwa der deutsche salafistische „Prediger“ Pierre Vogel. Um zu erkennen, wie abstrus diese Parallelisierung zwischen Antisemitismus und „Islamophobie“ schon im Ansatz ist, muss man freilich kein Historiker sein. Mit Blick auf diesen Vergleich, der zunehmend auch im Zusammenhang der Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern in den besetzen Gebieten gezogen wird, meint Broder in seinem Buch „Vergesst Auschwitz“, dass die Behauptung, die Muslime seien die neuen Juden, für Deutsche eine Art moralischen Nutzen habe, nämlich sich für die Verhinderung eines „zweiten Auschwitz“ aussprechen und einsetzen zu können – ein plausibler Gedanke, selbst wenn im Einzelfall schwierig zu entscheiden ist, ob dieser Nutzen bloß der Nebeneffekt einer zwar übertriebenen, aber echten Befürchtung ist oder ob er der instrumentelle Ursprung des Vergleichs zwischen den Juden von damals und den Muslimen von heute ist.

Natürlich weiß auch die „Gegenseite“ um die Möglichkeiten der Instrumentalisierung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Hardliner unter den Islamgegnern entwerfen daher ein umgekehrtes Bedrohungszenario, in welchem nicht die Ausrottung der Muslime bevorsteht, sondern der Untergang des Westens mit seinen (jedenfalls putativ) christlich-jüdisch geprägten Werten. Um dem eigenen Kampf gegen die „schleichende Islamisierung“ auch in symbolischer bzw. agitatorischer Hinsicht Ausdruck zu verleihen hat Michael Stürzenberger, Bundesvorsitzender der Partei „Die Freiheit“, vor einigen Jahren zusammen mit der inzwischen verstorbenen ehemaligen NS-Widerstandskämpferin und Freundin von Sophie Scholl Susanne Zeller-Hirzel die „Weiße Rose“ (oder besser gesagt: einen Verein gleichen Namens) gegründet. Doch Islamgegner wie Stürzenberger, die den Islam als faschistisches System ächten, sind ihrerseits immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, Faschisten oder Nazis zu sein. Gemeinhin wird der Vorwurf gegen sie allerdings nicht weiter belegt und ist dann nahezu substanzlos. In diesem Fall gewinnt Nietzsches Beobachtung eine völlig neue Pointe: Ich glaube dir deine Gründe nicht, d.h.: Ich glaube dir nicht, dass du nichts gegen Muslime hast und lediglich den Islam kritisierst. Und weil ich dir das nicht glaube (oder wenigstens so tue, als ob ich dir nicht glaube), fühle ich mich davon entbunden, mich mit deinen Argumenten gegen den Islam auseinandersetzen.

