wir lieben diese kalte fraktale Grammatik.
das feingliedrige Taumeln des Schnees in der Luft.
— Ron Winkler

Love music – hate homophobia!?

Von | 10. Februar 2010 | Kategorie: Die Gesellschaft | 9 Kommentare | 3.079 Aufruf(e)

Diskriminierung kann sehr verschiedene Formen annehmen. Wo in manchen LĂ€ndern Menschen um ihr gleiches Recht auf eine Arbeitsstelle oder Einlass in eine Diskothek kĂ€mpfen, mĂŒssen sie in anderen um ihr Leben bangen, wenn sie sich öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen. So sind gewalttĂ€tige Übergriffe auf Menschen, die sich sexuell zum gleichen Geschlecht hingezogen fĂŒhlen in Jamaika an der Tagesordnung. Homophobie ist in der jamaikanischen Gesellschaft tief verwurzelt.

Die politischen Parteien beispielsweise, schĂŒren ĂŒber Grenzen politischer Ausrichtung hinweg Vorurteile gegen Schwule. So schwor der damalige OppositionsfĂŒhrer der Jamaican Labour Party und heutige Premierminister Jamaikas, Bruce Golding, dass “Homosexuelle keinen Platz in seinem Kabinett” finden wĂŒrden. Dieselbe Partei warb fĂŒr sich in ihrem Wahlkampf 2001 mit dem Song “Chi Chi Man”, der von der Verbrennung Schwuler handelt.

Diese Verbindung von Reggae- und Dancehallmusik und homophoben, zu Gewalt aufrufenden Texten ist jetzt dem SĂ€nger Sizzla zum VerhĂ€ngnis geworden. Sein Auftritt in Berlin musste nach erheblichem öffentlichen Widerstand abgesagt werden. Dabei richtet sich der Protest vor allem gegen jene Songs, die man als “battyman tunes” bezeichnet. Als battymen – was soviel heißt wie Arschficker – werden abwertend Schwule bezeichnet. In diesen Liedern wird offen zum Mord an Schwulen aufgerufen. Sizzla singt zum Beispiel in seinem Lied “Nah Apologize”:

Rastaman don’t apologize to no battybwoy
If yuh diss King Selassie I will gunshot yuh bwoy
Gimme di whole a di girls cause a dem have di joy
Inna di Lake of fire mi dash yuh bwoy
Badman don’t apologize to no battybwoy

Rastaman entschuldigt sich bei keinem Arschficker
Wenn du König Selassie disst werde ich dich erschießen Junge.
Gib mir die ganzen MĂ€dchen, denn sie haben die Freude
In einen See aus Feuer schleudere ich dich Junge
Schlechter Mann entschuldigt sich bei keinem Poficker

Dergleichen mehr findet sich in Sizzlas gesammelten Werken, der produktive KĂŒnstler bringt es auf stattliche 40 Alben. Zwei seiner Platten wurden dann auch im Jahr 2009 von der BundesprĂŒfstelle fĂŒr jugendgefĂ€hrdende Medien indiziert. Bereits zuvor war er mit einem Schengen-Einreiseverbot belegt worden. Dieses wurde aber nicht verlĂ€ngert, da Sizzla bei Autritten 2008 in Budapest und Den Haag keine homophoben Texte benutzte. Fraglich ist, warum er ĂŒberhaupt zu diesen Auftritten anreisen konnte. Sizzla  hat zwar im Jahr 2007 den Reggae Compessionate Act (RCA) unterzeichnet. Diese Vereinbarung verpflichtet die Unterzeichner unter anderem dazu, keine schwulenfeindlichen Texte mehr zu singen. Doch der RCA erwies sich als Fehlschlag, da die meisten Unterzeichner sich nicht daran hielten. Sizzla hat zum Beispiel in den jamaikanischen Medien geleugnet diese Übereinkunft unterzeichnet zu haben, in Jamaika weiterhin schwulenfeindliche Lieder gespielt und auf einer Pressekonferenz in Köln anlĂ€sslich des Summerjam 2007 folgendes gesagt:

GrĂŒndest du eine Familie, erweist du deiner Mutter Respekt. Gehst du zu anderen MĂ€nnern, ziehst du ihr Ansehen in den Schmutz.“ Und weiter: „Ein Mann muss sich entscheiden, ob er ein StĂŒck Dreck sein will oder ein stolzer Mann – so einfach ist das“.

