die Pyramiden scheinen
einem Lehrbuch über Ästhetik entnommen.
fliegende Händler bieten Begriffe
zur Bewältigung ihrer Schönheit an.
— Ron Winkler

Zur Rolle von Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte. Teil 2: Irrungen, Wirrungen

Von | 11. Januar 2013 | Kategorie: Die Gesellschaft | Unkommentiert | 3.333 Aufruf(e)

Christian Rother setzt seine Artikelserie zum Thema “Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte” fort. Dabei beschreibt er die Methoden, mit denen sich die an der Diskussion Beteiligten befehden.

„Aber machen Sie doch unseren Islam nicht gar zu schlecht”

Das schrieb Ignaz Goldziher, einer der Begründer der Islamwissenschaft, am 25.10.1906 an den Arabisten Martin Hartmann. Er bezog sich damit auf die Möglichkeit einer nach Gutdünken vorgenommenen Selektion von Hadithen, also von Berichten über Aussagen und Taten des Propheten. Der Islam, so schrieb Goldziher weiter, sei „das, wozu ihn die Bekenner machen.“ Für jedes „barbarische Hadith“ könne ein „humanes angeführt werden.“ Bei der Zusammenstellung von Hadithen für das Thema „Gesinnung gegen Andersgläubige“ sei er auf die widersprechendsten Urteile gestoßen: „Dann ging die Auswahl los und jeder behielt was seiner Anlage am entsprechendsten schien.“

Was in der vorliegenden Artikelserie mit Bezug auf den Koran dargestellt wird, besteht in der Tat auch bei den Hadithen: ein interessengesteuerter Umgang. Als Gesamt stellen die Hadithe die Sunna des Propheten, d.h. die Summe der normgebenden und zu befolgenden Taten und Aussagen des Propheten und damit neben dem Koran die zweite Quelle und Grundlage des Islam dar. Die Zahl aller Hadithe wird auf mehrere Hunderttausende geschätzt. Ihre eigene Autorität beziehen sie vor allem durch eine Reihe von Versen im Koran selbst, so etwa Sure 33, Vers 21, wo es heißt: „Im Gesandten Gottes habt ihr doch ein schönes Beispiel“ oder auch Sure 3, Vers 32: „Sag: Gehorchet Gott und dem Gesandten!“ Im Verhältnis zum Koran spielen sie insofern eine nachgeordnete Rolle, als eben nur der Koran Gottes Wort selbst ist. Die Sunna kann schon aus diesem Grund „niemals den Koran ersetzen“ und wird erst herangezogen „wenn die Sache interpretationsbedürftig erscheint“, wie der Vorsitzende des islamischen Zentrums Hamburg und Oberster Rechtsgelehrter Ayatollah Ghaemmaghani (in der FAZ vom 17.11.2010) erklärt. Als Ergänzung des Koran beantworten Hadithe (Detail)Fragen, auf die der Koran keine Antwort gibt, z.B. was die Anzahl der von den Muslimen täglich zu verrichtenden Gebete angeht. Aber es gibt auch ein eher problematisches Verhältnis zum Koran, nämlich dann, wenn sie weniger zur Klärung beitragen als zur Verwirrung. Z.B. verlangt die Sunna als Strafe für Unzucht Steinigung, dies im Gegensatz zum Koran, der hier „nur“ Peitschenhiebe vorsieht (Sure 24, Vers 2). Hinzu treten Fragen der Authentizität der Hadithe. Von Anfang an gab es wie beim Koran auch hier den Vorwurf der Fälschung. Norbert Pressburg spricht diesbezüglich von einer regelrechten „Hadith-Industrie“. Immer wieder seien Hadithe gegen Bestellung und Bezahlung ausgestellt worden, etwa zur Legitimation von Machthabern (Pressburg a.a.O., S. 83). Buhari, der wichtigste Hadith-Editor erkannte von 600000 Hadithen lediglich 7400 als echt an. Ob ein Hadith strengen wissenschaftlichen Kriterien entspricht oder nicht, stört manchen allerdings wenig, vor allem, wenn der Hadith einem so richtig gut in den Kram passt. In der im ersten Teil schon erwähnten „Erklärung der Internationalen Islamischen Front für den Heiligen Krieg gegen die Juden und Kreuzfahrer“ bezieht sich Bin Laden auf einen Hadith, nach dem Mohammed gesagt haben soll: „Ich bin mit dem Schwert geschickt worden, vor dem Tag des Gerichts, damit allein Gott angebetet werde. Er hat meine Lanze zu meinem Broterwerb gemacht und hat jedem, der mir nicht gehorcht, Demütigung und Unglück versprochen.“ Dass es eine bessere Legitimation für Gewalt kaum geben kann, leuchtet unmittelbar ein. Es kann innerhalb der vorliegenden Serie natürlich nicht um Fragen der Authentizität gehen, wohl aber darum, auch mit Blick auf die Hadithe einen interessengeleiteten Umgang nachzuweisen. Dieser betrifft nicht bloß eine zweckdienliche Auswahl von Hadithen, sondern zudem die gleichfalls am Nutzen ausgerichtete Entscheidung darüber, welche Hadithe man überhaupt als authentisch bezeichnet und welche nicht. Damit ist nicht gemeint, dass Islamkritiker der Gefahr unterliegen, einerseits die Echtheit von Hadithen in Frage zu stellen, andererseits aber Hadithe zitieren, wenn – wie im Falle Bin Ladens – damit die dem Islam angelastete innere Gewalttätigkeit belegt werden kann. Eine fundamentale Uneinigkeit im Umgang mit den Hadithen besteht vielmehr bereits bei den Muslimen selbst, nämlich zwischen Sunniten und Schiiten, wobei letztere nur solche akzeptieren, die auf Ali oder einen seiner Nachfolger zurückgehen. Für unseren Zusammenhang gilt es hervorzuheben, dass sich diese Spaltung innerhalb des Islams nicht etwa an im engeren Sinne theologischen Problemen entzündete, sondern an der handfest politischen Frage der Nachfolgeschaft Mohammeds. Und dieses Interesse bestimmte dann in der Folge die spezifisch sunnitische resp. schiitische Bezugnahme auf die Hadithe.

