Dieses Gefühl überwintert
in deinem Handschuh, leise schnaufend
wie ein zu großes Tier
unter dem Waldboden.
— Steffen Popp

Kulturstruktur – ein theoretischer Entwurf.

Von und | 6. August 2010 | Kategorie: Der Mensch, Die Gesellschaft, Die Natur | Unkommentiert | 2.866 Aufruf(e)

Man kann „nicht nur in den letzten Jahren, sondern seit dem Ursprung der Menschheit den Trend beobachten, dass es immer mehr Wissenschaftsfächer und immer mehr Spezialisten (…) gibt. Die Philosophie in ihrer reinsten Form war die Grundlage für die Entwicklung von Wissenschaften.. (R. Heßler)

Dem grafischen und konzeptionellen Relaunch der kulturstruktur ist es zu verdanken, dass wir uns einmal mehr die spannende Frage stellen: Was ist eigentlich Kulturstruktur? Wie funktioniert sie, wie lässt sie sich verstehen und wie sieht sie aus? Ein theoretischer Entwurf für Klarheit. Ein zeitloser Entwurf für ein politisches Kulturmagazin.

Die zunehmende Differenzierung moderner Gesellschaften ist seit Simmel eine Prämisse  sozialwissenschaftlicher Analysen -  immer noch gerne veranschaulicht am Beispiel von Industriegesellschaften, zunehmender Arbeitsteilung und Spezialistentum. Damit einher geht auch die Differenzierung von Ausbildung & Wissenschaft in unendlich viele Studiengänge, Fächer und Methoden.

Eine gewisse Tendenz hin zu einer “Konvergenz” der Wissenschaften lässt sich nicht bestreiten: Interdisziplinäre Ansätze gibt es wie Sand am Meer. Dennoch: Die Diskussionen um die Hochschulreform und die immer größere Anzahl an Fachhochschulstudiengängen zeigen, dass eine eingehende, wissenschaftliche Selbstreflexion in Ausbildung & Studium nicht mehr vorgesehen ist. Die Weiterbildung zur Sprengung vorgegebener Bildungskonzepte findet sich auf dem Abstellgleis;  im Vordergrund steht das Korsett ökonomischer Verwertbarkeit und zeitlicher Effizienz – und eben nicht die Frage: Was hält die Welt im Innersten zusammen?

Die Kulturstruktur dagegen lenkt den Blick des Betrachters von einseitigen Erklärungsmustern auf die  sämtlichem menschlichen Handeln & Denken zugrunde liegenden Strukturen: Dem Charakter sozialer & individueller Phänomene soll in ihrer Prozesshaftigkeit und Wechselwirkung Rechnung getragen werden und dabei auch die biologische & physikalische Natur nicht vernachlässigt werden. Denn die Natur gibt den Rahmen vor, und die Gesellschaft gibt den Rahmen vor, und das Individuum gibt den Rahmen vor.  Und all diese Rahmen sind unauflösbar miteinander verflochten und verworren, erschaffen und zerstören sich gegenseitig – einzig unterworfen dem Faktor Zeit, als vierte Dimension der Erkenntnis.

Der Einzelne dagegen – als Spiegelbild dieser Verflechtungen – versucht sich durch gezielte Fragestellungen  innerhalb dieser Dynamik zu verorten.

Auf dem gegenwärtigen Stand der (…) Theorie-Entwicklung ist die Verzahnung der Teilaspekte der Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen noch nicht recht klar. Die biologischen, die psychologischen und die soziologischen Aspekte dieser Entwicklung sind Gegenstand verschiedener, getrennt arbeitender Fächer. Die Fachleute stellen sie dementsprechend gewöhnlich als getrennt existierend vor. Die eigentliche Forschungsaufgabe ist dagegen die Erfassung und Erklärung der Verzahnung und Verwobenheit dieser Aspekte im Prozeß und deren symbolische Repräsentation in einem theoretischen Modell.  (Norbert Elias)

Kulturstruktur beschreibt somit keinen Gegenstand, sondern eine Perspektive metatheoretischer Natur. In dieser Perspektive weichen Disziplinen und Theorien im Sinne einer dogmatischen Anwendung und machen Platz für das Wesentliche: die Frage nach einer Struktur der Struktur – der Kulturstruktur, als eine Art Struktur zweiter Ordnung. Ihr Mittel ist die Relativierung bestehender (Wissens-)Ordnungen,  die Reduzierung von Kategorien & Begriffen auf ihre einzig legitime Funktion:  als Hilfsmittel und Platzhalter. Ihr Ziel ist das Begreifen der  Zusammenhänge im Kontext ihrer zeitlichen Genese. Daraus folgt ein interdisziplinärer Ansatz bei der Beantwortung drängender Fragen, frei nach dem Motto: Everything goes.

Kulturstruktur ist ein Aufruf  zur gemeinsamen Überwindung akademischer Telleränder und disziplinärer Engstirnigkeit, ein Aufruf zu Offenheit und Reflexion. Kulturstruktur hinterfragt bestehende Denkmuster und deren soziale Konstruktion. Und antwortet mit einer Trilogie der Struktur, innerhalb derer  sich unser Wissen um die Welt darstellt: als Abbild einer Dynamik zwischen Natur, Gesellschaft und Mensch.

Selbstverständlich kann sich die Kulturstruktur in der Praxis  eines  gewissen  Widerspruchs nicht ganz entledigen – stellt doch die Begriffsbildung, auch durch die von uns vorgenommene Unterteilung der Beiträge in Kategorien – selbst wieder eine Strukturierung dar.  Aus diesem Grunde sollen  die vorgegebenen Kategorien “Mensch”, “Natur” und “Gesellschaft” auch nur einen losen Rahmen bieten  – innerhalb dessen die Inhalte der Übersicht wegen grob strukturiert werden, allerdings ohne dass Struktur vor Inhalt ginge.

Um dem vieldimensionalen Ansatz der Kulturstruktur auch in der Praxis gerecht zu werden, findet die Strukturierung der Inhalte auf Kulturstruktur außerdem noch auf zwei weiteren Ebenen statt: Neben den Kategorien bietet sich dem Leser außerdem noch eine Orientierungshilfe durch Kategorie-übergreifende Themen, die jedem Beitrag zugeordnet werden, sowie über die Meta-Themen unserer regelmäßig erscheinenden Ausgaben.

Allerdings machen wir uns nichts vor: “Wo das Chaos auf die Ordnung trifft, gewinnt meist das Chaos, weil es besser organisiert ist.”  Auch dieser Erkenntnis wollen wir mit diesem Magazin Rechnung tragen.

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ist Politik- und Soziologiestudent in Mainz und greift auf kulturstruktur überwiegend Themen aus Politik & Gesellschaft auf.
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