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— Christian Schloyer

Frau-Sein in Afghanistan (2): Erklärungsmodelle für die bestehende Situation

Von | 27. August 2009 | Kategorie: Die Gesellschaft | Ein Kommentar | 3.009 Aufruf(e)

Wieso hat sich die Lebenssituation der Frauen in Afghanistan seit der Regierung der Nordallianz nicht wesentlich verändert? Warum schafft es die heutige Regierung nicht, für Gleichberechtigung zu sorgen? Weshalb tragen Afghaninnen hauptsächlich immer noch die Burqa? Kann man überhaupt erwarten, dass sich die Situation für Frauen innerhalb weniger Jahre verändert, oder ist das ein Wunsch der westlichen Gesellschaft?

Es gibt verschiedene Herangehensweisen und Antworten auf diese Fragen. Nähert man sich dieser Diskussion anhand sozial-anthropologischer Anschaunung, so wird einem bewusst, dass die soziale Organisation in Afghanistan sehr stark am männlichen Geschlecht orientiert ist. Sie ist sowohl patriarchal, patrilinear (das bedeutet, dass Verwandtschaftsverhältnis erfolgt über die Abstammung vom Vater) und patrilokal (dieser Ausdruck bezieht sich auf die Residenz, der Wohnort junger Paare ist bei der Familie oder in dem Dorf des Bräutigams).

Der Status einer Frau ist davon abhängig, ob sie einen Sohn zur Welt bringt. Erst wenn dies geschehen ist, hat sie ihre Pflicht gegenüber der Familie des Mannes erfüllt und wird von der Außenwelt mit dem Terminus „Frau“ bezeichnet. Ein Sohn garantiert wirtschaftlichen Reichtum, Besitz und die Aufrechterhaltung der männlichen Linie. Ein weiterer Faktor, der nicht zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen beiträgt, ist die Polygamie. Der Mann hat das Recht, unter gewissen Bedingungen sich ein zweites Mal zu verheiraten. Ein Grund dafür wäre zum Beispiel Unzufriedenheit, weil seine Frau ihm keinen Sohn geboren hat. Oftmals wird das beugsame und devote Handeln der Frauen auf die Angst vor einer weiteren Ehefrau des Mannes zurückgeführt, da dies einen Prestigeverlust für die Familie der Frau bedeuten würde.

Die Instabilität Afghanistans und die schleppende Verbesserung der Lebenssituation vieler Frauen, lässt sich auch anhand politischer und situationsbedingter Betrachtungsweisen erklären. Der Aufbau einer Armee und eines Polizei- und Sicherheitssystems geht nur langsam voran, auch die Infrastruktur des Landes bedarf weiterer Förderung. Zwei Jahrzehnte Gewalt und Unterdrückung haben nicht nur die gesellschaftliche Basis, sondern auch die politischen und ökonomischen Grundfeste zerstört, welche die Voraussetzungen für ein freies und unabhängiges Leben bilden. Die Regierung der Nordallianz hat weite Teile des Landes nicht unter Kontrolle, dort herrschen immer noch die sogenannten Warlords.

Die Nordallianz setzt sich vornehmlich aus verschiedenen Mujahidin Gruppierungen zusammen. Zu Zeiten der Sowjet-Herrschaft, unterstützten die Amerikaner die Mujahidin mit Waffen und mit Geld, um die Sowjets zu beunruhigen. Als das Sowjet-Regime durch die Mujahidin abgelöst wurde, kam es zu einer massiven Verschlimmerung der Frauenrechtsverletzungen. Es wird somit deutlich, dass die Unterdrückung der Frauen indirekt sogar von der US-Regierung begünstig wurde. Eine der Gruppen (Gulbuddhin Hekmatyar), die von Amerika am meisten unterstützt wurde und fast 50 % der amerikanischen Hilfe erhielt, war unter anderem dafür bekannt, dass sie Frauen, die sich weigerten den Schleier zu tragen, Säure ins Gesicht warfen.

Fazit: Die Gewalthaber von heute sind die gleichen, die 1992 in massivem Maße damit begannen die Frauenrechte einzuschränken! Anhand dieser Tatsache und des politikgeschichtlichen Hintergrunds wird die mangelnde Unterstützung der Frauen und ihre Rechte im Land deutlich. Ihre Verunsicherung und die geringe Bereitschaft, sowie die Angst davor, unabhängig und frei in der Öffentlichkeit aufzutreten, wird somit verständlich.

