Als ich mit dem aufräumen fertig war, schlief er, und weil ich so wütend auf ihn war, wrang ich den Putzlappen in sein Ohr aus. — John Irving

Der Streit um den wahren Glauben

Von | 17. Dezember 2010 | Kategorie: Die Gesellschaft | #1 Religion & Glaube | 2 Kommentare | 2.540 Aufruf(e)

Das “konfessionelle Zeitalter” war geprägt von Konflikten um den wahren christlichen Glauben. Handelte es sich dabei um reine Konfessionskonflikte? Und daran anknüpfend: Inwiefern kann Religion in diesen Fällen angesichts des heraufziehenden Dreißigjährigen Krieges als kriegsstiftend beschrieben werden?

Mit dem Augsburger Religionsfrieden aus dem Jahr 1555 wurde die von Martin Luther angestoßene Spaltung des Christentums in eine katholische und eine lutherische Konfession rechtskräftig. Landesherren durften ihren Glauben frei wählen und Untertanen, denen die Wahl missfiel, hatten das Recht aus dem Territorium auszuwandern. Einige Bestimmungen des vermeintlichen „Religionsfrieden“ schürten allerdings Auseinandersetzungen, die das „konfessionelle Zeitalter“, die Jahrzehnte vor dem Dreißigjährigen Krieg, entscheidend prägten. Dabei lässt sich die Frage stellen, inwiefern es sich dabei um reine Konfessionskonflikte handelte, oder ob auch andere Beweggründe, als die Frage nach dem „wahren Glauben“ in Erscheinung traten. In Anlehnung an die Darstellungen von Manfred Brocker, der das friedensstiftende Potential von Religion hervorhob, stellt sich natürlich auch die Frage, inwiefern Religion in diesem Fall als kriegsstiftend beschrieben werden kann – schließlich löst sich das „konfessionelle Zeitalter“ direkt in den verheerenden Wirren des Dreißigjährigen Krieges auf. Ein Gewaltausbruch, der nicht selten als der „Glaubenskrieg“ schlechthin beschrieben wurde.

Tatsächlich zeigen vor allem die Konflikte um geistliches Eigentum, das die Auseinandersetzung um die „wahre“ Konfession eine nicht zu unterschätzende materielle Komponente hatte. Der Augsburger Religionsfrieden legte 1555 fest, dass alle katholischen Kirchengüter die politisch einem protestantischen Landesherr unterstanden und bis 1552 eingezogen wurden, in dessen Besitz bleiben durften. Wie mit Gütern verfahren werden sollte, die nach dem Augsburger Religionsfrieden unter protestantische Landesherrschaft gelangten blieb unklar: Während die Katholiken für solche Besitztümer volle Schutzwürdigkeit beanspruchten, beriefen sich die Protestanten auf das Reformationsrecht des Landesherren – ebenfalls im Augsburger Religionsfrieden vereinbart – und „säkularisierten“ Kloster um Kloster und nutzen die ehemals katholischen Besitztümer in der Regel zur Einrichtung von Schulen, Krankenhäusern etc. Nicht wenige Geistliche zeigten diese Säkularisierungen vor dem kaiserlichen Reichshofrat an, der tendenziell zu Gunsten der Opfer entschied (Ehrenpreis, Stefan (2006): Kaiserliche Gerichtsbarkeit und Konfessionskonflikte. Göttingen). Die protestantischen Landesherren wiederum bedienten sich nicht selten hinterlistiger Taktiken zur Durchsetzung der Säkularisierung: So wurde manchem Stift die Neuaufnahme von Mönchen und Nonnen untersagt, um die Belegschaft aussterben zu lassen. Eine andere Methode bestand darin, die entscheidenden Wahlgremien der Einrichtungen mit Glaubensgenossen zu besetzt, um die geistlichen Einrichtungen so zu unterwandern. Welches Gewicht diese ständige Streitfrage hatte, zeigt sich auch im Restitutionsedikt von 1629, in dem die im Dreißigjährigen Krieg vorerst siegreichen Katholiken unter Kaiser Ferdinand II. sämtliche, seit 1552 eingezogene geistliche Besitztümer wiederherstellten. Das eigennützige Streben nach Umgestaltung bzw. Sicherung der Besitzverhältnisse und politischer Machtsicherung der Landesherren können hier genauso als Konfliktursachen ausgemacht werden, wie konfessionelle Differenzen.