Den Faschismusvorwurf geben die Beschuldigten postwendend wieder zurück an seinen Absender, getreu dem Ignazio Silone zugeschriebenen Spruch: „Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.“ Absender sind also dem antifaschistischen Spektrum zuzurechnende Aktivisten, und deren Faschismus sei „Meinungsfaschismus.“ In „Politically Incorrect“ („PI“), einem der größten deutschen Politikblogs, ist entsprechend zu lesen: „Die heutigen linken Meinungsfaschisten führen diese üble Propaganda der damaligen linken National-Sozialisten in ähnlicher Form fort“ (Link). „Meinungsfaschismus“ wird dabei nicht bloß als übertrieben verstandene Politische Korrektheit verstanden, sondern, im schlimmeren Falle, als Denunziation, Ruf nach Zensur, Kontrolle etc.
Manchmal findet die Absurdität wechselseitiger Beschuldigungen während ein und derselben Veranstaltung statt. Bei einem Open-Air-Vortrag, den Pierre Vogel vor einigen Jahren in Hamburg abhielt, beschimpften „Die Linke“ und „Die Freiheit“ sich gegenseitig mit „Nazis.“ Ebenso riefen sich bei einer Zusammenkunft der Bürgerbewegung Pax Europa (BPE) im Oktober 2009 deren Mitglieder und Gegendemonstranten gegenseitig „Nazis raus“ entgegen. Bei entsprechenden Anlässen, seien es Veranstaltungen von Salafisten oder von Islamgegnern, wiederholt sich dieses “Spiel“ regelmäßig. Fast fühlt man sich an Thomas Bernhards „Der deutsche Mittagstisch“ erinnert, wo jemand sich „empört“: „Es ist immer das gleiche, kaum sitzen wir bei Tisch an der Eiche, findet einer einen Nazi in der Suppe und statt der guten alten Nudelsuppe bekommen wir jeden Tag die Nazisuppe auf den Tisch, lauter Nazis statt Nudeln.“ Während Stürzenberger nicht müde wird, den Islam als Faschismus abzustempeln, schreit die Antifa ihm mit der gleichen Wucht ihr „Alertá, Alertá Antifascista“ entgegen. Mehr bringt sie allerdings nicht zustande, denn allzu viele meinen offensichtlich, dass mit dem Hinweis auf Kreuzzüge und Inquisition und vielleicht noch darauf, dass die Korandeutung der Islamgegner nahezu identisch ist mit der der Islamisten, Islamkritik schon widerlegt sei. Aber diese „Gegenkritik“ ist ironischerweise ihrerseits weitgehend d’accord mit der von radikalen Salafisten wie Pierre Vogel, für den es ausgemachte Sache ist, dass „die Islamhetzer“ „Hitlers Propaganda“ benutzen. In einem YouTube-Video nennt er drei Parallelen: Mangelnde Differenzierung, einfache Sprache und Angstmacherei. Wer Vogel schon mal gehört hat, weiß freilich, dass gerade der letzte Punk vor allem auf ihn selbst zutrifft – Angst vor der Hölle ist ein wesentlicher Bestandteil der „Dawa“ (des Rufs zum Islam, d.h. der Missionstätigkeit) der Salafisten. Dabei beziehen sie sich direkt auf das Wort Gottes selbst, also auf den Koran. Stellen, denen zufolge alle, die sich nicht zum Islam bekennen, in die Hölle kommen, sind dort in der Tat Legion. Bekannt ist etwa Vers 3:85: „Wer eine andere Religion als den Islam sucht“, heißt es da, „wird im Jenseits zu den Verlierern gehören.“ Für Salafisten steht dabei fest, dass „Islam“ an dieser Stelle nicht allgemein „Gottergebenheit“ bedeutet, so dass auch die Angehörigen anderer Religionen ins Paradies kommen könnten. Und die Bedeutung von „Verlierer“ erläutert Vogel kurz und bündig so: Das sind „die Bewohner des Höllenfeuers“ (so z.B. 2009 bei einem Auftritt in Wien).

Kommt der Faschismusvorwurf jedoch nicht bloß der Antifa oder den Salafisten, sondern auch den Islamgegnern nicht etwas zu schnell über die Lippen, z.B. wenn die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime Mina Ahadi ihre Behauptung, der Islam sei vergleichbar mit dem Faschismus, folgendermaßen begründet: Wenn im 21. Jahrhundert noch Frauen gesteinigt werden, kann es keine andere Bezeichnung geben (vgl. Die Welt vom 09.08.07). Hat, da die Islamgegner gleichermaßen die Antifaschisten als (Meinungs)Faschisten bezeichnen wie den Islam als faschistisches System, jemand wie Sabatina James recht, wenn sie über Islamverteidiger sagt: „Diese Gutmenschen verteidigen ein faschistisches System und stellen sich dabei noch als Antifaschisten dar“? (Sabatina James: Über die wahre Feigheit des Westens. In: Felix Strüning (Hg): Der Islam und der Westen. Jena/Berlin 2012, S. 130); oder, anders formuliert: Ist der Islam „genau das, was die Linke normalerweise faschistisch nennen würde, wenn es von Menschen der eigenen Kultur artikuliert würde“? (Manfred Kleine-Hartlage: Der Islam ist ein Dschihadsystem. In: ebd., S. 63).

