die zigaretten schmecken frisch. / nach diesem winter // lassen wir alle blumen stehen. — Tom Bresemann

Spagat im Quadrat: Musik hoch Licht.

Von | 13. November 2009 | Kategorie: Die Natur | 2 Kommentare | 2.032 Aufruf(e)

Es werde Licht… Glaubt man der biblischen Schöpfungsgeschichte, hat mit dem Licht alles Leben auf unserer Erde angefangen. Licht ist nicht nur Leben, Licht ist auch Geborgenheit und Licht ist Wissen. Doch das Phänomen Licht ist auch eine Geschichte von Abwesenheit und Mangel. Dualität mag das der Akademiker nennen. So wie es ohne gut kein böse gibt, ist auch der Tag ohne die Nacht nicht denkbar.

Deswegen zäumen wir hier das Pferd erst mal von hinten auf: Das Licht erzählt uns auch etwas über die Dunkelheit – am Anfang war die Dunkelheit und am Ende kommt diese wieder. Und dazwischen ist das Licht. Durch die Sonne etwa lässt sich das Licht fühlen und auf Bildern ist es sichtbar, doch direkt hören können wir Menschen es nicht.

Aber das Licht wird gerne als veranschaulichende Metapher in der Popmusik verwendet. Wenn nun Johnny Cash davon singt, dass er Dunkelheit sieht, dann ist das fast schon ein Widerspruch in sich. Ohne Licht lässt sich rein physikalisch überhaupt nichts sehen. Nur über das Licht existiert das ganze Farbspektrum des Sichtbaren, und in absoluter Dunkelheit sind wir Menschen blind. Also steht die Aussage „I see a darkness“ wohl eher für ein Gefühl: So ist vielleicht auch das Schwarz-Sehen in unserem Sprachgebrauch zu einer Metapher des Pessimismus geworden.

Acid Pauli – I See A Dark(er)ness

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Well, you’re my friend
And can you see
Many times we’ve been out drinking
Many times we’ve shared our thoughts
Did you ever, ever notice, the kind of thoughts I got
Well you know I have a love, for everyone I know
And you know I have a drive, for life I won’t let go
But sometimes this opposition, comes rising up in me
This terrible imposition, comes blacking in my mind

And then I see a darkness
Oh no, I see a darkness
Do you know how much I love you
Cause I’m hoping some day soon
You’ll save me from this darkness

Musikalisch wird hier Johnny Cash von Martin Gretschmann aka Acid Pauli im Clubkontext ins rechte Licht gerückt. Eine „fürchterliche Belastung schwärzt“ in diesem Text von Johnny Cash den Verstand. Zweifel, Depression und Wahnsinn. So liegt etwa die Dunkelheit und die Erleuchtung im Krankheitsbild der Schizophrenie ganz nah beisammen. Doch wir wollen hier nicht den Teufel an die Wand malen. Die Tabuthemen Tod und Krankheit sind in unserem Leben schon zu sehr mit Bildern der Dunkelheit besetzt. Man muss kein Synästhetiker sein, um in der Musik die melancholische Tonart Moll mit Licht-Entzug und ein heiteres Dur mit Licht-Einfall zu assoziieren. Ein scheinbar nicht enden wollender düsterer Sequenzer-Seufzer bestimmt zum Beispiel bei den Geschwistern Karin und Olof Dreijer im Stück „Still Light“ die Einheit von Form und Inhalt. Ein klagendes Pop-Fragment. Losgelöst, schwebend und von Melancholie durchdrungen.

The Knife – Still Light

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

The doctor came in the morning
She held my hand
And asked ‘was it worth it?’
‘Could it be worse than this?’
Please recall
Give me a hint
Anything will do
If this was the last time now you should tell us what to do

I was afraid I guess
Now I can’t think no more
I was so concentrated
On keeping things together
I’ve learned to focus on
I didn’t want to disappoint
Now where is everybody
Is it still light outside?

