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Die Entsinnlichung – Wo genau liegt beim Kopftuchproblem das Problem? (Teil 1)

Von | 30. Oktober 2011 | Kategorie: Die Gesellschaft | #1 Religion & Glaube | 2 Kommentare | 14.019 Aufruf(e)

In zahlreichen öffentlichen Debatten wurde die Motivation muslimischer Frauen ein Kopftuch zu tragen kontrovers diskutiert. Christian Rother geht dem “Kopftuchproblem” auf den Grund und durchleuchtet die Beziehung zwischen einem KleidungsstĂŒck und seinen TrĂ€gerinnen. Über den Sinn und die Entsinnlichung des Kopftuchs.

Ich fĂŒhle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen. (Galileo Galilei)

Das sogenannte Kopftuchproblem firmiert in der Regel genau unter diesem Titel: Kopftuchproblem. Oder auch Kopftuchfrage. Oder Kopftuchdebatte. Es ist die Rede vom Kopftuchverbot, dem Kopftuchurteil des BVerfG usw. Ich möchte nicht darĂŒber spekulieren, ob sich hinter diesen Termini, diesen Redeweisen schon eine Einstellung verbirgt, die genau das sprachlich vollbringt, was das Kopftuch selbst faktisch macht: NĂ€mlich die Frau zu verbergen. Immerhin jedoch sei mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass dieses „Problem“ gewissermaßen aus zwei Teilen besteht: Dem Kopftuch und der Frau, die es trĂ€gt. Beide Komponenten sind wie fast alles in der diesseitigen Welt (der „Dunja“) einem dynamischen, einem historischen Prozess unterworfen, in welchen sie beide eingebettet sind. Um diesen Prozess nĂ€her zu charakterisieren, kommt uns die AmbiguitĂ€t des Wortes „Sinn“ entgegen. Dieses Wort kann, weil es notorisch mehrdeutig ist, unterschiedliche GegenstĂ€nde kennzeichnen und dabei gleichzeitig eine NĂ€he indizieren, in der die entsprechenden GegenstĂ€nde zueinander stehen: Denn was macht das Kopftuch mit der Frau? Es entsinnlicht sie. Und was macht die Frau mit dem Kopftuch? Sie entsinnlicht es ebenfalls. Sie entsinnlicht es, indem sie es auf ganz unterschiedliche Weisen seines Sinns, also seiner Funktion beraubt. Das Wort „Sinn“ ist somit geeignet, eine mögliche Antwort auf die Frage zu geben: Wo beim Kopftuchproblem ist denn nun eigentlich das Problem?

Dass das Kopftuch die Frau jedenfalls zu einem bestimmten Grad entsinnlicht, dĂŒrfte außer Frage stehen. Das soll schließlich auch die Bedingung dafĂŒr sein, dass es sie wenigstens einigermaßen schĂŒtzt vor dem Zugriff des Mannes und dass es auch diesen davor bewahrt, auf böse Gedanken zu kommen. Keine Irrungen, keine Wirrungen. DarĂŒber hinaus diente das Kopftuch bei den Arabern auch dazu, freie Frauen von Sklavinnen zu unterscheiden (Sure 33, Vers 59). FĂŒr manch einen mag in der entsprechenden Zuordnung, dass es nĂ€mlich gerade die freien Frauen waren, die das Kopftuch trugen und die Sklavinnen, die es nicht trugen, vielleicht eine Portion Ironie (der Geschichte) liegen. In jedem Falle aber dĂŒrfte diese Funktion mit Blick auf die Bundesrepublik an Bedeutung verloren haben. Meines Wissens nach jedenfalls ist die Sklaverei bei uns mittlerweile abgeschafft. Was einmal als praktisches Unterscheidungsmerkmal diente, sei heute zu einem religiösen Ritual geworden, meint in einem Beitrag fĂŒr die Welt z.B. auch Emel Zeynelabidin, die im Jahre 2006 Bekanntheit erlangte, als sie ihre KopftĂŒcher demonstrativ dem Bonner Haus der Geschichte ĂŒbergab.

