Was aus den Händen fällt wird den Strand bilden
Bewegungen verblassen, Gesten zerfließen im Dunkel
— Steffen Popp

Der Zeitgeist aus dem Automaten – oder: I`ve got a feeling, it`s automatic…

Von | 14. März 2011 | Kategorie: Kunst & Interaktion | Unkommentiert | 2.478 Aufruf(e)

Der stromlos mechanische Kaugummiautomat ist ein Relikt vergangener Tage. Seine elektronischen Nachfolger bedienen den Konsumenten mit einer breiten Produktpallete: Erste-Hilfe-Artikel, Schuhe oder Gold – dem Einfallsreichtum der Anbieter scheinen keine Grenzen gesetzt. Ein Klang-Text von Andi Hörmann über die Rennaisance der Automaten.

Klick, Klick, Klack: Ein Miniatur-Klappmesser als Schlüsselanhänger, ein glitzernder Plastik-Ring, eine zuckersüße Kugel zum Zerkauen. Der Kaugummiautomat – stromlos mechanisch – ist ein Relikt vergangener Kindheit. Mit dem Überangebot an elektronischem Spielzeug hat sich der Reiz dieses Überraschungs-Automaten mehr und mehr verflüchtig. Der Zeitgeist aus dem Automaten ist originell, individuell und vor allem speziell.

Pausensnacks, Getränke und Zigaretten sind zwar immer noch die Produkte in den Verkaufsautomaten an Schulen, Bushaltestellen und Flughäfen, doch der Selbstbedienungsautomat erlebt derzeit eine regelrechte Renaissance mit einer ungewöhnlichen Produkt-Auswahl: Schläuche für Fahrradreifen, Schwangerschaftstests, Sonnenbrillen. Es gibt kaum etwas, das sich nicht über einen Automaten an den Kunden bringen lässt.

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Die Stahlträger der Empfangshalle, der graue Marmor am Boden, die polierten Verkleidungen der Gerätschaften: Am Hauptbahnhof München – zwischen schrill-bunter Reklame auf Bannern, Prospekten und Plakaten – wirbt der Med-o-mat mit Erste-Hilfe-Utensilien: Vom Pflaster und Desinfektionsmittel über Alkohol- und Schwangerschaftstest, bis hin zur Schmerzsalbe und einer Alkohol-Abbau-Tablette. Die 17-jährige Schülerin Franziska zeigt sich auf dem Weg zur S-Bahn etwas skeptisch gegenüber den Drogerie-Produkten aus dem Automaten: „Ich finde das mit dem Verband und der Desinfektion ziemlich praktisch. Und das mit den Taschentüchern ist auch praktisch. Aber sonst? Ich denke mal, Kondome und Schwangerschaftstest, das braucht man jetzt nicht so ganz dringend beim Vorbeigehen mal.“

Hunderte, ja tausende, Menschen gehen zwischen Ankunft und Abfahrt an den Automaten am Münchner Hauptbahnhof vorbei. Hier und da bleiben sie stehen: Schauen, werfen Münzen in den Schlitz, ziehen sich etwas aus dem Automaten. Ein banaler Vorgang, der wenig Originelles vermuten lässt. Doch in der Empfangshalle am Münchner Hauptbahnhof gibt es seit Herbst 2010 auch die „Einzigartigkeit als Produkt“ aus dem Automaten.

Handgemacht, signiert, limitiert sind die Gegenständen in den Fächern des Unikat-Automaten. Lisa Jablonski, 23, hat die Idee „Kunst per Knopfdruck“ mit drei Kommilitoninnen im Rahmen ihres Kommunikationsdesign-Studiums verwirklicht: „Es war so, dass wir an der Uni gesehen haben, dass die Leute tolle Sachen machen. Die aber nur dort rumliegen, oder bei denen zuhause rumliegen und es schwer war eine Möglichkeit zu finden, die ganz einfach zu verkaufen.“ Zwischen zehn und 77 Euro kosten die Einzelstücke, die auch in Großstadt-Galerien hängen könnten. Weil Ladenräume und Ausstellungsflächen in der bayerischen Landeshauptstadt für noch nicht so etablierte Kunstschaffende kaum bezahlbar sind, musste eben eine günstigere Alternative her. Die Produkt-Palette reicht von Miniatur-Öl-auf-Leinwand, über bedruckte T-Shirts bis hin zum Designer-Schmuck.

