Innenansicht: Bildungsstreik in der bayerischen Provinz.
Bei all dem Mediengetöse um besetze HörsĂ€le und protestierende Studenten in allen groĂen UniversitĂ€ten im Lande, ist die einzige katholische UniversitĂ€t im deutschsprachigen Raum ein bisschen ĂŒbersehen worden. Klar: Eine vergleichsweise winzige Uni in der bayerischen Provinz, eingeklemmt zwischen zwölf katholischen Kirchen und Solnhofener Plattenkalk, das klingt nicht nach einer guten Story, die sich verkaufen lĂ€sst. Aber wir sind eine gute Story. Sozusagen eines der wenigen Positivbeispiele, das zeigt, dass VerĂ€nderungen auch ohne Besetzung und GroĂeinsĂ€tze der Polizei möglich sind.
Bei all dem Mediengetöse um besetze HörsĂ€le und protestierende Studenten in allen groĂen UniversitĂ€ten im Lande, ist die einzige katholische UniversitĂ€t im deutschsprachigen Raum ein bisschen ĂŒbersehen worden. Klar: Eine vergleichsweise winzige Uni in der bayerischen Provinz, eingeklemmt zwischen zwölf katholischen Kirchen und Solnhofener Plattenkalk, das klingt nicht nach einer guten Story, die sich verkaufen lĂ€sst. Aber wir sind eine gute Story. Sozusagen eines der wenigen Positivbeispiele, das zeigt, dass VerĂ€nderungen auch ohne Besetzung und GroĂeinsĂ€tze der Polizei möglich sind.WĂ€hrend in anderen StĂ€dten mit der Besetzung von HörsĂ€len manchmal ein konstruktiver Dialog verzögert wurde, beraumte im kleinen EichstĂ€tt der AK Freie Bildung ein offenes Forum an, zu dem alle Studenten eingeladen und aufgefordert waren, ihre Kritikpunkte zu Ă€uĂern und konkrete Lösungen vorzutragen. DafĂŒr, dass in EichstĂ€tt traditionell politisch desinteressierte frĂ€nkische Lehramtsstudentinnen von Dienstag bis Donnerstag brav im Wohnheim hocken und dannach schnell zu Mutti âheimfahrnâ, kamen recht viele Interessierte zusammen. Innerhalb eines Tages diskutierten die Studenten die Probleme, die das Bologna-Studium und die StudiengebĂŒhren mit sich bringen und erstellten einen fĂŒnfseitigen Forderungskatalog fĂŒr die Unileitung. Ein Prozess, der an vielen groĂen Unis Wochen brauchte. Am zweiten Tag wurde dieser Katalog lautstark und friedlich der Leitung ĂŒbergeben, die â sehr pressewirksam â ein groĂes symbolisches Ohr aus PappmachĂ© aufgestellt hatte und die Studenten bereits vor dem VerwaltungsgebĂ€ude erwartete.
Schon nach dem Verlesen des Katalogs Ă€uĂerten sich PrĂ€sident und VizeprĂ€sidentin recht konkret zu den angesprochenen Punkten und versprachen Reformen mit denen sie â nebenbei bemerkt â schon beschĂ€ftigt waren. Sehr respektvoll und katholisch-gesittet verlief die Diskussion, die sich da quasi auf der StraĂe zwischen Studenten und Unileitung entwickelte: im Halbkreis direkt mit Handmeldung und im Nieselregen. Unliebsame Antworten wurden zwar mit einem hörbarem Raunen kommentiert, die Leitung jedoch nicht ausgebuht oder -gepfiffen und ihr damit die Möglichkeit zur Verteidigung gegeben. Sie lud die Studenten zu einer Vollversammlung ein mit dem vielversprechenden Titel âGanz Ohrâ, in der sie zum Katalog Stellung beziehen und Lösungen suchen wollte.
Auch nach der Vollversammlung, die zwei Wochen darauf statt fand, waren die Studenten sehr positiv gestimmt. Die VizeprĂ€sidentin stellte zunĂ€chst ihre eigene Sicht auf die Dinge und ihre Lösungen vor, die beinhalteten, paritĂ€tische Kommissionen zu bilden, die gemeinsam an der Reform der Reform arbeiten sollen. Dabei setzte sie klare Fristen, zu denen die Reformen umgesetzt werden sollen, alle im Zeitraum der nĂ€chsten zwei Semester. Vieles ging den Studenten eigentlich nicht weit genug, aber der Wille zum gemeinsamen arbeiten war sichtbar da und das genĂŒgte vorerst. Dannach ĂŒberlieĂ die VizeprĂ€sidentin den Studenten die BĂŒhne und diese stellten ihre eigenen Kommissionen vor, die auch âschwierigeâ Themen wie StudiengebĂŒhren beinhalteten. In der abschlieĂenden Diskussion musste sich die Unileitung rechtfertigen fĂŒr die Fehler, die die neuen StudiengĂ€nge in sich tragen und zeigte groĂes Interesse an deren Behebung.
