Wir gehen ihr nicht nach,
es ist bald nicht mehr Nacht.
Wir ziehen nur so vor uns hin
und mitten unter unsern Körper sitzt,
in dieser Stadt sitzt irgendwo
die Zukunft, die mit Federn spielt
— Nora Bossong

Zur Rolle von Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte. Teil 2: Irrungen, Wirrungen. Fortsetzung

Von | 5. Juni 2013 | Kategorie: Die Gesellschaft | Unkommentiert | 3.289 Aufruf(e)

Die in den vorigen Teilen angedeutete Methode der Islamgegner, ihre Kritik mit Zitaten bekannter Autoritäten zu untermauern, pflegen auch die Verteidiger des Islam, von manchen verächtlich als „Islamversteher“ oder „Gutmenschen“ bezeichnet (als Unwort des Jahres kam „Gutmensch“ im Jahr 2011 übrigens auf Platz 2), und die Muslime selbst. Zwar haben letztere, vermittelt über den Koran, mit Gott bereits die Autorität schlechthin auf ihrer Seite. Aber das ein oder andere Statement von jemandem, dessen Existenz auch für Nichtmuslime außer Frage steht, kann natürlich nicht schaden.

Zu den am liebsten herbeizitierten gehört hier Gandhi, der gesagt hat: “Es war nicht das Schwert, das dem Islam seinen Platz in der Geschichte beschert hat. Es war die rigide Einfachheit, die absolute Bescheidenheit des Propheten Muhammad. Es war seine peinlich genaue Beachtung von Versprechen, die intensive Hingabe zu Freunden und Anhängern, seine Furchtlosigkeit und sein fester Glaube an Gott und seine eigene Mission.” Auf dem Rücken eines Buches zu „Mohammed“ (Autor: Jotiar Bamarni) macht sich so etwas werbestrategisch fast so gut wie die Tatsache, dass auf der Doktorurkunde von Kant, neben Voltaire sozusagen die Personifikation der Aufklärung, die Basmala, also die islamische Anrufung Gottes, mit der auch 113 der 114 Koransuren beginnen, steht. Vor allem wenn man dabei andere Tatsachen weglässt, z.B. dass Kant in seinem „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“ Mohammed durchaus kritisch, nämlich im Zusammenhang von Fanatismus und Schwärmerei behandelt. Von Lessing anderseits ist bekannt, dass er tatsächlich gegen ein auch in seiner Zeit verbreitetes negatives Islambild ganz explizit angeschrieben hat und dieses auf mangelnde Auseinandersetzung mit dem Islam zurückführte, so etwa sein Vorwurf gegen den Renaissance-Humanisten Hieronymus Cardanus.

Wie wenig erhellend aber der Umgang mit eben nur vermeintlichen „Sachverständigen“ für die Sache selbst sein kann, erkennt man nun nicht bloß daran, dass es, wie gezeigt, für jedes passende Zitat ein ebensolches unpassendes Gegenzitat gibt, sondern auch daran, dass sich widerstreitende Parteien bisweilen auf ein und dieselbe Autorität berufen. So stellte z.B. der FAZ-Feuilleton fest, dass Sarrazin Goethe zu Unrecht (weil verkürzt) wiedergegeben habe; dieser schrieb in den „Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des west-östlichen Divan“ nicht bloß, wie von Sarrazin zitiert, „Der Stil des Koran ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar“, sondern nach „furchtbar“ noch: „stellenweise wahrhaft erhaben“. Goethe bewies eine ausgeprägte innere Anteilnahme am Islam und lobte Mohammed geradezu emphatisch für die Verkündigung eines strengen Monotheismus. Der 70jährige Goethe trug sich eigenem Bekunden nach mit dem Gedanken “ehrfurchtsvoll jene heilige Nacht zu feiern, wo der Koran vollständig dem Propheten von obenher gebracht ward.“ Eine von ihm selbst verfasste Ankündigung seines „West-östlichen Divan“ enthält den Satz, der Verfasser des Buches lehne “den Verdacht nicht ab, daß er selbst ein Muselmann sei.” Der Islamwissenschaftler von Arnim vertritt zudem die Ansicht, Goethe habe nicht zuletzt aufgrund der zu seiner Zeit von Machtansprüchen ungetrübten und rein wissenschaftliche Interessen verfolgenden Orientalistik eine reichhaltige Vorstellung vom Islam erhalten. In seinem Vorwort zur Neuausgabe von Katharina Mommsens „Goethe und die Arabische Welt“ erwähnt er Goethes Wort: „In Islam leben und sterben wir alle.“ Doch Vorsicht, denn das volle Zitat lautet in diesem Falle: „Wenn Islam ‘Gott ergeben’ heißt, // In Islam leben und sterben wir alle“. Goethe hat hier unter „Islam“ einfach die Bedeutung des arabischen Wortes, eben „Gottergebenheit“, nicht aber die Religion selbst gemeint, worauf die Goethe- und Islamkennerin Mommsen nachdrücklich hingewiesen hat.