Das Kopftuch nimmt also der Frau etwas von ihrer Sinnlichkeit. Und umgekehrt? Es gibt mittlerweile Frauen, die zwar das Kopftuch tragen, aber dabei bauchfrei herumlaufen oder Stöckelschuhe tragen oder enge Hosen oder Schminke oder Lippenstift etc. Diese Frauen konterkarieren damit die dem Kopftuch zugedachte Funktion der Entsinnlichung durch ihr entsprechendes sonstiges Äußeres. Sie versinnlichen sich selbst und „entsinnlichen“ das Kopftuch. Das Kopftuch kann seine Aufgabe nur erfĂŒllen, wenn der Rest seiner TrĂ€gerin sich entsprechend kleidet. Und auch das Kopftuch selbst muss dementsprechend aussehen. Ein farbiges Kopftuch z.B. grenzt bereits an einen Widerspruch in sich. NatĂŒrlich gibt es auch heutzutage jede Menge Frauen, die wirklich farblose, graue KopftĂŒcher (und Kleider und Schuhe) tragen. Ich frage mich da immer: Ist das eigentlich noch nötig? Andererseits: Am besten erfĂŒllt das Kopftuch seine Funktion ohnehin in der Version, die auf der Skala der VerhĂŒllung auf dem dem gewöhnlichen Kopftuch gegenĂŒberliegenden Pol angesiedelt ist: das ist die Burka. Ein Tschador (persisch: „Zelt“) inklusive Niqab ist gegenĂŒber der Burka nur ein fauler Kompromiss, weil man noch zu gut die Augen erkennen kann. Was fĂŒr eine Ausstrahlung und Anziehungskraft können Augen haben! Recht besehen jedoch ist selbst die Burka nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn, das ist bekannt: Gerade im Verbergen kann ja wieder eine Form der Anziehungskraft liegen; das wusste ĂŒbrigens schon der große islamische Mystiker Rumi, als er schrieb: “Solange ihr wollt, dass die Frau sich verhĂŒllt, werdet ihr bei allen den Wunsch wecken, sie sehen zu wollen” (ztiert nach: Seyran Ates: Der Multikulti-Irrtum. Berlin 2007, S.125). Nicht, dass die Burka selbst ein attraktives („attraktiv“ von Attraktion=Anziehung) KleidungsstĂŒck wĂ€re. Es gehört schon das Wissen dazu, dass sich darunter eine Frau befindet, um die Gedanken (des Mannes/der lesbischen Frau) ins Reich der Fantasie schweifen zu lassen. Aus diesem Grund ist es nur gerechtfertigt – dem Sprichwort „out of sight, out of mind“ folgend – dafĂŒr zu plĂ€dieren, die Frau am besten ganz Zuhause zu lassen. Dann kann praktisch nichts mehr passieren. Das wĂ€re mal ein konsequent zu Ende gedachter Gedanke. Man könnte dann mit den Worten Luthers sagen: „Probleme werden nicht gelöst, Probleme verschwinden.“

Als Ralph Giordano in dem berĂŒhmten GesprĂ€ch mit dem Dialogbeauftragten der Ditib Bekir Alboğa anlĂ€sslich des geplanten Moscheebaus in Köln-Ehrenfeld den vielgeschmĂ€hten Ausspruch von den „menschlichen Pinguinen“ tat, die sein Ă€sthetisches Empfinden stören wĂŒrden, war er dem Kern des Problems schon ganz nah, denn das Kopftuchproblem ist tatsĂ€chlich auch ein Ă€sthetisches Problem, d.h.: ein Problem des Wahrnehmungssinns – aber eben: auch dieses Sinnes, also nicht nur dieses Sinnes, sondern eben auch ein Problem des Sinnes in der Bedeutung von „Funktion“. Hand aufs Herz: Reicht es heutzutage (also fĂŒr die Frau von heute) nicht aus, sich, wie dies z.B. die muslimische ReligionspĂ€dagogin Lamya Kaddor meint, einigermaßen „sittsam“ zu kleiden, um diese Funktion zu erfĂŒllen und damit auch der diesbezĂŒglichen Forderung des Koran (Sure 24, Vers 31) gerecht zu werden? Übrigens, um es bei dieser Gelegenheit mal allen Korankritikern und Islamgegnern ins Stammbuch zu schreiben: Der Koran gestattet hier ja durchaus Ausnahmen. Etwas freizĂŒgiger dĂŒrfen die Frauen sich folgenden Personen gegenĂŒber zeigen: Ihren Ehegatten, ihren VĂ€tern, den VĂ€tern ihrer Ehegatten, ihren Söhnen, den Söhnen ihrer Ehegatten, ihren BrĂŒdern, den Söhnen ihrer BrĂŒder und den Söhnen ihrer Schwestern u.a. mehr (vgl. ebd.).

