das kleine haus
vermisse ich, das kleine haus das nie
schläft, das kleine haus das sich um seine
pferdchen kümmert + kümmert + kümmert
das kleine haus
— Christian Schloyer

Phänomene langer Dauer: Kuba ist eine Insel.

Von | 18. Juni 2009 | Kategorie: Die Natur | Unkommentiert | 1.725 Aufruf(e)

Wer schreibt Geschichte? Sind es Menschen, Wirtschaftszyklen, oder sind es Phänomene langer Dauer, die den Lauf der Geschichte maßgeblich prägen? Die kubanische Geschichte scheint eng verknüpft zu sein mit einem Phänomen langer Dauer par excellence: Die geographischen Gegebenheiten Kubas dienen als Schlüssel zur Geschichte und Gegenwart des Inselstaates.

Setzt man sich mit der kubanischen Geschichte des letzten Jahrhunderts auseinander, stößt man unweigerlich auf Figuren wie Fidel und Rául Castro, Che Guevara, Camilo Cienfuegos und viele mehr. Schnell entsteht der Eindruck, und unzählige Biographien, bedruckte Fahnen und T-Shirts scheinen das zu bestätigen, dass die genannten Herren der Schöpfung den Löwenanteil der Revolution bewerkstelligt hätten: Kaum jemand widersteht der Versuchung, den Lauf der kubanischen Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit diesen Namen gleichzusetzen. Doch welche Kräfte wirken neben dieser vermeintlich einflussreichen menschlichen Handlungskraft? Welche Prozesse, Strukturen, Zyklen und Interzyklen – vom einzelnen Mensch wohl kaum zu kontrollieren – beschränken, hemmen und fördern den Lauf der Geschichte?

Kein Weg führt bei dieser Fragestellung an dem großen französischen Sozialwissenschaftler Fernand Braudel vorbei. Einer von Braudels Verdiensten ist – und es ist vermessen einen Teil seines großartigen Werkes in einem Satz zusammenzufassen – die Entdeckung der Langsamkeit. Neben der oberflächlichen und schnelllebigen Ereignisgeschichte, etablierte Braudel zwei weitere Ebenen der Zeit: Es sind mittelfristige Prozesse, wie zum Beispiel Konjunkturzyklen, und vor allem Strukturen langer Dauer, die die Geschichte bestimmen. Ereignisse bleiben also als kurz aufschäumende Gischt der Wellen zurück, die durch den Grund des Meeresbodens, den Wind und die Gezeiten ihre Bewegung finden. Das Aufspüren von Phänomenen langer Dauer wird so zur notwendigsten Bedingung, zur conditio-sine-qua-non, der Beschreibung von Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

Der einfachste Weg Phänomene langer Dauer freizulegen geht über die Geographie. Sind die geographischen Gegebenheiten (und das Wort Gegebenheit impliziert schon längste Dauer) nicht Kubas entscheidende Determinanten im Verlauf der bewegten kubanischen Geschichte? Die Insellage Kubas und ein Gebirgszug im Südosten der Insel scheinen diese Annahme zu bestätigen. Die Revolutionäre um Fidel Castro planten in Mexiko die Überfahrt der Yacht „Granma“ und den Sturz des Diktators Batistas. Das Unterfangen entwickelte sich zu einem Fiasko: Das Seeklima ließ die Mannschaft erkranken, wenige Kilometer vor der kubanischen Küste lief die Granma auf Grund und schon bei der Landung wurden die selbst ernannten Befreier vernichtend aufgerieben. Die Insel erscheint uns demnach als gut zu verteidigendes und schwer zu erreichendes Gebilde: Und dieses Charakteristikum nimmt immer wieder entscheidend Einfluss: Man denke nur an die desaströse Invasion der Schweinbucht 1961 durch den CIA, oder die Kubakrise ein Jahr später.

Dass die Revolution dennoch erfolgreich zu Ende gebracht wurde, ist vor allem der Schutz bietenden Sierra Maestra zu verdanken: Der unwegsame Gebirgszug diente den „Gestrandeten“ als schützendes Rückzugsgebiet, in dessen bewaldeten Schluchten und Tälern die erfolgreiche Guerillataktik entwickelt werden konnte. So schroff die Küste Kubas und das Klima des karibischen Meeres die „Befreier“ abwiesen, so umsorgend nahm sich die gewaltige Sierra Maestra ihrer an. Die Sierra Maestra wird so zur Mutter der kubanischen Revolution, einer Revolution die in der Rezeption meistens nur Väter hat.

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ist Student der Sozialwissenschaften an der KU Eichstätt-Ingolstadt.
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