„Gibt es da draußen noch Licht?“ Ist die verzweifelte Frage am Ende des Stücks. Und die Antwort ist in den tiefen Abgründen der menschlichen Seele nur schwer auszumachen. „Silent Shout“ – leiser Aufschrei – ist das reduzierte, in entschleunigter 90er-Jahre-Manier, ravende The Knife – Album betitelt. Mit Still Light findet diese Ansammlung an atmosphärischen Pop-Entwürfen ein zart gehauchtes Finale. „Stell Dein Licht nicht unter den Scheffel“ könnte der Grundtenor auf diesem Album sein. Oder: “Bring etwas mehr Licht in die düsteren Phasen Deines Lebens.” Und wie soll das funktionieren? Gute Frage, wenn Du Dich im Leben gehetzt und gejagt fühlst wie der sprichwörtliche Hase. „I‘m the rabbit in your headlights“ singt Thom Yorke unter der musikalischen Leitung von James Lavelles und DJ Shadows All-Star-Projekt U.N.K.L.E im Jahr 1997. Zu diesem epischen Pop-Song hat Jonathan Glazer ein zeitlos beeindruckendes Musikvideo produziert.

unkle rabbit in your headlights from musicforrunways on Vimeo.

Stoischer Gleichmut, Aufbegehren, und die Frage nach Gerechtigkeit lassen sich auf den ersten Blick auf dem kreuzweg-artigen Gang durch den gezeigten Tunnel im Video assoziieren. Da stellt sich einem doch die Frage: Geht es nicht letztendlich um das Licht am Ende des Tunnels? Lichtblicke sind vielleicht eine Antwort darauf. Sie verkörpern Hoffnung und das Gute. Wann, wo und wie? Möchte man als Suchender sofort wissen. Naja. Frei nach der Binsenweisheit: Lichtblicke erfahren wir meist dann wenn wir sie nicht suchen…

Was wir in unserer hochtechnisierten Alltags-Welt vor allem ganz konkret finden, ist das Licht als künstliches Neonlicht. Und da sind wir wieder in der Popmusik angelangt. So trifft etwa bei Kraftwerk die Wirklichkeit auf das Künstliche. „Neonlicht, schimmerndes Neonlicht, und wenn die Nacht anbricht ist diese Stadt aus Neonlicht.“ Kraftwerk sind wohl die Popformation, die sich selbst über das Licht der Öffentlichkeit zu einem sterilen Kunstprodukt hochstilisiert hat. So läuft`s Business. Oder um es mit Wilhelm Busch zu sagen: „Auch der aller Gewöhnlichste Gegenstand, in Licht und Gegenlicht, ist wert der Betrachtung“. Doch lassen wir uns nicht blenden, vom Pop (-Business)…

Kraftwerk – Neonlights

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Auf Wiederhören, sagt… Andi Hörmann

Der Spagat zum Thema Licht läuft am kommenden Samstag, 14.11.09 um 19:00 Uhr auf www.byte.fm
(Wiederholung: Donnerstag, 19.11.09, 15:00 Uhr und Freitag, 20.11.09, 10:00 Uhr)

These songs are up for listening purposes only for a short time. We also don’t host them, but ‘embed’ them from major aggregator-sites like hypemachine.com. If you’re an artist or label who wants the song taken down, please write to admin[at]kulturstruktur.net – Thanks!

| | | | | | |   |

Themen: , , ,

thematisch verwandte Beiträge:

ist freier Kulturjournalist und lebt in München. Begleitend zu seiner Sendung "Spagat" bei ByteFM veröffentlicht er auf kulturstruktur die Kolumne "Spagat im Quadrat".
Schreibe dem Autor eine Email | Alle Beiträge von

2 Kommentare »

  1. Hallo Andi,
    Jetzt muss ich dir an dieser Stelle dochmal ein grosses Kompliment machen. Deine Kolumne ist iene wahre Bereichung, tolle Assoziationen und wunderbare liedauswahl. weiter so, und liebste Grüsse!

  2. …there is a light that never goes out! (Smiths)

Beitrag kommentieren