Dieses Gefühl überwintert
in deinem Handschuh, leise schnaufend
wie ein zu großes Tier
unter dem Waldboden.
— Steffen Popp

Ich sehe was, was du nicht siehst…

Von | 18. Juli 2010 | Kategorie: Die Natur | Ein Kommentar | 2.965 Aufruf(e)

Der Naturstoffchemiker Albert Hoffmann staunt nicht schlecht. Eigentlich ist er auf der Suche nach neuen Wirkstoffen, die sich für medizinische Zwecke verwenden lassen könnten. Dazu isoliert er unterschiedliche Inhaltsstoffe aus dem Mutterkornpilz, dessen große Toxizität seit langem bekannt ist. Als er bei mehreren Gelegenheiten (Hoffmann führt u.a. einen Selbstversuch durch) die halluzinogenen Effekte der als LSD-25 bekannten Substanz an sich bemerkt, wird er neugierig.

Eine Substanz, die über eine solche große Psychoaktivität verfügte ist bis dato nicht bekannt. Und als sich herausstellt, dass die Wirkungsdosis mehrere Zehnerpotenzen unterhalb des bisher Bekannten liegt, horcht die Fachwelt auf. Das war um das Jahr 1943 herum…

Lysergsäurediethylamin (LSD) besteht aus der natürlich vorkommenden, aber sehr instabilen Lysergsäure. Zur Stabilisierung wurde auf chemischem Weg der „-diethylamin“-Rest angehängt. Es handelt sich damit um die erste semisynthetisch hergestellte Droge: Ein Teil trägt die Natur bei, den Rest macht die Chemie. Das LSD-Molekül verfügt über chirale Zentren. Ein chirales Zentrum hat zur Folge, dass das Molekül nicht mit seinem Spiegelbild zur Deckung zu bringen ist. Chirale Moleküle unterscheiden sich nicht in der Verknüpfung der einzelnen Atome, sondern nur in deren räumlicher Orientierung. LSD weist zwei solcher chiralen Zentren auf und damit existieren vier mögliche LSD-Moleküle (sog. Isomere). Diese unterscheiden sich nur an zwei Stellen in ihrer räumlichen Orientierung. Von diesen vier isomeren Molekülen verfügt nur eine einzige Form über die psychische Wirkung, für die LSD bekannt ist. Die anderen drei Formen sind wirkungslos.

LSD wird meist oral aufgenommen und im Magen-Darm-Trakt komplett absorbiert. Die Absorption wird bei vollem Magen verzögert und ist auch abhängig von der Zusammensetzung der eingenommenen Mahlzeit. Bei einer Menge von ca. 250 µg – das ist weniger als das Gewicht eines Salzkorns! – lassen sich bereits nach 30 Minuten Effekte beobachten. Das LSD verteilt sich sehr schnell im gesamten Körper. Der Hauptwirkort ist das Gehirn. Bei den Dosisangaben ist zu beachten, dass der Metabolismus von LSD stark von der jeweils untersuchten Spezies abhängt. Auch die Verstoffwechselung des LSD in ein und demselben Individuum variiert stak. Beispielsweise ist in der Maus die Hälfte des LSD bereits nach sieben Minuten abgebaut. Der Mensch braucht dafür knappe drei Stunden.

Rein physisch hat LSD keine gravierenden Konsequenzen. Die Pupillen weiten sich, Reflexe werden leichter ausgelöst (Hyperreflexia) und Blutdruck- bzw. Puls steigen. Es ist nicht klar, ob diese Symptome direkt durch LSD ausgelöst werden, oder ob es sich um Sekundäreffekte handelt. (Unter Drogeneinfluss ist die Stimmung fröhlich, man rennt begeistert durch die Gegend und damit steigt eben der Blutdruck…). Ansonsten ist LSD „harmlos“. Es ist nicht krebserregend, nicht fruchtschädigend (teratogen) und löst keine Mutationen aus. Bis heute ist kein einziger Todesfall bekannt, der auf eine Überdosis LSD zurückzuführen ist.

LSD wird vor allem wegen der bekannten psychischen Wirkung konsumiert. Nach der Einnahme kommt es in der Regel zu einer verstärkten Wahrnehmung (z.B. werden Farben als sehr intensiv empfunden) und zu einer Intensivierung der momentanen Gemütslage. Teilweise kommt es zu religiösen Erfahrungen, in denen der Konsument überzeugt ist direkten Kontakt zu einer höheren Macht zu haben. Der erzeugte Zustand wird oft als positiv empfunden. Jedoch kann es bei entsprechenden Faktoren (z.B. Stress, Anspannung, …) zu sog. „bad trips“ kommen. Dabei dominieren im Rausch vor allem Angst und andere negative Emotionen. Halluzinationen können auftreten. Aber das ist nicht jedes Mal der Fall. Der Rauschzustand ist einer Psychose recht ähnlich (Psychische Störung bei der ein zeitweiliger Realitätsverlust auftritt). Eine Zeit lang war LSD deshalb als Möglichkeit zur Induktion einer „Modell-Psychose“ für Psychologen interessant.