Zudem macht er von einer Möglichkeit gebrauch, die viele Bands mit jugendgefÀhrdener Lyrik einsetzen: er lÀsst die illegalen Passagen vom Publikum singen und macht sich somit nicht selbst strafbar. Damit ist Sizzlas Meinung zur HomosexualitÀt wohl klar.

Doch nun kommt die interessantere Frage: Wie sollen wir in Europa mit einem Musiker aus einem anderen Kulturkreis umgehen, der in seinen Texten zu Gewalt gegen Minderheiten aufruft und daran nichts Falsches erkennen kann? In der Online-Diskussion zu diesem Thema haben sich zwei ernstzunehmende Sichtweisen herauskristallisiert. Die eine Seite verdammt die homophoben Texte und fordert ein Auftrittsverbot fĂŒr Musiker, die solche Texte benutzen, unabhĂ€ngig von deren Herkunft und ihrer Sozialisation. Die andere betont die Kultur auf Jamaika als Grundlage fĂŒr die geistige Entwicklung der Musiker und wittert bei dem Ruf nach Verbot Diskriminierung und Rassismus.

Wer den ersten Standpunkt vertritt, kann leicht Beispiele finden, die auf den ersten Blick die starke Kritik an Sizzla rechtfertigen. In Deutschland hat die Frankfurter Band “Böhse Onkelz” in ihrer frĂŒhen Schaffensphase Lieder mit eindeutig rassistischem Inhalt geschrieben, unter anderem das Lied “TĂŒrken raus”. Darin kommt die Zeile “TĂŒrkenpack, raus aus unserem Land, geht zurĂŒck nach Ankara, denn ihr macht mich krank.” vor. Obwohl dieser Song nie veröffentlicht wurde, und die Band sich spĂ€ter von neo-nazistischem Gedankengut zu distanzieren versucht hat, unter anderem mit einem Konzert fĂŒr Opfer rechter Gewalt, wurde diese Distanzierung in den Medien nie fĂŒr glaubhaft befunden. Warum sollte man also Sizzla glauben, wenn er sich nach dem Unterzeichnen des RCA postwendend davon distanziert?

Die andere Seite der Argumentatoren bewegt sich in Richtung eines Kulturrelativismus, der die Menschenrechte als Teil einer moral-imperialistischen Entwicklung sieht. Dabei werden die Menschenrechte als von der sogenannten westlichen Welt entwickelt und von ihr verbreitet angesehen. Doch lassen sich – so wird argumentiert – diese Rechte ohne weiteres auch von Kulturen einfordern, die das Recht des Individuums im VerhĂ€ltnis zu den Rechten der Gemeinschaft anders gewichten? Auf Jamaika wird beispielsweise der christliche Glaube als Rechtfertigung fĂŒr Homophobie herangezogen. Die alttestamentarische Auslegung der Bibel ließe Toleranz gegenĂŒber Schwulen nicht zu. Außerdem wĂŒrden KĂŒnstler wie Sizzla sich in ihrer Heimat unter UmstĂ€nden strafbar machen, wenn sie sich offen gegen Homophobie aussprĂ€chen, denn in Jamaika stehen bis zu zehn Jahre Haft auf Geschlechtsverkehr zwischen MĂ€nnern. Weibliche HomosexualitĂ€t wird hingegen nicht strafrechtlich verfolgt.

Dieser Vergleich soll keinesfalls verharmlosend wirken und die Beliebtheit der Frankfurter “Onkelz” bei Neonazis ist unbestritten. Allerdings bleibt die Frage, ob eine kulturrelativierende ErklĂ€rung fĂŒr menschenverachtende Texte angebracht ist und wenn ja, welche SchlĂŒsse man daraus fĂŒr die Einhaltung der Menschenrechte zieht. Denn die Abgrenzung zwischen der Auswirkung kultureller und individueller EinflĂŒsse auf die Entwicklung eines Menschen ist schier unmöglich. So fĂŒhrt das Aufwachsen auf Jamaika keineswegs automatisch zum Schwulenhass. Es gibt dort ja einheimische Aktivisten fĂŒr die Rechte Homosexueller! Weiter tritt, selbst bei Akzeptanz eines Kulturrelativismus, das Problem der Bereitschaft zur Toleranz gegenĂŒber Intoleranz in der hiesigen Gesellschaft auf. Ein zusĂ€tzliches – zugegebenermaßen formal-logisches – Problem ist dem Kulturrelativismus immanent: auf sich selbst bezogen spricht er sich die AllgemeingĂŒltigkeit ab, da Kulturrelativismus selbst ein ErklĂ€rungsmodell ist, das nur in bestimmten Kulturen – genau genommen sogar nur in Teilen dieser Kulturen – anerkannt wird. Eine solche ErklĂ€rung kann nach den Prinzipien des Kulturrelativismus keinen Anspruch auf allgemeine Anerkennung erheben.