Hat denn, so könnte nun ein Einwand lauten, das Kopftuch ĂŒberhaupt keinen religiösen Sinn? Kurzantwort: Nein. Es hat gar nicht diese Dimension, im Gegensatz z.B. zum christlichen Kreuz: dieses steht fĂŒr einen religiösen Sachverhalt, nĂ€mlich (u.a.) die Kreuzigung Jesu. Selbst also wenn das Kopftuch in der heiligen Schrift des Koran zu finden ist, ist es dort höchstens als Schutz vor den begierigen Blicken des Mannes gedacht. Diese, wenngleich von Gott vorgeschriebene bzw. inspirierte, also fanatische Kleiderordnung („fanatisch“ von lateinisch „fanaticus“: göttlich inspiriert) hat aber keinen spezifisch religiösen Gehalt, anders als beispielsweise das Tragen der Kippa beim Juden als Symbol fĂŒr seine Gottesfurcht. Das heißt nicht, dass MĂ€ĂŸigung und sittsames Verhalten keine religiöse Bedeutung hĂ€tten; im Gegenteil gehören sie zu den wichtigsten Anliegen von Religion. Das Kopftuch selbst jedoch hat diese Dimension nicht, sondern stellt höchstens eine Möglichkeit dar, dieses Anliegen zu erreichen, und es ist dabei sicherlich nicht einmal eine der effektivsten Methoden. Und soll man eine Frau, die sich einfach aus gesellschaftlichen Konventionen des Anstandes heraus mit ihren Reizen einigermaßen zurĂŒckhĂ€lt, schon als partiell religiös bezeichnen?

Übrigens sieht man hier auch den Unterschied zwischen der Muslima und der Ordenstracht einer Nonne; letztere hat einen Beruf und zwar eindeutig einen religiösen. Eine Muslima mit bzw. trotz Kopftuch ist bzw. bleibt aber zunĂ€chst Privatperson. Wenn das Tragen des Kopftuchs dann einen weitergehenden religiösen Sinn haben soll, könnte man diesen auch als eine öffentliche Zurschaustellung des (privaten) Glaubens bezeichnen, ĂŒberspitzt ausgedrĂŒckt: Eine Antithese zur Privatisierung des Religiösen, die mit dem Prozess der SĂ€kularisierung einhergeht. Um hier keine MissverstĂ€ndnisse aufkommen zu lassen: Ein Kopftuch zu tragen widerspricht natĂŒrlich nicht dem sĂ€kularen Charakter unseres Staates. Geht es jedoch um den öffentlichen Dienst etwa an Schulen verkompliziert sich die Sache, insofern hier die Pflicht des Staates zur politischen, religiösen und weltanschaulichen NeutralitĂ€t und die Religionsfreiheit des einzelnen miteinander in Konflikt geraten können. Wie schwierig sich dies im einzelnen gestaltet und dass hier in europĂ€ischen und nordamerikanischen Staaten Uneinigkeit darĂŒber besteht, was unter einem sĂ€kularen Staat zu verstehen ist, zeigt schon ein oberflĂ€chlicher Blick auf die Geschichte der entsprechenden Urteile und Gerichtsentscheidungen (vgl. Christina von Braun und Bettina Mathes: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Bonn 2007, S.87ff). Ähnlich verwirrend die BegrĂŒndungen der entsprechenden Positionen im Falle des Kopftuchverbots fĂŒr Lehrerinnen: So hatte sich die ehemalige baden-wĂŒrttembergische Bildungsministerin Annette Schavan gegen das Kopftuch an Schulen mit dem Argument ausgesprochen, dass wir in einer „christlich geprĂ€gten Gesellschaft“ leben. Alice Schwarzer hingegen begrĂŒndet ihre Ablehnung des Kopftuchs an Schulen geradezu umgekehrt mit der Trennung von Staat und Religion.

Der zweite Teil des Aufsatzes erscheint in wenigen Tagen auf kulturstruktur.

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ist freier Journalist und schreibt fĂŒr Fachzeitschriften und Onlinemagazine Artikel und Rezensionen aus den Bereichen Philosophie und Religion. Er hat in Philosophie promoviert.
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2 Kommentare »

  1. Super Artikel. WĂŒrde gern mehr Beitraege zu dem Thema lesen.

  2. Vielen Dank fĂŒr den Kommentar und die lobenden Worte!

    Ich hoffe, dass ich noch dieses Jahr einen lĂ€ngeren Artikel zum Thema “Korandeutungen in der aktuellen Islamdebatte” fertigstellen kann.

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