Um die Neuherausgabe von Mommsens Buch durch Arnim ist denn auch nicht umsonst ein Streit entstanden: Kritiker werfen ein, Armin wolle Goethe als Fürsprecher des Islam darstellen, was Mommsens ursprünglicher Absicht zuwiderlaufe. Auch ein anderer Ausspruch, den Islamfreunde gerne verwenden, um Goethes Affinität zum Islam zu belegen, hat sich mittlerweile zu einem geradezu ubiquitären Mem entwickelt, das nicht nur durch die Welt des Internet geistert: „Ob der Koran von Ewigkeit sei? Darnach frag ich nicht! Ob der Koran geschaffen sei? Das weiß ich nicht! Daß er das Buch der Bücher sei, Glaub ich aus Mosleminen-Pflicht!“ Der zweite Teil des Gedichts wird dabei geflissentlich weggelassen: „Daß aber der Wein von Ewigkeit sei, Daran zweifl ich nicht; Oder daß er vor den Engeln geschaffen sei, Ist vielleicht auch kein Gedicht. Der Trinkende, wie es auch immer sei, Blickt Gott frischer ins Angesicht.“ Angesichts der für gewöhnlich unterschlagenen zweiten Hälfte, wird man zu einer ganz anderen, zumindest differenzierteren Einschätzung von Goethes Stellung zum Koran kommen. Norbert Mecklenburg geht in der FAZ vom 15.12.2012 sogar soweit zu behaupten, dass Goethes Gedicht als Ganzes einen Witz ergibt, der im zweiten Teil „an Blasphemie grenzt.“ Bisweilen nimmt die Vereinnahmung Goethes für den Islam geradezu groteske Züge an: Wenn Muhammad Ibn Ahamad Ibn Rassoul Abü-r-Ridaä ein Buch über „Bruder Johann Ibn Goethe – Die unbekannte Überzeugung des deutschen Dichters zum Islam“ veröffentlicht, vor nicht allzu langer Zeit eine muslimische Gemeinde in Mitteldeutschland Goethe mittels einer Fatwa nachträglich zum Muslim machen wollte und manch einer spekuliert, dass Goethe am Sterbebett Allah gemeint habe, als er mit dem Finger in der Luft eine als „A“ deutbare Bewegung machte, darf dies getrost als übertrieben zurückgewiesen werden. Als gesichert hingegen kann gesagt werden, dass neben einer Affinität zum Islam bei Goethe vor allem die Absicht bestand, Religionen einander anzunähern: Nicht Orient statt Okzident also, sondern: „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Auch Voltaires Position zum Islam, von der schon die Rede war, ist längst nicht so eindeutig, wie man zunächst meinen könnte. Sein Werk „Le fanatisme ou Mahomet le Prophète“ stellt Mohammed zwar als religiösen Fanatiker dar. Das Stück wird jedoch nicht umsonst auch als allgemein religionskritisch verstanden. In der Tat profilierte sich Voltaire vor allem als Kritiker der katholischen Kirche. Auf deren Betreiben wurde das Stück 1742 nach drei Aufführungen abgesetzt und nicht etwa aufgrund von Demonstrationen von Muslimen, wie wir sie heute etwa anlässlich der Mohammedkarikaturen kennen. Später bereute Voltaire sogar, er habe Mohammed zu schlecht dargestellt. Ohnehin ist Vorsicht geboten, wenn man bekannte Aufklärer eo ipso als die Personifikation von Toleranz darstellen will. Davor hat Alexander Kissler gerade mit Bezug auf Voltaire sehr deutlich gewarnt: “Den Juden unterstellte Voltaire Kannibalismus und Abergläubigkeit, ihre Sprache sei ein bloßes Plagiat, ihre Leidenschaft für Massaker legendär” (Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam. München 2008, S. 92). Nach Willi Jasper, emeritierter Professor für deutsch-jüdische Literaturgeschichte, ist Lessings “Nathan der Weise” auch ein Protest gegen “Voltaires abfällige Darstellung des Judentums” (ebd., S. 108).
Und mit Bezug auf den ebenfalls bereits erwähnten Cusanus ist zu ergänzen, dass dieser nicht so eindeutig gegen den Islam polemisiert, wie seine „Sichtung des Koran“ dies naheliegt. Stattdessen wird in der Cusanusforschung die Ansicht vertreten, dass seine Stellung zum Islam „zwiespältig“ sei, zumal er den Islam auch in sein Programm „Eine Religion in der Vielfalt der Riten“ aufzunehmen bemüht war. Und auch Luther, auf den Islamgegner sich gerne berufen, ist in diesem Punkt mit Vorsicht zu genießen, sofern die wichtigeren Gegner des Reformators Kirche und Papst (für Luther der Antichrist) waren. Zudem wird in der Wissenschaft zu Recht bezweifelt, dass Luther überhaupt fundierte Kenntnisse über Koran und Islam besaß. Er selbst muss wohl bekannt haben, nicht viel vom Koran zu wissen, kein Grund allerdings, ihn im gleichen Atemzuge als “faules und schändliches Buch” zu bezeichnen. In Anbetracht seiner nur oberflächlichen Koranlektüre sind solche Behauptungen substanziell von äußerst geringem Wert.