Um den Islam in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, ist es sehr beliebt, in die jüngste (deutsche) Vergangenheit zu gehen, wo man, wenn man nur selektiv genug sucht, auch recht schnell fündig zu werden scheint, hatte doch der Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini mit Hitler gemeinsame Sache gemacht. Und schwärmte Himmler nicht von der „weltanschaulichen Verbundenheit von Nationalsozialismus und Islam“? Gab es denn nicht eine eigene, aus kroatischen Muslimen bestehende Division der Waffen-SS namens „Handschar“ (arabisch für „Krummschwert“)? Und ist der Islam nicht auch irgendwie antisemitisch bzw. antijüdisch?
Für eine ähnliche, wenngleich seltener vertretene, Position, in welcher nicht der Islam als nationalsozialistisch etikettiert wird, sondern umgekehrt der Nationalsozialismus als neuer Islam, sprachen sich immerhin zwei auf ihrem Gebiet anerkannte Autoritäten aus. „Man kann den Nationalsozialismus nicht verstehen”, so kein Geringerer als Karl Barth in einem Vortrag im Dezember 1938, “wenn man ihn nicht in der Tat als einen neuen Islam, seinen Mythus als einen neuen Allah und Hitler als dessen Propheten versteht”. Und C. G. Jung raunte: „Wir wissen nicht, ob Hitler nicht gerade einen ‘neuen Islam’ begründet. Er ist schon dabei, er ähnelt Mohammed“ (C. G. Jung: College Works. Vol. 18: The Symbolic Life, Princeton UP, S. 281).

Wie nun stellen sich die Vergleiche zwischen Islam und Faschismus einer genaueren Analyse dar? Was ist dran am Schlagwort des Islamofaschismus? Von denen, die in Deutschland einen Konnex zwischen Islam und Faschismus behaupten, dürfte zur Zeit Hamed Abdel-Samad wohl das auch wegen der gegen ihn verhängten Fatwa prominenteste Beispiel sein. Abdel-Samad hat nicht nur den Islamismus der Muslimbruderschaft bzw. den islamischen Fundamentalismus im Visier. Die beim Islamismus deutlich zutage tretenden faschistoiden Züge seien bereits im Islam selbst angelegt. Schon in einem Vortrag am 4. Juni 2013 in Kairo hatte er behauptet, „dass dieser Faschismus in der Entstehungsgeschichte des Islams zu begründen“ sei, eine Behauptung, die unmittelbar danach Mordaufrufe zur Folge hatte. Drei Tage später rief Scheich Assem Abdel-Maged, ein Führer der militanten islamistischen Bewegung Gamaa Islamija und Verbündeter des ehemaligen Staatspräsidenten Mohammed Mursi, im ägyptischen Fernsehen zum Mord an Abdel-Samad auf, weil dieser den Propheten beleidigt habe. Davon unbeirrt, wiederholte Abdel-Samad in einem Interview mit dem Spiegel seinen Vorwurf, „dass sich der religiöse Faschismus im Islam nicht erst mit dem Aufstieg der Muslim-Brüderschaft ausgebreitet hat. Meiner Meinung nach ist er im Islam selbst begründet, nämlich als der Prophet Mohammed den Islam als Monokultur durchsetzte.“ (Spiegel Online vom 09.06.2013)