Die Kommissionen sind im entstehen, es wird sich zeigen, wie effektiv sie arbeiten und wie ernst sie von der Unileitung genommen werden. Es wird sich zeigen, ob an einer katholischen UniversitĂ€t, so konservativ und behĂ€big wie ein bayerischer Trachtenverein, den Stimmen der Studenten zugehört und danach gehandelt wird, oder ob diese am Ende gegen die mĂ€chtigen WĂ€nde der Unileitung laufen werden. Im Moment sieht alles noch sehr vielversprechend aus und die Studenten schreiben sich begeistert in die Kommissionslisten ein. Es wird definitiv sehr bald spĂŒrbare VerĂ€nderungen geben, ob diese auch weit genug gehen, wird sich zeigen.
Die Katholische UniversitÀt EichstÀtt ist ein Positivbeispiel, denn sie zeigt, dass dringend notwenige VerÀnderungen an der Uni möglich sind, wenn Unileitung und Studenten sich gegenseitig zuhören und zusammen arbeiten.
Bologna war ein Kollateralcrash fĂŒr Deutschland und eine Generation Studenten zahlt dies gerade mit einem vollgepackten Massenstudium und einer oberflĂ€chlichen Blitzausbildung. Deutschland hat sich selbst seiner international anerkannten Diplom- und Magisterstudien beraubt, die Uni zu einer FH gemacht und Vergleichbarkeit und FlexibilitĂ€t in einem MaĂe verschlechtert, dass sich einem die Haare strĂ€uben. Nicht mal in einem Bundesland ist es heute möglich, die Uni zu wechseln, ohne die HĂ€lfte des Studiums wiederholen zu mĂŒssen. Wir Studenten wurden ökonomisiert, wir sollten mal schneller und effizienter in das Hamsterrad der Wirtschaft geschleudert werden wie MasthĂ€nchen in einer Fleischfabrik. Leider ging die Rechnung nicht auf.
Was Deutschland hat und womit es sich in der Welt behaupten kann, sind seine gut ausgebildeten Köpfe, seine Innovationen und seine Forscher, die man nicht in einem sechssemestrigen Schmalspurstudium herauspressen kann. Auch seine Geisteswissenschaftler passen nicht in das Bologna-Korsett, in dem Hausarbeiten jetzt noch wĂ€hrend des Semesters geschrieben werden mĂŒssen und keine Zeit fĂŒr Diskussion oder ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Thema bleiben. Studieren ist zu einer Arbeit geworden, ein Vollzeitjob, neben dem Engagement zur Ausnahme geworden ist und die Uni somit zusehends entpolitisiert wird. Aber wollen wir eine Lernfabrik, in der tagsĂŒber wie am Band gelernt und am Abend höchstens noch Komasaufen betrieben wird? War die Uni nicht mal gedacht als Denkwerkstatt, in der persönliche Entwicklung und politische Formung möglich, ja erwĂŒnscht waren, in der Raum und Zeit fĂŒr Lernen und Forschen war und Studenten dem groĂen Universum der Weisheit ein bisschen in die Augen sehen konnten?
Der Diplomingenieur ist wohl fĂŒr immer verloren, der deutsche Uniabschluss vielleicht noch zu retten. Auch wir an der KU in der bayerischen Provinz werden nicht die universitĂ€re Lehre revolutionieren. FrĂŒher oder spĂ€ter werden wir die Grenzen einer Bildungspolitik erreichen, die an Bildung spart und unser Land damit verarmen lĂ€sst. Wir werden als unauffĂ€lliges Beispiel vorangehen, denn bei uns geht vieles schneller und leichter als bei mancher groĂen Uni. Vielleicht kann man in ein paar Jahren hier wieder sinnvoll studieren. Trotzdem haben wir uns mit Bologna einem System unterworfen, dass in der deutschen Umsetzung auf die Ăkonomisierung der Bildung in einer ökonomisierten Gesellschaft abzielt. Das bedeutet eine grundsĂ€tzliche Verabschiedung vom humboldtschen Bildungsideal und einem Menschen- und Gesellschaftsbild, das fĂŒr viele doch fraglich ist. Die einzige katholische UniversitĂ€t im deutschsprachigen Raum sollte sich sehr gut ĂŒberlegen, wofĂŒr das âKâ in ihrem Namen steht und welches Menschen- und Gesellschaftsbild sie damit vertritt.
[Foto: Bildungsstreik in EichstĂ€tt © Steffen KĂŒhne]
Themen: Bildungspolitik, Bildungsstreik, Bologna-Prozess, Hochschulreformen, Humboldt, Studentenproteste thematisch verwandte Beiträge:
Johanna Umbach ist Studentin der Geschichte an der Katholische UniversitĂ€t EichstĂ€tt â Ingolstadt und leitet den AK Freie Bildung.
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