Eine weitere Herangehensweise an die Erklärung der oben genannten Ausgangsfragen liefert die kulturrelativistische Perspektive. Dabei wird kritisiert, dass der Grund für die Unterdrückung der Frauen hauptsächlich in der Religion und der „Kultur der Regionen“ gesucht werde, anstatt auf die spezifische Entwicklungsgeschichte der jeweiligen Gebiete einzugehen.  Nehmen wir als Beispiel das Tragen der Burqa. In der westlichen Welt gilt dieses Kleidungsstück als ultimatives Zeichen der Unterdrückung von Frauen. Ursprünglich war die Burqa ein traditionelles Gewand der Paschtunenfrauen. Das Tragen der Verschleierung in der Öffentlichkeit symbolisierte Bescheidenheit, Respekt und Moral. Es markierte die Trennung der männlichen und weiblichen Sphäre und diente dem Schutz der Frauen vor den Blicken fremder Männer. Die Burqa wäre demnach ein situationsbezogenes Kleidungsstück, welches sich von dem Kleidungskodex für bestimmte soziale Begebenheiten in anderen Ländern nicht unterscheidet, dessen Tragen ebenfalls von gesellschaftlichen Standards, moralischen Ideen und religiösem Glauben bestimmt ist. Interessanterweise waren schon in den siebziger Jahre, lange vor dem Gesetz zum Tragen der Burqa, 70 % der Frauen in Kabul in der Öffentlichkeit verschleiert – und das anscheinend aus eigener Intension heraus.

Als weiteres Beispiel dafür, dass individuelles Handeln und gesellschaftliche Pflichten und Anschauungen nicht aus ihrem kulturellen Kontext gelöst werden können, dienen die 1921 von König Amanullah eingeführten Heiratsgesetze, die Frauen rechtliche Gleichheit zusprachen. Er versuchte damit die Eheschließung aus dem traditionellen Kontext zu lösen und zu einer Privatsache zwischen Individuen zu erklären. Dies war jedoch nicht durchsetzbar. Die Heirat konnte nicht zu einer persönlichen Angelegenheit werden, da die Zugehörigkeit zum Kollektiv, und damit die Schutz- und Existenzsicherung, maßgeblich von der gemeinschaftlichen Allianz zweier Familie abhing.

Zuletzt ist nicht zu vergessen, dass Afghanistan über Jahrzehnte hinweg von anderen Ländern dominiert wurde und dabei häufig versucht wurde, den Menschen fremde kulturelle Vorstellungen aufzuzwingen. Dabei kam dem „Kampf um die Frauen“ eine Schlüsselfunktion zu, da sie die Integrität und die Identität der Gemeinschaft verkörpern. Es ist gut möglich, dass die Lebensumstände der Frauen sich langsam ändern, um damit den Widerstand gegenüber den fremden und als autoritär wahrgenommenen Staaten zum Ausdruck zu bringen.

Eine klare Antwort auf die Fragen bleibt jedoch – bis auf weiteres – unbeantwortet. Man darf dieses Thema jedenfalls nicht einseitig betrachten, denn die Unterschiede in der Stadt und auf dem Land sind meistens sehr groß. Außerdem ist die afghanische Kultur dadurch geprägt, dass es zwei Sphären gibt: die Öffentliche und die Private! Innerhalb der Familie genießen Frauen oftmals einen hohen Status. Es darf auch nicht vergessen werden, dass viele Afghaninnen versuchen für ihre Unabhängigkeit und Freiheit zu kämpfen, wie zum Beispiel bei der Demonstration vor der Universität von Kabul im April, bei der Frauen das neue Ehegesetz kritisierten. Auch zur diesjährigen Präsidentenwahl traten immerhin zwei Frauen an! Ein kleiner Anfang….
Aber viele Transformationsprozesse innerhalb einer Gesellschaft brauche Zeit. Sie können nicht von Außen auferlegt werden, sondern müssen aus sich selbst heraus entstehen.

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ist Jura- und Ethnologiestudentin an der Universität Tübingen und schreibt für Kulturstruktur überwiegend für die Kategorie "Umwelt und Gesellschaft".
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Ein Kommentar »

  1. Frau-Sein in Afghanistan funktioniert einwandfrei…
    siehe Frau Freiherrin zu Guttenberg.

    Grüße

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