wenn die tür geschlossen wird, sind auch die hunde
still in ihren hütten. der flugverkehr ist eingestellt, kein
rasenmäher und kein weckerticken, nichts stört.
— Nadja Küchenmeister

Frau-sein in Afghanistan (1): Eine historische Momentaufnahme

Von | 20. Juli 2009 | Kategorie: Die Gesellschaft | Unkommentiert | 2.770 Aufruf(e)

Als im Jahr 2001 die Vereinigten Staaten von Amerika in Afghanistan einrückten, rechtfertigten sie den Krieg nicht nur mit der Auffassung, dass die Taliban Terroristen unterstütze, sondern auch damit, die afghanischen Frauen von der jahrzehntelangen Unterdrückung während der Zeit des Bürgerkriegs und unter der Taliban-Herrschaft zu befreien.

Medien auf der ganzen Welt zeigten Bilder von verschleierten Frauen, die sich nur in Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes in der Öffentlichkeit bewegen durften, und denen es ebenso verboten war zur Schule zu gehen, wie zu arbeiten. Nach dem Sturz des Taliban-Regimes rechnete man mit einer schnellen Veränderung der Lebenssituation für Afghaninnen, doch diese zeigt sich bis zum heutigen Zeitpunkt uneinheitlich und widersprüchlich.

Im Jahr 1919 endete nach dem dritten Anglo-Afghanischen Krieg das britische Protektorat und die Bevölkerung konnte die vollständige formelle Unabhängigkeit von Großbritannien durchsetzen. Bis 1979 konnte eine starke Verbesserung der Frauenrechte in Afghanistan verzeichnet werden. König Amanullah engagierte sich schon im Jahre 1919 für die Umstrukturierung und Modernisierung des sozialen Lebens in Afghanistan. Die Schulbildung von Frauen wurde gefördert, das Tragen eines Kopftuches, oder der Burqa war keinem Zwang unterworfen und Witwen hatten die Möglichkeit wieder zu heiraten.

Während des Bürgerkriegs und der Herrschaft der Sowjetunion (1979 – 1989) mussten die Frauen jedoch viele familiäre Verluste und Grausamkeiten hinnehmen. Die Lage verschlimmerte sich weiter, als 1992 das kommunistische Regime von den Mujahidin gestürzt wurde. Die Folge war, dass die bestehende Verfassung verworfen wurde. Frauen mussten sich in Zukunft bescheiden kleiden und ihre Haare bedecken. Außerdem wurde ihnen verboten Make-up zu tragen, oder in der Öffentlichkeit zu lachen. Unter den bewaffneten Mujahidin-Fundamentalisten wurden willkürlich Frauen getötet, von ihrem Arbeitsplatz vertrieben und in der Öffentlichkeit geschlagen und misshandelt. Von 1994 an mussten sie sich außerhalb des Hauses komplett verschleiern und alle Schulen für Mädchen wurden geschlossen.

Das politische Programm der Taliban (die Taliban entstand aus den Mujahidin) richtete sich auf die Wiederherstellung einer wahrhaft islamischen Ordnung. Hinsichtlich der Frauenpolitik, Urteilen und Strafen handelten sie aber hauptsächlich nach dem Paschtunwali (Stammesrecht der Paschtunen) und weniger nach der Scharia.
Die kompromisslose Haltung der Taliban gegenüber Frauen wird in der Literatur häufig dadurch erklärt, dass viele Mitglieder der Taliban Waise und vom Krieg psychisch in Mitleidenschaft gezogene Männer waren, die lange Zeit auf der Flucht und getrennt von ihrer Gemeinschaft leben mussten. Sie verloren ihre Frauen und Kinder und mussten mit ansehen, wie andere Männer sich ihrer Ehefrauen bemächtigten und damit Unglück über die eigene Frau, sowie Schande über die Familienehre und die eigene Männlichkeit brachten. Mit dem Gebot die Burqa zu tragen sollten Übergriffe auf Frauen eingedämmt und verhindert werden.

Doch auch heute, Jahre nach dem Sturz der Taliban unter der Regierung der Nordallianz, ist die Situation in weiten Teilen des Landes für Frauen unverändert. Sie sind schlechter genährt als Männer und aufgrund dessen häufiger krank. Es herrscht weiterhin ein Mangel an medizinischer Versorgung und Schulbildung. Vor allem in den westlichen Provinzen des Landes haben die Warlords die brutalen Regeln und Verhaltensweisen der Taliban beibehalten.

Es ist jedoch zu beachten, dass es eine starke Unterscheidung zwischen dem Leben auf dem Land und in der Stadt gibt. Frauen auf dem Land waren von der Geschlechterpolitik der Taliban häufig weniger betroffen. Dort hielten sich die Frauen automatisch oftmals nicht an die Kleiderordnung, da sie in der Hitze zusammen mit den Männern auf den Feldern arbeiten mussten. In der Stadt profitieren Frauen heutzutage hingegen stärker von der Modernisierungspolitik.
Im Endeffekt ist festzuhalten, dass sich die Situation der Frauen in Afghanistan seit dem Krieg in weiten Teilen des Landes kaum verändert oder verbessert hat, sondern gewohnte Muster und Verhaltensweisen beibehalten werden.

[In einem zweiten Teil behandelt der Aufsatz die Gründe für diese unverändert bestehende Lebenssituation anhand religiöser, politischer und kulturrelativistischer Erklärungsmodelle.]

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ist Jura- und Ethnologiestudentin an der Universität Tübingen und schreibt für Kulturstruktur überwiegend für die Kategorie "Umwelt und Gesellschaft".
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