Viele weitere Beispiele fĂŒr diese moralische ZwickmĂŒhle lassen sich ohne weiteres finden: von der UnterdrĂŒckung religiöser Minderheiten durch EinschrĂ€nkung des Baurechts fĂŒr Glaubenszentren ĂŒber VerstĂŒmmelungen im Namen der Religion bis hin zu Genoziden, die ĂŒberall auf der Welt stattfanden und finden. Die Frage der UniversalitĂ€t der Menschenrechte  in einer globalisierten Welt ist deshalb eine der schwierigsten, aber auch drĂ€ngendsten zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

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ist Wissenschaftsjournalist bei www.die-fachwerkstatt.de, ehemals Physiker. twitter: @philipphummel
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9 Kommentare »

  1. Eine interessante Frage und ein ansprechender Artikel. Diese Idee des Reggae Compessionate Act ist allerdings, mit verlaub gesagt, wirklich albern. Es ist als wĂŒrde jeder von uns unterschreiben, ab morgen keine Vorurteile mehr zu haben. Sicher, es gibt Menschen, die sind in der Regel unvoreingenommen und es gibt andere, die leben in einem komplexen Schubladensystem. Doch eines gilt fĂŒr alle: Ganz ohne Vorurteile ist niemand. Man kann sich auch nicht vertraglich verpflichten, keine zu haben oder – compassionate – mitfĂŒhlend zu sein. Es ist eine Frage von Bildung und AufklĂ€rung sie zu beseitigen, statt sie von außen zu verbieten. Zumindest im Kopf bestehen sie dann noch weiter, man doktort an Symptomen herum, ohne zur Ursache vorzudringen.
    Philipp stellst ganz richtig fest, dass unsere Toleranz in einigen Bereichen an ihre Grenzen stĂ¶ĂŸt und die der Freiheit verbundene Demokratie unweigerlich in ein Dilemma stĂŒrzt. Das Grundgesetz und unsere Werteordnung geben im Grunde aber keinen schlechten Weg vor: “Meine Freiheit reicht nur bis zur Nasenspitze meines Mitmenschen” …und das gilt auch in diesem Fall. Dieser und andere vermeintliche KĂŒnstler haben kein Recht darauf, ihren gegen Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz verstoßenden Unsinn hier im Land zu verbreiten. Es ist richtig, dass so menschenverachtender Mist auf dem Index landet, auch die Kunst- und Meinungsfreiheit finden ihre Grenze in der alles ĂŒberragenden MenschenwĂŒrde. Kein Mensch hat das Recht, das Lebensrecht eines anderen per se in Frage zu stellen. Einen solchen Vorgang mit der Bibel zu begrĂŒnden oder zu verklĂ€ren stellt eine (immer noch recht ĂŒbliche) Pervertierung und Instrumentalisierung der Religion dar.
    Ich möchte aber hinzufĂŒgen, dass ein solches Vorgehen, das heißt die (Nach-) Zensur immer nur die ultima ratio sein kann und darf. Mir persönlich ist, in den beschriebenen Grenzen, eine ehrliche Meinung, ĂŒber die man streiten kann, lieber als zur Schau getragene political correctness, der es an bei genauerem Hinsehen an jeglicher Substanz und Überzeugung fehlt.

