sonneneinfallskorridore zwischen platten
bauten, relais für das blecherne echo der straßen
— Christian Schloyer

Von Gärtnerinnen und Natursekt: Digitaler Exhibitionismus im Web 2.0

Von | 3. August 2009 | Kategorie: Der Mensch | 2 Kommentare | 5.432 Aufruf(e)

Als der junge französische Architekt J. Anfang diesen Jahres in der aktuellen Ausgabe des französischen Kulturmagazins Le Tigre blätterte, staunte er nicht schlecht über eine höchstpersönlich an ihn adressierte Botschaft zu Ehren seines Geburtstags. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, wünschte der Artikel [...]und fügte hinzu: „Wir dürfen doch Du sagen, Jules, nicht wahr? Gewiss, Du kennst uns nicht. Aber wir wissen sehr viel über Dich. (…)“[1].

Als Auftakt einer geplanten Serie mit dem Titel „Google-Portrait“ hatte die Zeitschrift ein komplettes Profil des Franzosen aus zahlreichen im Internet frei verfügbaren Daten zusammengestellt, um dieses Profil dann zum Anlass seines Geburtstages zu veröffentlichten – inkl. sensibler Daten wie Handynummer und allen erdenklichen Details zu dessen Liebesleben. Einzig der Name wurde von der Redaktion verfremdet, war aber für den neugierigen Leser nur noch eine google-Anfrage weit entfernt. Dieses Vorgehen war rechtlich absolut unbedenklich, wie auch der Betroffene bald einsehen musste; denn die im Artikel verwendeten Daten waren nicht nur für jedermann öffentlich einsehbar, der Betroffene selbst hatte sämtliche private Details aus freien Stücken ins Internet gestellt – und zuvor offensichtlich kaum einen Gedanken an einen etwaigen Missbrauch der Daten verschwendet.

Der Trend zur digitalen Exhibitionierung in sozialen Netzwerken gerade bei jüngeren Internet-Nutzern ist unbestritten und wird vielfach medial diskutiert. Gleichzeitig nimmt der Themenkomplex um Datenschutz und den gläsernen Bürger in aktuellen (politischen) Debatten einen immer größeren Raum ein, wie die Diskussionen um Bundestrojaner, neue digitalisierte Personalausweise und Vorratsdatenspeicherung belegen. Interessanterweise haben viele dieser Debatten ihren Urspung in der Netzgemeinde selbst[2], wobei die Forderungen nach geringerer staatlicher Kontrolle und mehr Datenschutz auch und gerade von netzaffinen jungen Menschen unterstützt werden, die gleichzeitig bei jeder Gelegenheit online freiwillig Einblicke in ihr Privatleben geben – sei es durch Fotos vom letzten Partyabsturz, zweifelhaften Gruppen-Mitgliedschaften im studivz oder durch Textbeiträge und Kommentare in Blogs und Mikroblogs (Twitter).[3, 4]

Der Datenhunger sozialer Netzwerke wie studivz, facebook oder myspace ist enorm: Der Medien-Experte Hendrik Speck zählt in einer Untersuchung der FH Kaiserslautern 120 persönliche Attribute, die auf den persönlichen Seiten von Mitgliedern in sozialen Netzwerken angegeben werden können. „Die haben mehr Informationen, als die Stasi je hatte“.[5] Hinter dem Sammeln von Daten stecken meist ökonomische Interessen – wie sonst ließen sich die Millionensummen erklären, die in der Vergangenheit für soziale Online-Plattformen über den Tisch gingen. Der (Geld-)Wert eines Nutzer-Profils in sozialen Netzwerken lässt sich konkret in Zahlen ausdrücken und das ist im Falle eines Studenten-Netzwerks wie studivz nicht wenig – schliesslich gehören Studenten zu den Besserverdienern von morgen und sind daher eine besonders attraktive Zielgruppe für Werbung und Marketing.
Auslesen können diese Attribute allerdings nicht nur die einzelnen Community-Betreiber, sondern so ziemlich jeder, und das relativ simpel: entsprechende Software (sog. „Crawler“) macht es möglich. So lassen Unternehmen potenzielle neue Arbeitskräfte vor der Einstellung mittlerweile oft von professionellen Firmen im Internet “durchchecken” – was zwar theoretisch jeder weiß, der Zeigefreudigkeit (auch hinsichtlich kompromittierender Details) bisher jedoch kaum einen Abbruch tut.

Kommen allerdings der Staat oder kommerzielle Interessen offiziell ins Spiel, ist die Aufregung – zumindest in Deutschland – noch groß. So beispielsweise, als die Betreiber des Online-Netzwerks studivz in der jüngeren Vergangenheit versuchten, mit einer Änderung der AGBs den Weg freizumachen für nutzerbezogene Werbung[6]. In den USA dagegen, dem Mutterland des Web 2.0, herrscht seit jeher ein anderes (Rechts-)Verständnis von Datenschutz. Aus rechtshistorischer Perspektive gibt es dort keinen Datenschutz, sondern nur ein Recht auf unversehrte Privatsphäre. Während der Gesetzgeber in Deutschland jede Erhebung von persönlichen Daten positiv rechtfertigen muss, muss der Bürger in den USA sein Recht auf Privatsphäre aktiv in Anspruch nehmen.[7] Das Beacon-Advertising Program von facebook bespielsweise macht bereits heute offiziell die Vorlieben der Nutzer für Unternehmen zugänglich und sorgt für maßgeschneiderte Werbung auf den Profilseiten[8] – ohne dass das Unternehmen mit einem vergleichbaren Widerstand wie im Falle von studivz in Deutschland zu rechnen hätte.

