gelbe Lampions, ein verrätseltes Kinderfest
alles ist außer mir, ein Stausee
in dem geflutete Dörfer nachts leuchten.
— Steffen Popp

Die Entsinnlichung – Wo genau liegt beim Kopftuchproblem das Problem? (Teil 2)

Von | 8. November 2011 | Kategorie: Die Gesellschaft | #1 Religion & Glaube | Unkommentiert | 2.088 Aufruf(e)

Im zweiten Teil seines Aufsatzes über Sinn und Entsinnlichung des islamischen Kopftuches zeigt Christian Rother die religiöse Dimension des Kleidungsstückes auf und stellt die Frage: Führt das Kopftuch zu einer Entindividualisierung und Verkrampfung seiner Trägerinnen?

Wenn ich im ersten Teil meines Aufsatzes emphatisch behauptete, dass dem Kopftuch gar keine originär religiöse Dimension innewohnt, so heißt dies natürlich nicht, dass das Kopftuch keinen Verweisungscharakter auf Religion besäße. Nicht jedes Kopftuch natürlich, es sollte schon als ein islamisches erkennbar sein – nämlich dadurch, dass es so gebunden ist, dass kein Härchen mehr hervor lugt und den Mann auf andere Gedanken bringt. Letzteres sollte die Trägerin selbst übrigens auch nicht tun. Der Koran gebietet ihr (und auch dem Mann) daher für gewisse (potentiell brisante) Situationen das Senken des Blicks. Das Kopftuch kennzeichnet seine Trägerin also öffentlich als Muslima, indem es diese semiotische Funktion besitzt. Es verweist auf die Religion, den Islam. An dieser Stelle bietet sich ein ganz kurzer Seitenblick auf den Mann an: Was bei der Frau mit Bezug auf die eben erwähnte Signalfunktion das Kopftuch ist, kann beim orthodoxen Muslim nämlich der Bart sein. Dieser ist zusätzlich noch eine Art Anspielung auf den geliebten Propheten, Frieden und Segen auf ihm. Die Form dieses Bartes ist dabei wichtig: Denn der Prophet, Friede und Segen auf ihm, trug einen Vollbart (ohne Schnurrbart). Würde es heutzutage nicht gar so sonderbar aussehen, könnte man diese durch den Bart bewirkte Nähe zum Propheten, Frieden und Segen auf ihm, noch steigern, indem man wie er Henna aufträgt – worüber sich übrigens Max Weber in einem Abschnitt zu Mohammed aus “Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie” aus dem Jahr 1922 wunderte, wo er von einem älteren Herrn spricht, der auf die Frage, warum er Haarkosmetika verwende, geantwortet haben soll: “um bei den Frauen Erfolg zu haben” – eine Stelle bei Weber, die Necla Kelec ihrerseits, offensichtlich mit großen Vergnügen, aufgreift (s.: Necla Kelec: Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes. München 2007, S. 225). Von den Gründern der vier großen Rechtsschulen des Islam ist jedenfalls überliefert, dass sie es ihrem Vorbild in diesem Punkt gleichtaten.

Doch zurück zur Kopftuchträgerin und unserer recherche du sens perdu. Ich fragte mal eine Arbeitskollegin, warum sie das Kopftuch trägt. Da schaute sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Sie sei doch Muslima und das stehe doch im Koran und der Koran sei schließlich Gottes Wort. So einfach kann also schon mal eine „religiöse“ Begründung sein: „Das steht doch im Koran.“ Ich muss zugeben, dass mich das erschreckte: Nicht das Kopftuch, nicht die Frau, aber die Unbekümmertheit der Begründung „das steht doch da.“ Und ich fragte mich: Jemand, der so argumentiert, der also sagt, er trage ein bestimmtes Kleidungsstück alleine schon deswegen, weil dies in einem bald anderthalbtausend Jahre alten Buch gefordert werde, von dem dieser Jemand allerdings der Ansicht ist, es sei Gottes Wort selbst – für was genau steht diese Person? Für welches Verständnis von Religion? Anders gefragt: Wenn es stimmt, dass beim sogenannten Kopftuchproblem zum Kopftuch auch die Trägerin hinzukommt – wie füllt diese Trägerin den dem Kopftuch innewohnenden Verweisungscharakter auf den Islam mit konkretem, lebendigem Sinn, wenn sie sagt, sie trage das Kopftuch schon alleine deswegen, weil es eben im Koran steht? Und nochmal anders: Was genau repräsentiert die Kopftuchträgerin selbst eigentlich? Mir fiel bei der Antwort meiner Kollegin automatisch die nächste Frage ein: „Du trägst es nur oder schon alleine deswegen, weil es im Koran steht?“ Ich will mit dieser Frage gar nicht darauf hinaus, dass im Koran bekanntermaßen noch ‘ne Menge anderer Dinge stehen (Stichwort „Scharia“) und dass die Frau dann eventuell ein Kleidungsstück trägt, das auf ein Gebilde namens „Islam“ verweist, das in Teilen sicherlich nicht konform mit dem Grundgesetz ist. Stattdessen werde ich den Gedanken nicht los, dass sie durch ihre Antwort performativ genau das unter Beweis gestellt hatte, was man ganz unabhängig von der Frage nach dem Kopftuch dem Islam – und nicht nur diesem – anlasten kann, wenn er auf eine bestimmte Weise verstanden und gelebt wird: Dass er dann Pendant einer jedenfalls für mich als geradezu penetrant empfundenen Buchstabengläubigkeit ist, die etwas vermissen lässt, was man landläufig den „Geist“ eines Buches, eines Gesetzes, einer Vorschrift nennt. Aber – ich weiß schon: Die Empfindungen, die einem durch den Kopf gehen, können bei einem gesellschaftlichen Thema wie dem des Kopftuchs kein objektives Kriterium abgeben („weil zu subjektiv“).