  2. Sehr interessanter, abwĂ€gender Beitrag, der die richtige Frage stellt: Inwiefern kann die Idee universeller Menschenrechte nicht nur praktisch durchgesetzt, sondern auch theoretisch begrĂŒndet werden? Ich gebe meinem Vorredner absolut Recht, wenn er die “Verpflichtung zum MitgefĂŒhl” als absurd abtut; Auch stimme ich ihm hinsichtlich der klugen Vorgaben des Grundgesetzes bei – wenn auch unser Grundgesetz selbstverstĂ€ndlich Ausdruck des selben westlichen MenschenrechtsverstĂ€ndnisses ist, das bereits bei den verschiedenen (völkerrechtlich bindenden) internationalen Abkommen zum Schutz der Menschenrechte zum Tragen kommt; Völlig unabhĂ€ngig von der Frage mangelnder DurchsetzungsfĂ€higkeit möchte ich jedoch noch einmal die Frage nach den konkreten kulturellen Unterschieden hinsichtlich der Auslegung der Menschenrechte in den Vordergrund rĂŒcken; Denn diese wurden und werden zu allen Zeiten und in allen Kulturen eben de facto unterschiedlich interpretiert, und damit relativiert. So weisst das deutsche Institut fĂŒr Menschenrechte völlig zurecht darauf hin, dass auch das westliche “MenschenrechtsverstĂ€ndnis … von einem weißen, heterosexuell-mĂ€nnlichen Blick geprĂ€gt war: Menschenrechte wurden als Abwehrrechte des weißen, heterosexuellen Mannes gegenĂŒber dem Staat interpretiert und entsprechend auf seine LebensrealitĂ€t bezogen.” Auch in der Geschichte der Bundesrepublik gab es bekanntermaßen eine weniger tolerante Zeit bzgl. sexueller Orientierungen; Der in einigen muslimisch geprĂ€gten LĂ€ndern wie auch in Teilen Afrikas & SĂŒdamerikas dagegen bis heute geschĂŒrte Hass gegen Homosexuelle besitzt allerdings noch eine andere Komponente: So schreibt der Autor eines Artikels fĂŒr das Magazin “Nord-SĂŒd-Aktuell”: “Die Diskussion um Menschenrechte in Bezug auf den Islam leidet darunter, daß sie von den Islamisten und ihren Kontrahenten mit unterschiedlichen PrĂ€missen gefĂŒhrt wird. Beide Lager sprechen von Menschenrechten, die sie fĂŒr unverzichtbar halten, orientieren sich aber an ihren jeweils eigenen Menschenrechtsvorstellungen. WĂ€hrend die zuletzt genannte Gruppe von Menschenrechten als Naturrecht spricht, werden diese von den Islamisten als Gebot Gottes aufgefasst, dessen Einhaltung sie als eine religiöse Pflicht ansehen. Sie geben sich mit dem zufrieden, was der Koran den Menschen an Rechten gewĂ€hrt.” Dies trifft meiner Meinung nach auch auf die von einem diffusen, fundamentalistischen Bibel-VerstĂ€ndnis geprĂ€gte jamaikanische Gesellschaft zu. Dass es auch dort Menschen gibt, die diese Werte nicht teilen, mag dagegen in einer globalisierten Welt nicht weiter verwundern. Zu ĂŒberbrĂŒcken wird dieser Gegensatz auf Dauer nur durch Reformation & SĂ€kularisierung, die das Individuum und seine WĂŒrde gegenĂŒber dem Kollektiv in den Vordergrund rĂŒcken.

  3. kurzer Nachtrag:
    Empfehlenswert auch: Ladwig, Bernd: Menschenrechte und menschliche Natur
    Bausteine zu einer kritischen Theorie der Menschenrechte”, erschienen in: Leviathan – Berliner Zeitschrift fĂŒr Sozialwissenschaft, Ausgabe 35 / MĂ€rz 2007

    Abstract: A critical theory of human rights would have to combine normative arguments with a critique of ideology regarding obstacles of norm realization. For that purpose, it seems as if assumptions of anthropological generality are needed. Against Richard Rorty, it will be shown that a normative theory of human rights referring to images of human nature is in fact possible and necessary. To be sure, human rights can not be founded in ideas of man. Also, concepts of man are never independent of normative interests. Nevertheless, we need those images in order to gain basic dimensions of human rights’ content. The idea of man arising that way is the one of a uniquely vulnerable animal who therefore needs human rights.