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Schmerzende Füße ade! „Make your feet feel good“ ist der Leitspruch für die Ballerinas-to-go-Automaten. Im Foyer von bisher vier Münchner Clubs stehen diese Schuh-Automaten. Sie sind jüngstes Beispiel dafür, wie aus einer anfänglichen Schnapsidee ein erfolgreiches Start-Up-Unternehmen wird. Die 23-jährige Isabella Fendt hat das Problem, das sie auf ihre Automaten-Innovation brachte, wie viele Frauen am eigenen Leib erfahren: „Manchmal kauft man sich Schuhe, die sind einfach wunderschön, und die tun einem weh, sobald man sie anzieht. Aber die sind so schön, man will sie unbedingt anziehen. Man weiß: Oje, in zehn Minuten würde ich sie am liebsten wieder ausziehen, aber man quält sich natürlich trotzdem damit in den Club. Und dann irgendwann vergisst man den Schmerz. Aber nach zwei, drei Stunden, nachdem man getanzt hat, geht es einfach nicht mehr.“ Die von High-Hells schmerzenden Füße erfahren mit den „Ballerianas-to-go“ auf dem Nachhauseweg für acht Euro Linderung – in Schwarz, Violett, Silber oder Gold.

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Von der Goldmünze bis zum Goldbarren in attraktiver Geschenkbox: Die Betreibergesellschaft Ex Orient Lux bietet mit ihren Goldautomaten einen einfachen und unkomplizierten Zugang zum Edelmetall Gold. In acht deutschen Großstädten hat das Unternehmen bis Ende 2010 ihre Gold-Automaten aufstellen lassen. Auch in München. Rund 50 Euro kostet das Gramm Gold per Knopfdruck. Thomas Geissler von Gold-to-go sieht im Automaten generell Vorteile gegenüber einem Verkäufer aus Fleisch und Blut: „Der Platzbedarf. Er geht nicht zur Gewerkschaft. Er macht keinen Urlaub. Er klaut relativ selten. Man kann ihn monitoren. Lediglich die Hemmschwelle des Kunden muss überwunden werden. Und das kann ein cleverer Automatenbauer mit sehr viel ansprechender Technik tun.“

Bedienerfreundlich, Schritt für Schritt durch das Touch-Screen-Menü. Der Automat wird zum urbanen Phänomen mit Zeitgeist-Potential: Anonym, kosteneffizient und zuverlässig. Ein wenig Einzigartigkeit in der großen Masse, für ein Stillen der Bedürfnisse im Vorbeigehen. Scheinbare Nachteile, wie die Abwesenheit eines beratenden Ansprechpartners, lassen sich etwa über eine „Ruftaste“ zu einer Info-Hotline beheben. Und so kommunizieren sie auch in einem unpersönlichen Umfeld: Mensch und Maschine. Dabei wird die Technik durch die neue Automaten-Generation immer mehr mit Emotionen aufgeladen: Die Freude an der Kunst, das Wohlgefühl beim Schuhkauf, das Glücksgefühl mit dem Gold-Erwerb. I`ve got a feeling, it`s automatic…

Der Klang-Text basiert auf einer Radiogeschichte für die Sendung “Neonlicht” auf Deutschlandradio Kultur. Hier gehts zum Radiobeitrag.

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ist freier Kulturjournalist und lebt in München. Begleitend zu seiner Sendung "Spagat" bei ByteFM veröffentlicht er auf kulturstruktur die Kolumne "Spagat im Quadrat".
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