Die Reaktionen eines Individuums auf LSD sind zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich, weil hier viele Faktoren mitspielen und lassen sich deshalb nicht vorhersagen.

Wie wirkt LSD auf molekularer Ebene?

Diese Frage ist bis heute nicht komplett geklärt. Betrachtet man die Struktur von LSD, so stellt man fest, dass sie in großen Bereichen einem anderen Stoff gleicht: Serotonin.

Serotonin ist ein Neutotransmitter, also ein Botenstoff, der bei der Signalübertragung von Nerv zu Nerv eine wichtige Rolle spielt. Serotonin wird vom Körper produziert und wirkt vor allem im menschlichen Gehirn. Insbesondere Prozesse wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Stimmung und Schlaf werden vom Serotonin moderiert. Der Einfluss des Serotonins ist meist ein hemmender, d.h. die Signalübertragung wird erschwert. LSD wirkt als Gegenspieler zum Serotonin, indem es die entsprechenden Rezeptorstellen an den Zellen blockiert. Dadurch wird das „hemmende“ Serotonin selbst gehemmt, was dazu führt, dass Signale sehr viel leichter weitergeleitet werden können. Ob dies die Ursache für die halluzinogenen Eigenschaften von LSD ist bleibt fraglich. Das LSD-Derivat 2-Bromo-LSD (LSD mit einem zusätzlichen Bromatom) zeigt im Bezug auf die Serotoninrezeptoren ähnliche Eigenschaften wie LSD – aber keinerlei halluzinogene Effekte.

Mittlerweile konnte gezeigt werden, dass LSD nicht nur mit Serotoninrezeptoren wechselwirkt, sondern sich auch an Dopamin-Rezeptoren anlagert. Dopamin ist die Vorstufe von Adrenalin bzw. Noradrenalin und ein weiterer Neurotransmitter. Unter anderem reguliert Dopamin die Ausschüttung weiterer Botenstoffe und Neurotransmitter. Im Gegensatz zum Serotoninrezpetor führt LSD am Dopamin-Rezeptor zu einer Aktivierung und setzt damit zahlreiche nachgeschaltete Signalkaskaden in Gang. Eine nicht unerhebliche Rolle scheint dabei die konkrete Rezeptorumgebung der Zelle zu spielen. Je nachdem wie hoch die Dichte von bestimmten Rezeptoren auf der Oberfläche ist, kann die Wirkung von LSD variieren.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass LSD neben den beiden genannten Rezeptortypen (die vor allem im Gehirn vorkommen) mit einer Vielzahl weiterer Rezeptoren interagiert. Dieses breite Wirkungsspektrum von LSD bereitet bei Untersuchungen große Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite ist genau dieser Umstand für die „einmaligen“ Wirkungen des LSD verantwortlich und erklärt gleichzeitig, warum die Reaktion jedes Individuums auf die Droge nicht vorher zu sagen ist.

Manche riechen Farben und schmecken Bilder für kurze Zeit. Andere kommen aus der LSD-Psychose nur schwer oder gar nicht mehr heraus. Dieses Risiko besteht bereits bei der aller ersten Einnahme. Ein weiteres Phänomen, das sich auch im Zusammenhang mit anderen Drogen zeigt, ist der sogenannte „flash back“: Der Körper bzw. das Gehirn wird wieder in eine Art LSD-Rauschzustand „zurück“versetzt. Dies kann zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten erfolgen und seit der letzten Einnahme kann bereits ein Jahr vergangen sein.

Die Ursachen hierfür liegen – wie so vieles – im Dunkeln. Auch mehr als 60 Jahre seit der Erstsynthese sind die Dimensionen, in die man mit einer Mischung aus Mutter Natur und Chemie vorgedrungen ist, noch immer rätselhaft.

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ist Biochemie-Student an der Universität Tübingen und widmet sich entsprechenden Inhalten auf und für Kulturstruktur.
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Ein Kommentar »

  1. Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, sollte das Buch von Aldous Huxley ” Die Pforten der Wahrnehmung lesen.

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