Phänomene langer Dauer: Geistige Gefängnisse in Namibia
Nicht nur die Geographie dient als Schlüssel zum Verständnis der Geschichte eines Landes, einer Region, einer Stadt, oder eines Dorfes: Auch andere Phänomene, die über lange und sehr lange Zeiträume hinweg auftreten, prägen maßgeblich den Lauf der Geschichte.
Der menschliche Geist selbst scheint überaus beständigen Zwängen, Denkmustern und Vorurteilen zu unterliegen, die unaufhörlich Ereignisse produzieren und unser Zusammenleben gestalten. Eins von vielen Beispielen – und ein besonders offensichtliches – findet man im südlichen Afrika: Im dünn besiedelten Namibia, im ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika.
Kommt man in eine von zwei Hotelbars in einem Hotel in Mariental kann es gut sein, dass nur weiße Gesichter in Gläser gucken und Rauch inhalieren. Es kann aber auch sein, dass nur schwarze Hände nach den Flaschen greifen und die Kippen abaschen: Es kommt ganz darauf an in welcher Bar man landet. Die Parteien scheinen eine Art informelles, womöglich sogar unbewusstes Arrangement abgeschlossen zu haben, sich aus dem Weg zu gehen. Sie scheinen sich einig zu sein. Eine Bar für Weiße, eine für Schwarze.
Knapp 20 Jahre ist es her, dass Namibia als Nationalstaat die Unabhängigkeit erlangte. Die SWAPO (South-West-African-People’s-Organisation) entledigte sich der rassistischen, südafrikanischen Herren, die die namibische Gesellschaft seit 70 Jahren systematisch zerstörten. Davor erprobten die Deutschen ihren ersten Völkermord an den Herero und Nama und vor den Deutschen wirkten immer wieder die am Kap ansässigen Europäer – erst die Holländer und später die Engländer – auf die ansässigen Stämme ein. Nicht nur in den Köpfen spukte die Idee von geistiger und moralischer Überlegenheit umher. Spätestens die Apartheid verlieh der Rassentrennung rechtmäßigen Charakter und das Phänomen „Rassismus“ kam zu seinem Höhepunkt: Nicht nur der öffentliche Raum, auch die Privatsphäre wurde z.B. in Form des Mischehen-Verbots von dem geistigen Schwarz-Weiß-Konstrukt durchdrungen – Rassismus als absolute, als totale Idee. Was europäischem Gedankengut entsprang – einem Gedankengut dessen Ursprünge schon lange vor der europäischen Expansion zu suchen sind – wirkte verrechtlicht und verschriftlicht wieder auf das Rassendenken zurück: eine Rückkopplung mit kaum zu überschätzender Wirkung. Und natürlich konnten sich die einheimischen Völker, die „mindere Rasse“, dem zu keinem Zeitpunkt auf keiner Ebene entziehen, schließlich waren sie ja ungewollt zu einem festen Bestandteil der neuen Gesellschaftsordnung, der totalitären Ideologie geworden.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass Verhalten und bewusste und unbewusste Geisteswelt eines Bürgers, der in einem solchen Umfeld seine Sozialisierung erfährt, Einfluss auf z.B. seine Kinder und deren Verhalten und Geisteswelt haben. Aus einem geistigen Gefängnis bricht niemand von heute auf morgen aus. So tritt die generationenübergreifende Wirkung eines Phänomens langer Dauer womöglich auch noch in 30 Jahren in zwei Bars in einem Hotel in Mariental in Erscheinung. Geschichte wirkt als Kontinuum. Ereignisse – wie beispielsweise die Unabhängigkeit Namibias 1990 – scheinen nichts als heiße Luft sein, oberflächliche Randnotizen und bestenfalls Wendepunkte in sehr langfristigen Entwicklungen: Die Vergangenheit ist die Gegenwart ist die Zukunft.
Themen: Afrika, Annales-Schule, Apartheid, Geschichte, Namibia, Phänomene langer Dauer, Rassentrennung, Rassismus thematisch verwandte Beiträge:
Jonathan Ziebula ist Student der Sozialwissenschaften an der KU Eichstätt-Ingolstadt.
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