Dieses Gefühl überwintert
in deinem Handschuh, leise schnaufend
wie ein zu großes Tier
unter dem Waldboden.
— Steffen Popp

Religion
& Glaube

Von und | 24. November 2010 | Kategorie: Aktuelle Ausgabe | #1 | Unkommentiert | 2.594 Aufruf(e)

Gott ist tot – es lebe der Glaube

Religiosität nimmt, zumindest in Europa, statistisch gesehen immer weiter ab. Die Säkularisierung schreitet unaufhaltsam fort, übrig bleiben lediglich Rituale & Traditionen, deren (Glaubens-)Gehalt von vielen kaum mehr entschlüsselt werden kann. Religion, Glaube: In ihrer Funktion als zentrale Determinanten individueller Lebensführung erscheinen diese Begriffe wie Relikte aus einer anderen Zeit, verbannt im Zuge der ‚stillen Revolution‘ und dem damit einhergehenden Siegeszug des Postmaterialismus: Gott ist tot.

Und doch: Immer wieder ist auch die Rede von einer ‚Renaissance des Religiösen‘, prognostiziert bereits von Samuel Huntington in seinem Aufsatz zum „Kampf der Kulturen“. Die religiöse Aufladung von Politik hat nicht erst seit dem 11. September Hochkonjunktur, und religiöser Fundamentalismus ist auch im vermeintlich säkularen Westen keine Randerscheinung. Und auch hinter dem reflexhaften Verweis auf die ‚jüdisch-christliche Kultur des Abendlandes‘ im Kontext aktueller Leitkulturdebatten  steckt unter Umständen mehr als reines ‚Nominalchristentum‘.

Noch immer sind die Atheisten in der Minderheit, nur die wenigsten ‚bewusst nichtreligiös‘. Zwar emanzipiert sich die Mehrheit der Menschen im westlichen Kulturkreis mehr und mehr von den Dogmen etablierter Glaubensverwalter wie der Kirche, dies allerdings ohne den Glauben ganz aufzugeben: Vielmehr finden viele Halt in einer diffusen Mischung aus Tradition und Spiritualität – ein Phänomen, dass Thomas Luckmann bereits vor Jahrzehnten als  ‘Privatisierung der Religion’ beschrieb.

Vielleicht kehrt der Glaube in westlichen Gesellschaften auch einfach zurück zu seinen Wurzeln: Der individuellen, spirituellen Erfahrung. Und vielleicht lassen sich auf diese Weise Religiosität & Säkularisierung miteinander versöhnen,  als zwei sich nicht länger widersprechende, sondern vielmehr ergänzende Denkströmungen (Charles Taylor). Frei nach dem Motto: Gott ist tot. Es lebe der Glaube!

Sicher ist: Hinter dem Themenkomplex rund um Religion & Glauben verbergen sich einige der spannendsten Fragen der Moderne. Sie berühren die Grundfesten unserer Existenz – und eröffnen bewegende Perspektiven auf Gesellschaft, Geist und Natur; Ist es doch das Bedürfnis des Menschen nach Transzendenz, die Suche nach dem Grund seiner Existenz jenseits der unmittelbar erfahrbaren Welt welche ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet – und ihn mit allen seiner Artgenossen eint, unabhängig von Raum & Zeit.

Einige dieser Fragen sollen – nicht zuletzt durch die Unterstützung  prominenter Wissenschaftler – in den kommenden Wochen auf Kulturstruktur debattiert werden;  Die Beiträge werden sich dabei grob an folgender Struktur orientieren:

I. Die Ursachen religiösen Glaubens.

II. Die verschiedenen Ausprägungen von Religiosität

III. Die Konsequenzen von Religiosität für Individuum & Gesellschaft.

Sollten sich noch Interessierte finden, die gerne einen Beitrag zu einem der obengenannten Themengebiete verfassen möchten, bitten wir um das Zusenden eines kurzen abstracts per email an: admin [at] kulturstruktur.net

Es freuen sich auf viele anregende Diskussionen

Jonathan Ziebula & Phillip Winter


Bisher in dieser Reihe erschienen sind folgende Beiträge:

| | | | | | |   |

thematisch verwandte Beiträge:
  • Keine weiteren Artikel zu diesem Thema

ist Politik- und Soziologiestudent in Mainz und greift auf kulturstruktur überwiegend Themen aus Politik & Gesellschaft auf.
Schreibe dem Autor eine Email | Alle Beiträge von

Beitrag kommentieren