Neben den Auseinandersetzungen um geistliches Eigentum, entwickelten sich im Zuge des Augsburger Religionsfriedens insbesondere die Reichsstädte zu Zentren konfessioneller Konflikte. Das Reformationsrecht hatte hier keine Gültigkeit, stattdessen gewährleistete das Augsburger Abkommen Bikonfessionalität – eine Formel die oft einer katholischen Minderheit zu Gute kam. So auch in der Reichsstadt Augsburg: Während eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung lutherisch war, stellten katholischen Patrizier in den entscheidenden politischen Gremien die Mehrheit. Als der Rat auf Anfrage Bayerns die päpstliche Kalenderreform verabschiedete, regte sich Widerstand bei der protestantischen Bevölkerungsmehrheit. Der Kalender wurde boykottiert, es kam zu einem bewaffneten Aufstand, als ein Rädelsführer der Protestanten der Stadt verwiesen werden sollte, kurz: die Bevölkerung war involviert, die Grenzen zwischen den Konfessionen waren klar definiert und verinnerlicht. Ein Umstand der sicherlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass die Reformation in erster Linie von den Reichsstädten ausging und sich die städtische Bevölkerung durch die bi-konfessionelle Verfassung ständig mit dem jeweiligen Gegenüber und dessen Wahrheit konfrontiert sah. Interessanterweise verlagerte sich das Problem in Augsburg sehr schnell vom eigentlichen Streitpunkt – der Kalenderreform – hin zu einem heftigen Streit um die Stadtverfassung: Im Zentrum der Auseinandersetzung stand plötzlich die unverhältnismäßige Zusammensetzung der politischen Verwaltungsgremien, die ohne Zweifel zur Eskalation des Konfliktes beigetragen hatte. Anders verhielt es sich im Fall Donauwörth (1605-1611): Die protestantische Mehrheit hatte bereits eine scharfe Haltung gegenüber der katholischen Minderheit eingenommen, so wurde beispielsweise die katholische Seelsorge bei Schwerkranken und das Sammeln von Almosen untersagt, sowie katholische Prozessionen gestört. Letzteres führte letztendlich zur Verhängung der Reichsacht über die Stadt, welche ungewöhnlicher Weise vom bayerischen Herzog Maximilian I. und nicht dem zuständigen schwäbischen Kreis vollzogen wurde. Spätestens mit dieser Intervention wurde der Konflikt zum Gegenstand der Machtpolitik auf Reichsebene: So brachte die Besetzung der Stadt durch den katholischen Landesherr letztendlich den folgenden Reichstag zum Scheitern und bedingte so auch die politische Formierung der beiden konfessionellen Lager, die in der Gründung der protestantischen Union (1608) und der katholischen Liga (1609) Ausdruck fand. Eine Entwicklung die ohne Weiteres in einen direkten Zusammenhang zu den Ereignissen des Dreißigjährigen Kriegs gestellt werden kann.

Die ausgewählten Fallbeispiele zeigen, dass es sich bei beiden Konfliktarten – Auseinandersetzungen um geistliches Eigentum und reichsstädtische Konflikte auf Grund von Bikonfessionalität – nicht ausschließlich um reine Konfessionskonflikte handelte. Wie dargestellt, sind machtpolitische Ambitionen und Besitzsicherung bzw. –umverteilung als Beweggründe kaum von der Hand zu weisen. Eine Trennung der verschiedenen Aspekte ist dabei nahezu unmöglich: Wie der Fall Augsburg zeigt, begünstigte das konfessionelle Ungleichgewicht in den politischen Gremien der Stadt den Streit um die päpstliche Kalenderreform, bevor die politische Stadtverfassung selbst zum Konfliktgegenstand wurde. So ist es nicht immer leicht festzustellen, ob der Kontext der Konfessionalisierung als Raum zur Durchsetzung politischer Interessen genutzt wurde, oder die Durchsetzung einer bestimmten Konfession selbst ein politisches Anliegen war. Unabhängig davon wie von Fall zu Fall darüber entschieden wird, lässt sich festhalten, dass die Frage nach dem richtigen christlichen Glaube sowohl die Tagespolitik auf Reichs- und Landesebene, als auch das gesellschaftliche Leben – insbesondere in den Reichsstädten – massiv beeinflusst hat.

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ist Student der Sozialwissenschaften an der KU Eichstätt-Ingolstadt.
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2 Kommentare »

  1. Schöner Artikel!
    wie du richtig feststellst, lässt sich kaum bestimmen, wer (im konfessionellen zeitalter)
    eigentlich was bestimmt: der religiöse impetus den politischen diskurs, oder andersrum…
    interessant ist doch aber eigentlich – wie schon in der überschrift angedeutet –
    der Streit! So zeichnet sich das konfessionelle zeitalter auch durch eine neue,
    öffentliche(!) debattenkultur aus, die sich nicht nur in religiösen fragestellungen
    erschöpfte…
    Dieser “Strukturwandel der Öffentlichkeit” (Habermas) steht in direktem Zusammenhang
    mit der Herausbildung des frühmodernen Staates.

  2. Besten Dank für den Kommentar! Deiner Ergänzung stimme ich voll zu: Ohne Zweifel muss das Auftreten neuer Konfessionen (Luthertum, Calvinismus) eine massive gesellschaftliche Erschütterung bewirkt haben – gab es doch über Jahrhunderte hinweg nur den einen “wahren” Glauben. Und wie aufgezeigt gab das Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass für die Herausbildung des frühmodernen Staates doch die Durchsetzung der verschiedenen Konfessionen, also die “Konfessionalisierung”, entscheidender war, als eine Debatte zwischen den Konfessionen: In Abgrenzung zu anderen Glaubensrichtungen konnte bei wachsender Staatsgewalt so ein einheitlicher Untertanenverband erschaffen werden.

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