Erweitern wir stattdessen den Horizont des Problems, denn dessen Vielschichtigkeit ist mit dem Hinweis auf die unterschiedlichen Sinnebenen, die es besitzt – ästhetische Ebene und Ebene der Funktion – noch nicht erschöpft. Welche Rolle z.B. spielt in der Kopftuchfrage das Alter? Ist also z.B. nicht zu differenzieren zwischen einer erwachsenen Kopftuchträgerin und einem noch minderjährigen Mädchen? Und wie verhält sich das Kopftuchproblem in einem laizistischen Staat wie Frankreich im Gegensatz zu einem säkularen, nicht-laizistischen Staat wie der Bundesrepublik? Sofern es hier um Erwägungen grundsätzlicher Art gehen soll, sei die durch das Kopftuch bewirkte Entsinnlichung zumindest hinsichtlich zweier allgemeiner Aspekte betrachtet, denen ich die folgenden Namen geben möchte: Die Entindividualisierung (1) und die Verkrampfung (2). Beide konkretisieren das Kopftuchproblem als Problem.

Ad 1: Nochmals die Frage: Wo ist das Problem? Handelt es sich beim „Kopftuch“ womöglich um einen „Streit ohne Gegenstand“? So das gleichnamige Kapitel in Patrick Bahners „Die Panikmacher.“ Was ist denn schon so schlimm am Tragen des Kopftuchs? Was willst Du überhaupt? Lassen wir die Frauen doch das Kopftuch tragen. Bedenke mal lieber, wie so manch andere durch die Gegend läuft. Guck dir mal die Mode an; die wird immer freizügiger. Stimmt. Also vergleichen wir das Kopftuch mal mit einer Mode; ich sage: vergleichen, nicht identifizieren. Es ist also keine Mode; und machen wir ein Gedankenexperiment, um zu erläutern, worin der Unterschied besteht: Wenn jetzt plötzlich alle Männer, sagen wir, nur noch rote Hemden tragen möchten oder braune Hosen, da würde doch auch keiner was dagegen sagen. Aber: Wollen die Männer das denn? Nein. Warum nicht? Weil Kleidung auch etwas mit Individualität zu tun hat. Das Kopftuch ist das Gegenteil davon, es ist Uniformierung, und zwar eine besondere Form der Uniformierung: Es ist keine Uniformierung im Sinne einer Berufsbekleidung, sondern eben Uniformierung der Privatperson. Und im Gegensatz zu Moden, denen zwar viele folgen, aber eben nicht alle, und die als Moden gerade auch wieder wechseln, ist das Kopftuch trostlos starr. Moden machen viele Leute mit, aber eben gerade nicht alle. Das kann beim Kopftuchtragen solange nicht funktionieren, wie es eine Pflicht ist. Oder die Kopftuchträgerinnen müssten sich bei den Muslima bedanken, die das Kopftuch nicht tragen. Es findet in diesem Zusammenhang noch ein weiteres Stück Dialektik statt, welche sich durch das Kopftuch selbst bekundet: Je weniger ich von der Frau als bestimmter, konkreter Frau erkenne, umso eher erkenne ich, dass es sich dabei überhaupt um eine Frau handelt, also um ein weibliches Wesen im Allgemeinen. Beim Mann umgekehrt: Den erkenne ich sofort und zwar nicht dadurch, dass er sich nicht als Mann zeigt, sondern unmittelbar, also ohne Negation, ohne Vermittlung. Auch hier wieder der Gegensatz zu der in der Diskussion so oft herbeizitierten Nonne, die schließlich auch eine Kopfbedeckung trägt. Ja, aber das ist eben (freilich religiös motivierte) Berufsbekleidung. Ich würde zu einem Polizisten auch nicht sagen: „Hey, warum hast du eine Mütze auf dem Kopf, es regnet doch gar nicht.“