In seinem jüngst erschienenen Buch „Der islamische Faschismus“ beleuchtet Abdel-Samad Parallelen sowohl zwischen (modernem) Islamismus und Faschismus als auch zwischen der politischen Seite des (frühen) Islam und dem Faschismus ausführlicher. Um beide, Islam und Faschismus, aneinander anzugleichen, konstatiert er nicht bloß, dass der Islam faschistoide Tendenzen aufweist, sondern dass der Faschismus sich ursprünglich an einer religiösen Bewegung orientierte. Dabei bezieht er sich auf den Historiker Ernst Nolte, demzufolge die 1898 gegründete französische militant-katholische Bewegung “L’Action française“ Vorbild für den deutschen und italienischen Faschismus war, der sie dann säkular modifizierte. Der Faschismus besitze, so Abdel-Samad, das, was zu einer Religion gehöre: Den Anspruch auf absolute Wahrheit und charismatische Führer, die mit einem „heiligen“ Auftrag ausgestattet sind, um die Feinde zu besiegen. Im Sinne mentalitätsgeschichtlicher Parallelen zwischen Islamismus und Faschismus behauptet Abdel-Samad außerdem, dass sich beide Bewegungen gegen Moderne, Freiheit und Aufklärung richten und vom Gefühl der Kränkung, der Erniedrigung, des Zukurzgekommenseins und der Niederlage zehren (Untergang des osmanischen Reichs beim Islamismus, verlorener Weltkrieg bei den Nazis). Der dadurch entstehende Hass fungiere als Motor für die Durchsetzung der jeweiligen Ideologie. Diese zeichne sich in beiden Fällen aus durch Verschwörungstheorien, die Unterwerfung des Individuums unter ein totalitäres Regime, Methoden der Überwachung, das Gefühl der Auserwähltheit sowie durch ein Schema, das der Gewalt den Weg ebnet, nämlich die Einteilung der Welt in Gut und Böse, Gläubige und Ungläubige, Feind und Feind. Bei den Faschisten seien die äußeren Feinde die Alliierten und die inneren Feinde die Juden und Kommunisten, bei den Islamisten seien die USA, der Westen und Israel die äußeren Feinde, orientalische Christen, Liberale und Säkulare die inneren. Dadurch liege sowohl im Islamismus wie im Faschismus eine geradezu explosive Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Ohnmachtsgefühl auf der einen Seite, Rachelust, Allmachtsfantasien und Streben nach Weltherrschaft auf der anderen Seite.

Wie bereits bemerkt, beansprucht Abdel-Samad, nicht nur im Islamismus, sondern auch im Islam selbst faschistoide Züge nachzuweisen, besser gesagt in einer Facette des Islams, eben der politisch-juristischen, die indes die anderen Seiten, also die spirituelle und die soziale, dominiere (Hamed Abdel-Samad: Der islamische Faschismus. Eine Analyse München 2014, S. 11). Und dies gelte nicht erst seit den Muslimbrüdern sondern für den Frühislam, d.h. schon für Mohammed. Hier bereits stoße man auf Eroberungskriege, den Anspruch auf Weltherrschaft, die Aufteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige. Den Dschihad hätten nicht erst Islamisten wie die Muslimbrüder in die Welt gesetzt, sondern Mohammed selbst. Wie der Faschismus als politische Religion kenne auch der Islam absolute Wahrheiten, einen charismatischen Führer, der mit einem vermeintlich heiligen Auftrag ausgestattet sei, und schließlich eine Massenvernichtungsideologie, in welcher die Feinde entmenschlicht werden, um sie leichter töten zu können. Nach Abdel-Samad weist also zum einen die Bewegung des politischen Islam, der Islamismus, faschistoide Züge auf, zum anderen aber auch der Islam selbst und zwar im Sinne seiner politisch-rechtlichen Komponente, die als solche von Beginn an, also schon im Ur-Islam wirkmächtig sei.
Darüber hinaus will Abdel-Samad auch im Monotheismus ganz allgemein, d.h. auch im Christentum und Judentum, Grundzüge von Faschismus ausmachen. Beim Islam bezieht er den Faschismus auf dessen politische Facette; beim Christentum, wohl, weil dieses eher einer Trennung von Staat und Religion das Wort redet („So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, s. Mt 22:21, Lk 20:25 und Mk 12:17), argumentiert er hingegen hauptsächlich über das Gottesbild. Der monotheistische Gott zeichne sich dadurch aus, das er nicht mit sich verhandeln ließe, dass er ein eifersüchtiger, despotischer Gott sei, der keine Götter neben sich duldet und der seine Anhänger überwache und bestrafe. Vage heißt es: „Der Faschismus ist in gewisser Weise mit dem Monotheismus verwandt“; demgegenüber seien polytheistische Religionen „in der Regel toleranter und flexibler als die drei monotheistischen Religionen“ (Hamed Abdel-Samad: Der islamische Faschismus, a.a.O., S. 60f; Hervorh. durch den Verf.). In einem ARD-Interview hat er bekräftigt, dass auch das Judentum und das Christentum „faschistoide Züge“ besäßen, die sich im Laufe der Geschichte gezeigt hätte (Link). Zwei „zentrale Aspekte des Faschismus“ erblickt er in diesem Zusammenhang in der Geschichte von der Opferung Isaaks: „bedingungslosen Gehorsam und Opferbereitschaft bis zum Äußersten.“ Ob eine solche Deutung (Gott als Führer und Abraham als obrigkeitshöriger Befehlsempfänger) weitergehenden exegetischen Betrachtungen standhält bzw. auch für das Christentum von allgemeiner Geltung ist, darf indes bezweifelt werden. Abdel-Samad belässt es hier beim denkbar oberflächlichsten Verständnis der Erzählung und hält es nicht für nötig, auf entsprechende Auslegungen einzugehen. Gerade das „vielfach als Kadavergehorsam“ gescholtene Verhalten Abrahams gegenüber Gott kann aber auch ganz anders gelesen werden. So gibt es moderne Lesarten, nach denen Abraham von vornherein auf den guten Ausgang des Geschehens vertraut, sein Gehorsam gegenüber Gott also nur möglich ist, weil er in sein Vertrauen auf Gott eingebunden ist, und sich dieses Vertrauen auf die Verheißung Gottes gegenüber Abraham bezieht, ein großes Volk zu werden und für dieses große Volk ein Land zum Besitz zu erhalten (vgl. zu dieser und anderen Lesarten z.B. den Artikel „Die Opferung des Sohnes. Ein neuer Blick auf die Erzählung von Abraham und Isaak“ in der NZZ vom 15.4.2006). Ebenso ist völlig unklar, wie angesichts des Gebots der Feindesliebe aus der Bergpredigt das Verhältnis zwischen Gläubigen und Ungläubigen mit Blick auf das Christentum als Freund-Feind-Schema darstellbar sein soll. Das für die christliche Religion maßgebende Gebot soll feindliche Beziehungen zwischen den Menschen ja gerade aufheben, indem es selbst den Gegner in das Wohlwollen und die Liebe mit einschließt. Von der gleichen Schlichtheit wie die Gleichungen „Gott=Führer“ und „Abraham=williger Vollstrecker“ ist die Rechnung, die auf der Internetseite der Partei „Die Freiheit“ gemacht wird. „Islam“ bedeutet „Unterwerfung“, „nichts anderes [als Unterwerfung] bedeutet Faschismus.“ Hier suggeriert man also, man hätte sozusagen mit den Mitteln der Logik bewiesen, dass „Islam=Faschismus“ ist (Link).