    Ladwig kommt in seinem Artikel auch auf das grausame Ritual der weiblichen Beschneidung zu sprechen; vgl. dazu “Weibliche Beschneidung: Grausames Ritual oder wichtiger Bestandteil des Lebens?”, unter: http://www.kulturstruktur.net/weibliche-beschneidung-grausames-ritual-oder-wichtiger-bestandteil-des-lebens

  4. Ich stimme zu, dass “menschenverachtender Mist” nach unserem VerstĂ€ndnis auf unserem Index landen soll, außerdem steht außer Zweifel, dass “Menschenrechte” in unterschiedlichen Kulturen zu verschiedenen Zeitpunkten natĂŒrlich nicht einheitlich Interpretiert werden, ja nicht einmal einheitlich konstruiert und benannt. Ist der daraus resultierende Gegensatz zu ĂŒberwinden? Im Phillip W meint durch “SĂ€kularisierung und Reformation”, durch eine Neubewertung des Individuums und seiner WĂŒrde gegenĂŒber dem Kollektiv. Das ganze lĂ€uft natĂŒrlich auf AufklĂ€rung und Liberalismus hinaus (oder meinst du mit Reformation tatsĂ€chlich kirchliche Erneuerung?), zwei eindeutig europĂ€ischen Entwicklungen aus denen ĂŒbrigens auch – mal abgesehen von den schwachen Wurzeln in Antike und deren Rezeption im Mittelalter – auch die MR entspringen. Dass Kulturen, die grundsĂ€tzlich andere Entwicklungen genommen haben nicht automatisch, aus sich selbst heraus eine liberale Leitideologie, entsprechendes MRecht usw. entwickeln ist klar und auch gut so, außer man bedient sich der entsprechenden Methode des Marxismus und zeichnet ein teleologisches Geschichtsbild mit einem idealen Gesellschaftbild am Ende. Da Krieg als Mittel der Verbreitung von den Phils und Jans wohl auch ausgeschlossen wird, sollte der ewige Gegensatz wohl anerkannt werden, außer man findet Mittel zu einem subersiven Imperialismus. Die intersubjektive Bedeutung der Menschenrechte, die Anerkennung durch jeden Menschen, hat bestenfalls im europĂ€ischen Raum Chancen. Das Grundgesetz ĂŒber das wir nie abstimmen durften gibt also bestenfalls “unseren Weg” vor.
    Dem Autor danke ich fĂŒr einen schönen Text!

  5. Martin S. greift meine AusfĂŒhrungen in seinem Kommentar durchaus richtig auf. Dass die Menschenrechte eine europĂ€ische Idee sind, dass die heutigen MR-Normen unmittelbar mit der verĂ€nderten Rolle von Kirche & Gesellschaft, also Reformation & AufklĂ€rung in Zusammenhang stehen – das kann wohl kaum bestritten werden. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich der Aussage “….Dass Kulturen, die grundsĂ€tzlich andere Entwicklungen genommen haben nicht automatisch, aus sich selbst heraus eine liberale Leitideologie, entsprechendes MRecht usw. entwickeln, ist klar und auch gut…” so zustimmen kann. Man muss meines Erachtens nach kein Marxist sein, um zu der Auffassung zu gelangen, dass es ein allen Menschen immanentes Streben nach natĂŒrlicher(!) Freiheit und körperlicher Unversehrheit gibt – nach dem Prinzip: Leben und Leben lassen. In dem von mir zitierten Beitrag zu einer kritischen Theorie der Menschenrechte von Bernd Ladwig fordert ebenjener, “Menschenrechte als Institutionen zum Schutz und zur Förderung fundamentaler Interessen zu verstehen. In letzter Instanz geht es dabei um Inhalte von anthropologischer Allgemeinheit”. Nur so liesse sich ein universeller Anspruch begrĂŒnden. Somit kann “Eine Anthropologie in moralischer Absicht (…) ohne metaphysischen Realismus auskommen”, schreibt Ladwig – und beschreibt die “fundamentalen Interessen” als solche, die so allgemein sind, dass sich Menschen mit den unterschiedlichsten Vorstellungen von einem guten Leben auf sie einigen können. “Es mĂŒsste sich um Voraussetzungen und/oder Grundbestandteile eines gelingenden Lebens ĂŒberhaupt handeln”. Diese identifiiert er als Existenz, Selbstbestimmung, Wohlergehen und moralischen Status. Seiner kritischen Theorie der Menschenreche liegt die Überzeugung zugrunde, dass alle Menschen, könnten sie nur menschenwĂŒrdig leben, einem solchen VerstĂ€ndnis ihrer Interessen jedenfalls nachtrĂ€glich zustimmen wĂŒrden. Und sie behauptet, “dass menschenwĂŒrdige Bedingungen zugleich die minimal angemessenen sind, um beurteilen können, was wahrhaft gut fĂŒr uns ist.” MenschenunwĂŒrdige Bedingungen dagegen verdanken ihre vermeintliche StabilitĂ€t (wie am Beispiel der weiblichen Beschneidung vl. am besten nachzuvollziehen) den MachtverhĂ€ltnissen und den Ă€usseren Bedingungen, die den “Unterworfenen” zur zweiten Natur geworden sind. Soweit zu einem – meiner Meinung nach durchdachten – Versuch der theoretischen BegrĂŒndung universell gĂŒltiger Menschenrechte, die auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrheit miteinschliessen.
    Und warum eigentlich kein teleologisches Geschichtsbild ? Norbert Elias macht vor wies geht: “Der Prozess der Zivilisation” steckt in der Natur der Menschen. DafĂŒr benötigt es keinen Krieg, das erledigt dann die Interdependenz der Weltgesellschaft und die ihr eigene Dynamik. Und auch Richard Rorty plĂ€diert anstelle von Gewalt und Krieg fĂŒr Kommunikation und begrĂŒndet seinen Optimismus weniger auf theoretischen Argumenten als auf der Anziehungskraft westlicher Lebensformen. Das ist, zugegebenermassen, optimistisch; Vor krassesten GegensĂ€tzen hinsichtlich der Einhaltung von Menschenrechten jedoch die Augen zu verschliessen, ist meiner Meinung nach in eben dieser Weltgesellschaft auf Dauer nicht möglich – In dieser Hinsicht gibt mir der Autor mit seinem Artikel indirekt Recht.