Trotz der allgegenwärtigen Kritik am Überwachungsstaat wird das eigene Surfverhalten offensichtlich nur relativ selten hinterfragt. Nicht nur werden soziale Netzwerke und Internetsuchmaschinen pausenlos mit den eigenen Daten gefüttert, auch das Problembewusstsein bezüglich unbewusst hinterlassener Spuren im Internet ist äusserst gering. Das Image des Quasi-Monopolisten google mag durch dessen Datenhunger vl. getrübt sein, wirkliche Auswirkungen auf das Nutzungsverhalten der Internetuser scheint dies jedoch kaum zu haben. Und die wenigsten kommen noch ins Grübeln, wenn ihnen beim Surfen sex-buddys aus der eigenen Stadt offeriert werden (Stichwort: GeoTargeting). Dabei ließen sich die hinterlassenen Spuren auch für den technischen Laien mit wenigen Klicks effektiv verwischen, die Identität verschleiern. Während jedoch oft nichtmal einfachste technische Vorkehrungen zum Schutz der Privatsphäre getroffen werden, bedient man sich andererseits einiger Techniken, „die als Form der Wissensproduktion (…) lange Zeit nur als Polizei- und Fahndungstechniken eine Rolle spielten“[9]. So ist es beispielsweise mit dem online-tool google-latitude nach einmaliger Registrierung eines Mobiltelefons jederzeit möglich, dieses geographisch zu orten – und sämtliche Freunde mit einer elektronischen Fussfessel zu versehen.

Der Autor Andreas Bernard hat für den Exhibitionismus in den neuen Medien eine interessante Erklärung[10] parat: Er attestiert dem klassischen Datenschutz ein veraltetes Menschenbild und der jungen Generation weitgehende „Angstfreiheit“ in Bezug auf Kategorien wie „Erfassung“ und „Überwachung“, im Gegensatz zur paranoiden Gesellschaft der 80er Jahre. Diese Kategorien würden seiner Meinung nach überlagert von einer neuen „Biographieangst“, die ihren Ursprung im Fetischismus des „Lebenslauf-Designs“ und der damit verbundenen öffentlichen Darstellung der eigenen Biographie ab den späten 80er Jahren hat, und die sich in einer zunehmenden Ökonomisierung des Selbst widerspiegelt. Die Präsenz in Online-Netzwerken und die dort gepflegten sozialen Beziehungen sind entscheidender Karriere-Baustein und soft-skill auf dem Weg nach oben.
Passend dazu bemerkt die Wissenschaftsjournalistin Ina Zwerger im Dokumentarfilm „Das Ende der Intimität“[11], es sei jedoch mittlerweile in manchen Branchen durchaus entscheidend, mit dem eigenen Namen im Internet vertreten zu sein bzw. relevante Informationen online von sich preiszugeben. Anstatt anderen das „Design“ des eigenen Profils zu überlassen, rät sie zu einer offensiven Selbstvermarktung im Internet. Diese jedoch muss man nicht unbedingt selbst in die Hand nehmen; Mittlerweile tummeln sich eine Menge professioneller Dienstleister im web, das sog. online reputation management ist ein Wachstumsmarkt – ein weiterer, der von der gestiegenen Begeisterung an medialer Selbstdarstellung profitiert.

Warum sich also noch Sorgen um den Datenschutz machen? Die scheinbar schizophrene Haltung gegenüber den neuen Medien hinsichtlich der Wahrung der eigenen Privatsphäre entbehrt bei genauerem Hinsehen nicht einer gewissen Logik[12]. Im Zentrum steht, ganz im Sinne der Aufklärung, das Individuum, und dessen selbstbestimmter Gebrauch der neuen technischen Möglichkeiten. Gleichzeitig steigt aber auch das Misstrauen gegenüber Staat und Wirtschaft hinsichtlich einer fremdbestimmten Verwendung von Daten – die durch dieselben technischen Entwicklungen erst möglich gemacht werden. Die Grenze zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit will jeder selbst verschieben.
Was bleibt, ist ein gewisser Leichtsinn – und eine Verkennung der Realitäten. Ein gewisser Selbstschutz ist unabdingbar, zumal ein Missbrauch der eigenen Daten in den meisten Fällen wohl nur schwer nachzuweisen ist. Ob einem die Mitgliedschaft in Gruppen wie “Nur die Härteren kommen in die Gärtnerinnen” (noch harmlos) oder “Natursektfreunde Oberrhein”[13] (wohl eher grenzwertig) die Bewerbung versaut hat, wird man schliesslich nie erfahren.

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ist Politik- und Soziologiestudent in Mainz und greift auf kulturstruktur überwiegend Themen aus Politik & Gesellschaft auf.
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2 Kommentare »

  1. http://www.youtube.com/watch?v=R-xGu6Toi9Q

  2. das halte ich, gelinde gesagt, fuer extrem uebertrieben.

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