Während Abdel-Samad seine These vom islamischen Faschismus eher anhand der Sunna des Propheten zu untermauern bemüht ist (nach einer Koranexegese wird man bei ihm vergeblich suchen), verorten andere wie etwa Stürzenberger den (mutmaßlichen) islamischen Faschismus im Koran selbst und führen daher die dort nachweisbaren Tötungsbefehle gegen Nichtmuslime ins Feld, Gewaltaufrufe, die dann allerdings als universal geltend ausgegeben und nicht in den entsprechenden historischen Kontext wie etwa den Verteidigungsfall eingeordnet werden. Auch das manichäistische Weltbild, das sich in der Einteilung in das Haus des Islams und das Haus des Kriegs, der rigiden Trennung in Gläubige und Ungläubige sowie der Herabsetzung der Letzteren manifestiere, verorten sie im Koran.
An dieser Stelle sei bemerkt, dass der in puncto Islamfeindschaft völlig unverdächtige Ägyptologe Jan Assmann zwar nicht innerhalb einer Kritik am Islam, sondern im Rahmen seiner Analyse des Monotheismus, in der er die Prämissen herausarbeitet, die seiner Ansicht nach zu religiöser Intoleranz und Gewalt führen, gleichfalls auf ein dichotomes Weltbild zu sprechen kommt. Pointierter als bisher hat Assmann in einem Interview mit der Zeitschrift Philosophie Magazin (Ausgabe Okt./Nov. 2013) die Tatsache hervorgehoben, dass die beiden Hauptbedingungen, die im Monotheismus zur Gewalt führen, im Islam am deutlichsten erfüllt sind. Erstens trete dort das Freund-Feind-Schema (Carl Schmitt) am drastischsten zutage, und zweitens sehe der Koran die Apokalypse, also den „Ernstfall“, in welchem der „sprachliche Sprengstoff“ gefährlich werde, als unmittelbar bevorstehend an. So erweist sich als richtig, was vor einiger Zeit der Philosoph Robert Spaemann bemerkt hat, nämlich dass den Assmannschen Kriterien zufolge der Islam die intoleranteste der (monotheistischen) Religionen ist. Das heißt dann aber auch, dass man den koranischen Dualismus identifizieren kann, ohne dadurch gleich Faschismus zu diagnostizieren. Für Sloterdijk z.B. qualifiziert das islamische Freund-Feind Schema als Grundlage eines übersichtlichen, kampfbetonten Weltbilds den politischen Islam als Feindsubstitut für den Westen der nach-bipolaren Ära (Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit. Frankfurt a.M. 2006, 342ff). In „Gottes Eifer“ geht Sloterdijk noch weiter: Der Islam (und nicht erst der Islamismus) sei „seinem Entwurf zufolge geradezu eine Religion des Feldlagers.“ Am „islamischen Eiferertum“ hafte „von Anfang an eine gewisse Schwertfrömmigkeit“ (Peter Sloterdijk: Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen. Frankfurt a.M. und Leipzig 2007, S. 111).