  6. Kleine ErgÀnzung: Ein Interview der taz mit Gentleman, dass nochmal genau die Argumente und Gegen-Argumente meines Artikels widergibt:

    http://taz.de/1/leben/musik/artikel/1/was-mich-stoert-ist-diese-doppelmoral/

  7. Kleine RechtschreibschwĂ€che meinerseits…

  8. Zuerst auch von mir eine passende Leseempfehlung: http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2009/11/24/%E2%80%9Etod-den-perversen-und-schwuchteln-homophober-hassmusiker-in-berlin_2033

    Jetzt aber zur Sache:
    Was das Interview meiner Meinung nach vor allem beweist, ist, dass zur Schau gestellte political correctness in so geballter Form schnell zu Realsatire wird. So zum Beispiel, wenn der Herr Gentleman direkt am Anfang des Interviews derart die Maske fallen lĂ€sst, dass er eine “riesige Lobby gegen eine kleine Szene” am Werk sieht. Er meint damit nicht etwa die bedrĂŒckte Situation von Homosexuellen auf Jamaika oder die nie nach wie vor hĂ€ufig nicht ungefĂ€hrliche Lage selbst in der westlichen Welt, sondern die Diskussion, die sich in Deutschland an Sizzla und seinesgleichen entfacht. “Riesige Lobby gegen eine kleine Szene”, so what?!? Sollen wir uns auch noch dafĂŒr entschuldigen, dass sich die Werte und Ansichten in unserer Gesellschaft nach hartem Ringen in den letzten 40 Jahren liberalisiert haben. Ich denke nicht!
    Wenn der Pastorensohn dann den offenen homosexuellen Volker Beck als Speerspitze einer Anti-Reggea-Bewegung stilisiert und angreift dann offenbart er doch einiges seiner Erziehung durch den Vater, der “das auch nicht fĂŒr von Gott gewollt” hĂ€lt. Es sei hier nur nebenbei angemerkt, das zumindest Teile der evangelischen Kirche in der Frage schon viel weiter sind als der zitierte Herr Papa. Worum es aber wirklich geht, ist die Tatsache, dass die Argumentation Gentlemans RealitĂ€ten ins Gegenteil verkehrt. Die arme MinoritĂ€t der Schwulenhasser gegen die dominante Lobby gleichgeschlechtlicher Liebe. Das klingt wie ein schlechter Scherz und scheint hier zu einem wirklichkeitsspottenden Dogma erhoben worden zu sein.
    Gentleman fĂ€hrt dann fort, dass “jeder das Recht [hat] zu sagen, dass er HomosexualitĂ€t nicht okay findet oder dass er das mit seinem Glauben nicht vereinbaren kann.” Was er da so schön umschreibt ist unter anderem wohl die folgende Aussage seines “Freundes” Sizzla: “Tod den Perversen und Schwuchteln, was habt ihr hier zu suchen? Ich knall die Schwuchteln mit der Waffe ab”. Die Übersetzung wird Gentleman mir sicher verzeihen, in meiner Muttersprache fĂ€llt es mir einfach leichter, den Inhalt zu beurteilen. Dieser ist schlichtweg menschenverachtend und spottet jeder Beschreibung. Dies dann einfach mit Kunst und Metapherbildung abzutun setzt voraus, dass man seinem GegenĂŒber jegliche Intelligenz abspricht. Auch die Kunst erfĂ€hrt in Deutschland ihre Grenzen und hier ist eine solche deutlich ĂŒberschritten. Ich kann in diesem Zusammenhang auch nicht erkennen, dass die BundesprĂŒfstelle fĂŒr jugendgefĂ€hrdende Medien ihre Aufgabe einseitig wahrnehmen wĂŒrde oder unverstĂ€ndlich gehandelt hat. DarĂŒber hinaus fĂŒhrt dieses – verschwiegene – Zitat, die Argumentation Volker Beck wĂŒrde gleichermaßen willkĂŒrlich Schwulenhass in Textpassagen interpretieren ad absurdum.