Schließlich zitieren Islamkritiker nicht nur anerkannte Autoritäten, die sich gegen den Islam ausgesprochen haben, um ihre Position zu stützen, sondern versuchen auch auf die Weise gegen den Islam zu polemisieren, dass sie – umgekehrt – Nationalsozialisten anführen, die sich affirmativ über den Islam geäußert haben. Dadurch soll dann eine Art Seelenverwandtschaft zwischen Islam und Nationalsozialismus/Faschismus aufgezeigt werden. Wenn man, wie es in manchen islamkritischen Kreisen beliebt ist, zum Zwecke der Herabwürdigung des Islam Nationalsozialisten, etwa Himmler mit den Worten zitiert, er habe „gegen den Islam gar nichts“, denn er sei eine „für Soldaten praktische und sympathische Religion!“, sollte man sich allerdings die Frage gefallen lassen, ob solche Aussagen als fundierte Tatsachenfeststellungen aus berufenem Mund gelten können oder nicht vielmehr als oberflächliche Propaganda (in diesem Falle: Propaganda im Rahmen der Kollaboration zwischen Deutschen und judenfeindlichen Islamisten während des zweiten Weltkriegs). Anders formuliert: Man stellt jemanden, jedenfalls für die Einschätzung des Islam, als Autorität dar, von dem man sich andererseits gar nicht deutlich genug abgrenzen möchte.

So zeigt sich, dass praktisch keines der in der Islamdebatte verwendeten einschlägigen Zitate wichtiger Autoritäten wirklich von argumentativen Wert ist. Dass auch dem Koran das Schicksal nicht erspart geblieben ist, Steinbruch zu sein, aus dem man sich schlägt, was einem passt, zeigen die bald folgenden Teile.

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ist freier Journalist und schreibt für Fachzeitschriften und Onlinemagazine Artikel und Rezensionen aus den Bereichen Philosophie und Religion. Er hat in Philosophie promoviert.
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