Um die These vom faschistoiden Charakter des Islam zu untermauern nennen Islamkritiker eine Reihe weiterer Punkte, etwa das in der Person Mohammed verkörperte Führerprinzip, einen ausgeprägten Fanatismus und den Anspruch auf Weltherrschaft. Zu der schon erwähnten Kollaboration Hitlers mit dem Mufti von Jerusalem wird dann noch hinzugefügt, dass dieser selbst u.a. folgende Berührungspunkte zwischen islamischer und nationalsozialistischer Weltanschauung sah: das Führerprinzip, den Sinn für Gehorsam und Disziplin, die Heroisierung des Kampfs und die Ehre im Kampf zu fallen, den Vorrang der Gemeinschaft vor Individualität sowie das Verhältnis zu den Juden. „In der Bekämpfung des Judentums nähern sich der Islam und der N.S. einander sehr“, stellte er am 4. Oktober 1944 in einem Vortrag vor den Imamen der bosnischen SS-Division fest (Link). Im selben Jahr forderte al-Husseini in einem über den deutschen Kurzwellensender „Berlin auf Arabisch“ übertragenen Appell die Muslime auf: „Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet. Das gefällt Gott, der Geschichte und der Religion“ (Uwe Klußmann: Des Kaisers Dschihadisten. In: Dietmar Pieper und Rainer Traub (Hg): Der Islam. 1400 Jahre Glaube, Krieg und Kultur. München 2011, S. 171). Nach dem Krieg tat sich al-Husseini übrigens als Sprecher aller Palästinenser, Pate und Finanzier der Fatah hervor.

Auch der französische Philosoph Bernhard Henri Lévy bringt den Islam in Zusammenhang mit Faschismus, etwa als er 2001 im Spiegel behauptet, dass der Islam in seiner fundamentalistischen Form „in gewisser Weise“ der „dritte Faschismus“, also der grüne Faschismus nach dem braunen und dem roten sei („grün“ war die Lieblingsfarbe des Propheten und ist daher die Farbe des Islam). Er begründet das aber lediglich auf eine allgemeine, d.h. für den Islam unspezifische Weise: Allen Fundamentalismen gemeinsam sei der Wille zur Reinheit, der Traum vom neuen Menschen, der mit sich und seiner Gemeinschaft in absoluter Harmonie lebt (Spiegel vom 3.12.2001). Eindringlicher und pointierter äußerte er sich einige Jahre später, als er im „Islamofaschismus“ die größte Bedrohung für den Weltfrieden sah und ihm neben Heils- und Reinheitswahn noch die Merkmale Führerprinzip, Volksgemeinschaft, Autoritätsgläubigkeit, Rassismus, Judenhass und Todesbejahung zusprach (Spiegel 14/2010). Harte Worte für diejenigen, die zwischen (faschistischem) Islamismus und „rein“ religiösem, unpolitischem Islam unterscheiden, findet auch der algerische Schriftsteller Boualem Sansal in einem Interview mit dem österreichischen Standard: „Lange hat man gedacht, der Islamismus sei eine unbedeutende Irrlehre, die vom Weg der Religion abgekommen ist. Das ist nicht so. Es handelt sich um eine echte faschistische Ideologie, mit einem politischen Projekt und einer Strategie, sich die Welt untertan zu machen“ (Der Standard vom 10.7.2014). Der Westen mache es sich mit seiner Sprachregelung (hier der Islam als Religion, dort der Islamismus als extremistischer Auswuchs) zu bequem. Der Islam definiere sich als „Religion der Totalität.“ Das bedeute, dass er „die zentrale Macht im Leben der Gläubigen“ sei. Der Kalif entscheide alles: „Wie man betet, heiratet, sich kleidet, alles. Die Frage ist, ob man das Phänomen des Islamismus isoliert betrachten kann oder ob man nicht auch den Islam diskutieren müsste.“ (Link)