    Nun ein Wort zur Keule der Doppelmoral. Die NPD-Argumentation des Sizzla-Verteidigers ist gelinde gesagt eine UnverschĂ€mtheit. Man kann nicht jede berechtigte Kritik mit der Moralkeule “Aber die Nazis waren viel schlimmer.” abtun. So wahr die Aussage ist, so falsch ist doch das Argument. Entbindet uns der Nationalsozialismus davon, heute fĂŒr die Wahrung der Menschenrechte einzutreten? Nein, er verpflichtet uns sogar dazu, mutig fĂŒr ihre Einhaltung zu kĂ€mpfen. Jetzt kann man mir entgegenhalten, dass der Wahl-Jamaikaner im Interview von der NPD sprach. Aber Ă€ndert das etwas? Nein. Ich traue unserer Gesellschaft durchaus zu, gegen mehrere Feinde unserer Werte gleichzeitig zu kĂ€mpfen und ich nehme fĂŒr mich sogar das Recht darauf in Anspruch. Ein SĂ€nger schreibt mir keine PrioritĂ€tenliste vor und auch seine Steuergelder sind fĂŒr mich kein Argument.
    Es geht in dieser Diskussion nicht um rechts und links, es geht um die Menschenrechte und diese “zu achten und zu schĂŒtzen ist [gem. Art. 1 GG] Verpflichtung aller staatlichen Gewalt”. Was auf Jamaika lĂ€uft, können wir von hier nur bedingt beeinflussen, aber was in diesem, unserem, Land geschieht, darauf hat unser Staat Acht zu geben und darauf haben wir als BĂŒrgergesellschaft Acht zu geben. Im Extremfall muss der Staat auch durch Nach(!)-zensur Werke indizieren oder Einreisegenehmigungen verweigern.
    Auch dass der “weiße Mann [...] die Bibel nach Jamaika gebracht [hat]“, ist kein Freifahrtsschein. Niemand bestreit, dass die katholische Kirche in der Sache eine Ă€hnlich homosexuellenfeindliche Haltung einnimmt. Doch sagt Gentleman selbst, dass der Papst dies mit anderen Worten tut. Egal wie die Wortwahl ist, muss der Pontifex, wenn er die Meinungsfreiheit fĂŒr sich in Anspruch nimmt, mit Widerspruch leben. Und niemand wird behaupten, dass die Haltung der Amtskirche in Deutschland unwidersprochen ist. Und doch exemplifiziert sich hier der Schutzbereich der Meinungsfreiheit: auch dieses hohe Gut findet seine Grenze in der MenschenwĂŒrde.
    Ich mag Gentleman Unrecht tun, aber ich wiederhole an dieser Stelle meine Anmerkung von weiter oben: “Mir persönlich ist, in den beschriebenen Grenzen, eine ehrliche Meinung, ĂŒber die man streiten kann, lieber als zur Schau getragene political correctness, der es an bei genauerem Hinsehen an jeglicher Substanz und Überzeugung fehlt.” Genau diese Substanz fehlt mir in der zur Schau gestellten Toleranz der Interviewantworten. Und ob der bewaffnete Reggae-Sektierer Sizzla, der sich nicht an die bei uns geltenden Grenzen hĂ€lt, in seiner Heimat auch Brunnen oder Straßen baut, ist mir in diesem Zusammenhang herzlich egal. Mein MenschenwĂŒrdeverstĂ€ndnis kennt keinen Ablasshandel.

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