erschöpft bist du bis in die knochen: nur kurz
zum see, dann ist auch das zuviel.
— Nadja Küchenmeister

Spagat im Quadrat: Musik hoch Wind

Von | 16. Oktober 2009 | Kategorie: Die Natur | Unkommentiert | 2.367 Aufruf(e)

“Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!” (Johann Wolfgang von Goethe, Gesang der Geister)

„Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“ fragt die Hexe. Die Antwort kennt jeder aus seiner Kindheit:  „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.“ Mit dem Grimm-Märchen von Hänsel und Gretel werden allabendlich tausende Kinder in den nächtlichen Schlaf geschickt.

Der Wind also ein „himmlisches Kind“? Oder für den religiösen Menschen gar der „Hauch Gottes“ aus wolkigem Mund? Oder doch lieber ein ganz pragmatischer Schönwetterbote? Denn: „Der Wind vertreibt die Wolken“ singt Dirk Von Lowtzow auf dem 1998 erschienenen Tocotronic-Album K.O.O.K. im Stück Die Grenzen des guten Geschmacks, und zeichnet uns damit eine Momentaufnahme aus der Natur als ein Bild der Veränderung. Ärger, Unmut und allerlei negative Staffage unseres Lebens werden hier durch den Wind verjagt.

Frei assoziiert bedeutet Wind wohl Bewegung, Veränderung, Kraft und Energie. Der Wind ist spürbar aber nicht greifbar. Ein Schatten in der Atmosphäre. Und den entwirft uns der französische Produzent Stephen Falken mit seinem Track Shadow Of The Wind. Klar, jeder weiß: Der Wind kann überhaupt keinen Schatten werfen. Außer vielleicht den im sportlichen Ehrgeiz beliebten Windschatten (Englisch: slipstream). Doch in der Absurdität des „Schattenwindes“ zeigt sich uns ein Bild, das genau die magische Anziehungskraft widerspiegelt, die Form und Inhalt der Komposition von Stephen Falken präsentieren: Das Stück ist eine einzige Hommage an die vergangenen perforierten Klangfarben der 80er Jahre Synthesizer-Schmeicheleien.

Stephen Falken – Shadow Of The Wind

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Stephen Falken bläst uns den Wind in Form von elektronischen Flächen durch die Gehörgänge. Der organische Klang des Windes in unserer Natur ist da eher von schrägem Pfeifen und Rauschen geprägt. Der Wind pfeift durch Büsche und Bäume, bläst durch Straßenfluchten und Stadtparks, türmt eine Geräuschkulisse auf, die unsere Kommunikationen umweht. The Answer My Friend Is Blowin` In The Wind. Ja, Bob Dylan instrumentalisiert den Wind in seiner Hymne der 60er-Jahre-Friedensbewegung als Medium des Offensichtlichen. Die Antworten auf die existentiellen Fragen unserer Zeit sind doch eigentlich so gegenwärtig und offensichtlich wie der Wind im Herbst spürbar um unsere Nase kitzelt. Der Hamburger Musiker Heiko Badje aka La Grande Illusion nimmt 2007 – also knapp 45 Jahre später – Bezug zu Bob Dylan`s Blowin` In The Wind und meint: Er versteht die trivialen Fragen des Lebens nicht. (Magst Du mich noch? Bin ich hübsch? Findest Du mich zu dick? Etc.) La Grande Illusion setzt das kongenial in einem Gesangs-Duett zwischen Mann und Frau um.

La Grand Illusion – I Don‘t Understand This Blowing In The Wind

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Damit sind wir also mitten im Alltags-Wahnsinn jeder Beziehung angekommen. Der Wind steht eben auch für unser übermächtiges Bewusstsein. Und dass dieses nah am Wahnsinn gebaut ist, zeigt sich in den tagtäglichen Irrflügen unserer Gesellschaft. Der Wind steigt, der Wind fällt. Eine Achterbahn-Fahrt der Gedanken. Ein Segelflug der Emotionen. Die Niederländer haben dafür sogar ein Sprichwort: “Den Wind kann man nicht verbieten, aber man kann Windmühlen bauen.” Aus der Not eine Tugend machen, nennt man das wohl. Diese Not steckt in unseren Gehirnwindungen und Gefühlsregungen. Da drehen sich schon mal Windmühlen im Oberstübchen. Die Windmühlen unserer Gedanken. The Windmills Of Your Mind aus dem Soundtrack zum Gauner-Film Die Thomas Crown Affäre (1968) führt uns die irrwitzigen Berg- und Tal-Fahrten, das Auf und Ab, das Luv und Lee, in den unbegrenzten Möglichkeiten unseres Lebens vor Augen.

Round,
Like a circle in a spiral
Like a wheel within a wheel,
Never ending on beginning,
On an ever-spinning reel
Like a snowball down a mountain,
Or a carnival balloon
Like a carousel that’s turning
Running rings around the moon
Like a clock whose hands are sweeping
Past the minutes on its face
And the world is like an apple
Spinning silently in space
Like the circles that you find
In the windmills of your mind!

Die aufsteigenden und abfallenden Winde des Lebens in den Windungen unserer Gedanken sind hier ausdrucksstark versinnbildlicht in diesem Segelflug von Steve McQueen. Das Leben zieht seine Kreise, die Du in den Windmühlen Deiner Gedanken wieder findest. Bleibt nur zu hoffen, dass die Berg- und Talfahrten der Winde unseres Alltags nicht zu einem lauen Lüftchen verkommen. Aber solange die Briese des Lebens als musikalischer Rückenwind auf der Tanzfläche, wie beim Opener zum zweiten und letzten Simian-Album We Are Your Friends, daher kommt, ist das doch o.k…

Simian – La Breeze

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Auf Wiederhören, sagt… Andi Hörmann

Der Spagat zum Thema Wind läuft am kommenden Samstag, 17.10.09 von 19:00 bis 20:00 Uhr auf www.byte.fm
(Wiederholung: Donnerstag, 22.10.09, 15:00 – 16:00 Uhr und Freitag, 23.10.09, 10:00 – 11:00 Uhr)

These songs are up for listening purposes only for a short time. We also don’t host them, but ‘embed’ them from major aggregator-sites like hypemachine.com. If you’re an artist or label who wants the song taken down, please write to admin[at]kulturstruktur.net – Thanks!

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ist freier Kulturjournalist und lebt in München. Begleitend zu seiner Sendung "Spagat" bei ByteFM veröffentlicht er auf kulturstruktur die Kolumne "Spagat im Quadrat".
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