Neben der Position, die im Islam selbst Faschismus verortet, gibt es auch jene, derzufolge
lediglich der (politische) Islamismus, verstanden als Missbrauch der Religion Islam, faschistoide Elemente enthält. Für diese Ansicht sei stellvertretend Alice Schwarzer zitiert: “Mir geht es nicht um den Islam als Glauben – dessen beunruhigenden Reformstau sollen die MuslimInnen bitte unter sich regeln, und zwar möglichst bald. Mir geht es ausschließlich um den Missbrauch des Islams als politische Strategie. Denn eines ist klar: Das ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts. Und diesmal im Weltmaßstab” (Alice Schwarzer in: Die Weltwoche, Ausgabe 42/2009, S. 35). Die Frage nach der Differenz zwischen Islam und Islamismus ist ihrerseits natürlich ebenso umstritten wie komplex. Grob vereinfacht gibt es zwei verschiedene Arten, wie beide voneinander abgehoben werden. Entweder man bestimmt den Islamismus als ein einigermaßen klar eingrenzbares Phänomen, nämlich als eine Bewegung der Moderne (vgl. etwa Christine Schirrmacher: Islamismus. Wenn Religion zur Politik wird. Holzgerlingen 2010, S. 33), ursprünglich entstanden vor allem als Reaktion auf den Kolonialismus. Eine typisch islamistische Bewegung sind z.B. die Muslimbrüder. Oder man versteht unter Islamismus eine Seite bzw. Komponente des Islam selbst, nämlich die politische. Ob man dann in diesem zweiten Falle zwischen Islam und Islamismus unterscheidet, hängt davon ab, für wie bedeutend man diese Komponente des Islam hält. Betrachtet man sie gar als Kern des Islam selbst, wird man die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus bestreiten. Die Trennung zwischen Islam und Islamismus hängt demnach wesentlich 1. vom Begriff des Islamismus selbst ab, sodann 2. davon, welche Bedeutung man dem Islamismus, verstanden als politische Dimension des Islam beimisst. Wenn man die These, wonach der Islam seinem Wesen nach eine politische Ideologie und als solche nicht vom Islamismus zu unterscheiden ist, hauptsächlich anhand des Bestehens islamistischer Bewegungen belegt, verquickt man beide Weisen der Unterscheidung. Wie der Jenaer Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker betont, wird der Versuch, einen neutralen Blick auf das Problem zu erlangen, auch dadurch erschwert, dass die Definition des Islamismus eigenen Interessen unterliegt (Tilman Seidensticker: Islamismus. Geschichte, Vordenker, Organisationen. München 2014, S. 9). Dass dies für den Begriff des Faschismus und damit dann schließlich in noch stärkerem Maße für den des Islamofaschismus gilt, liegt auf der Hand und wird sich in den beiden folgenden Teilen zeigen.

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ist freier Journalist und schreibt für Fachzeitschriften und Onlinemagazine Artikel und Rezensionen aus den Bereichen Philosophie und Religion. Er hat in Philosophie promoviert.
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Ein Kommentar »

  1. In diesen Punkten scheint mir der Talmud fast noch radikaler als der Koran zu sein.
    https://www.youtube.com/watch?v=bwNWBV0yM_Q
    http://www.mosaisk.com/auschwitz/Talmud-Judaismus.php

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