Bevor wir uns der Rolle und Funktion von Korandeutungen im Einzelnen zuwenden, werfen wir noch einmal einen Blick auf einige Eigentümlichkeiten der (aktuellen) Islamdiskussion. Denn diese erst gibt die Folie ab, vor der im Folgenden der Zugang zum Koran thematisiert wird. Dieser Zugriff ist kein exegetischer, kein islamwissenschaftlicher im engeren Sinne, sondern ein an dem Nachweis insbesondere politischer Interessen ausgerichteter. Dass das negative Islambild wesentlicher älter ist als es die eingangs erwähnte Bemerkung Goldzihers vermuten lässt und auch kein, wie gerade von Salafisten gerne behauptet wird, bloßes Produkt „der“ Medien ist, sollte schon im letzten Teil deutlich geworden sein. Damit wiederum ist über die Rechtmäßigkeit dieses Bildes noch nichts gesagt, nur, dass es schon länger existiert als die Medien selbst, auch wenn das sogenannte „Islam-Bashing“ vielleicht erst seit einigen Jahren zu einer Art Volkssport geworden sein mag, wie es vor einiger Zeit „Der Freitag“ schrieb. Außerdem ist nicht zu vergessen, dass auch die „Gegenseite“ ihre Medienstrategien besitzt, zu deren bekanntesten die Rede von der „Islamophobie“ gehört. Der Ausdruck stellt weniger die adäquate Beschreibung eines Phänomens dar als ein Mittel, Islamkritik als ungerechtfertigt erscheinen zu lassen, zumal „Phobie“ in der Regel ein diffuses, unbegründetes Gefühl darstellt. Claus Leggewie hat deshalb schon vor Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei „Islamophobie“ um einen „Kampfbegriff“ handelt, der einer vorurteilslosen Debatte im Wege stehe. Allerdings scheint die Kritik am Islamophobiebegriff bisher wenig bis gar nichts bewirkt zu haben. Im Gegenteil: Mittlerweile gibt es sogar sogenannte „Islamophobie-Experten“. Farid Hafez ist ein solcher. Der österreichische Politikwissenschaftler gibt seit 2010 das „Jahrbuch für Islamophobieforschung“ heraus. Eine eigene wissenschaftliche Disziplin verdankt diesem unsagbaren Wort also inzwischen ihre Existenz. Es stellt sich die Frage, ob es im Gegenzug irgendwann zur Etablierung einer Islamisierungsgefahrverharmlosungswissenschaft kommen wird.

In Kürze folgt die Fortsetzung des Textes

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ist freier Journalist und schreibt für Fachzeitschriften und Onlinemagazine Artikel und Rezensionen aus den Bereichen Philosophie und Religion. Er hat in Philosophie promoviert.
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