Ad 2: Vor einigen Tagen war ich im Supermarkt und stand hinter einer Frau mit Kopftuch, die nur wenige Produkte im Einkaufswagen hatte. Sie fragte daher den Mann vor ihr, ob er sie vorlassen könnte, sie hatte es wohl eilig. Mir kam plötzlich der Gedanke: Wenn sie nun mich gefragt hätte und ich hätte ihr gesagt: „Na klar können Sie vorgehen, aber tun Sie mir bitte auch einen Gefallen: Nehmen Sie mal kurz das Kopftuch ab, nur für zehn Sekunden. Ich will Sie nicht bloßstellen. Ich will nur, dass Sie mir beweisen, dass Sie in der Lage sind, es auch außerhalb der eigenen vier Wände mal kurz abzusetzen, ohne die Angst zu haben, dass dadurch irgendetwas passiert.“ Ich meine: Weder hätte ich sie deswegen angefasst noch hätte sie bei Allah dadurch Minuspunkte gesammelt. Hätte sie es also getan? Sicher ist diese konstruierte Situation ungeeignet, um zu beweisen, dass es da eventuell so etwas wie einen selbstauferlegten Zwang gibt. Um zu zeigen, dass es ihn nicht gibt, wäre es ohnehin viel besser, wenn die Frau es eben gerade nicht erst auf eine Aufforderung hin täte. Aber ist es denn überhaupt ein Zwang? Wie ist das jetzt also: Soll man denn nicht, selbst wenn man der Meinung ist, dass das Kopftuch weder einen originär religiösen Sinn hat noch eine heute sinnvoll vertretbare Funktion, wenigstens sagen: Aber die meisten Frauen tragen es doch freiwillig? Oder ist es ein Symbol der Unterdrückung? Oder ein Zeichen der Isolation, wie z.B. Lale Akgün meint (Lale Akgün, Aufstand der Kopftuchmädchen, München 2011, S. 225). Aber Unterdrückung durch wen? Durch den Mann, der seine Frau als seinen Besitz ansieht und sie durch den Hijab (arabisch: „Vorhang“) in seinen verschiedenen Spielarten vor anderen Männern abschirmen möchte? Durch den Koran, der es der Frau vorschreibt oder wenigstens nahelegt? Oder durch die Frau selbst, die meint, sie müsse es tun?

Nehmen wir einfach mal an, es existiere da gar keine Unterdrückung, kein Zwang zum Kopftuchtragen, keiner von außen, kein selbstauferlegter. Wenn die Frauen also nicht dazu gezwungen werden, dann lass sie doch. Du musst es doch nicht verstehen, warum sie es machen. Da fällt mir ein: Ist es für Männer nicht ohnehin grundsätzlich ein Problem, Frauen zu verstehen? Schließlich hat, um mal etwas name dropping zu betreiben, schon Einstein gesagt: „Manche Männer versuchen Frauen zu verstehen, andere beschäftigen sich mit einfacheren Themen, zum Beispiel der Relativitätstheorie.“ Vielleicht kann man so sagen: Nicht eine Frau, die ein Kopftuch trägt, wohl aber eine Frau, die entweder dazu gezwungen wird oder die meint, es tragen zu müssen, kann ein Problem darstellen, wobei es, das sei noch ergänzt, in der Praxis schwierig sein kann, diese Fälle zu erkennen.

I have a dream:

Ich bin im Supermarkt.Vor mir eine Muslima mit Kopftuch. Sie dreht sich nach mir um. Ich sehe sie an. Plötzlich nimmt sie das Kopftuch ab und lächelt mich an. Ich denke: „Schöne Interpretation von ‘Kein Zwang im Glauben’…zweite Sure, Vers 265“ und lächle zurück.

| | | | | | |   |

Themen: , , ,

thematisch verwandte Beiträge:

ist freier Journalist und schreibt für Fachzeitschriften und Onlinemagazine Artikel und Rezensionen aus den Bereichen Philosophie und Religion. Er hat in Philosophie promoviert.
Schreibe dem Autor eine Email | Alle Beiträge von

Beitrag kommentieren