Jedes Alter wird von seinen besonderen Triebfedern in Bewegung gesetzt. Der Mensch aber bleibt stets derselbe. Im zehnten Jahre läßt er sich durch Kuchen lenken, im zwanzigsten durch eine Geliebte, im dreißigsten durch Vergnügungen, im vierzigsten durch Ehrgeiz, im fünfzigsten durch Habsucht. — Jean-Jaques Rousseau

Das heilige Selbst

Von | 25. April 2010 | Kategorie: Die Natur | Ein Kommentar | 2.482 Aufruf(e)

Die Welt, die wir täglich mit unseren Sinnen erfahren, ist ein konstruiertes Universum. Der Konstrukteur: Unser Gehirn. Bei dieser Konstruktion werden Moleküle in Gerüche, Schallwellen in Klänge und Lichtwellen in Farben, Formen und zuletzt in Objekte umgewandelt. Ob chemische, oder physikalische Reize, alle werden sie auf einen und den selben Code reduziert: auf das Feuern unserer Neurone, – genauer: auf biochemische Stoffwechselvorgänge in unseren Synapsen.

Mit den Gegenständen, die in unserem Bewusstsein erscheinen, basteln wir uns einen Ort jenseits von allen Quarks und Superstrings – jenseits der physikalischen Wirklichkeit.

Doch wie verhält es sich mit den Bildern, die unser Bewusstsein erzeugt, die keinen reizphysikalischen Ursprung in der Außenwelt haben. Wie verhält es sich eigentlich mit unserem Selbst? Auch nur eine Konstruktion unseres Hirns, ein Produkt feuernder Neurone? Zunächst lohnt ein Blick auf sozialpsychologische Phänomene: Sie zeigen uns, dass der Mensch ständig danach strebt, sein Selbstbildnis aufrechtzuerhalten, mit seinen moralischen Werten in Einklang zu bringen und stets zu schützen. Im zweiten Teil folgen Beispiele, die den Schluss nahelegen, dass das Selbst als solches nicht existiert und damit alle einhergehenden Vorstellung des menschlichen Seins, wie z.B. der freie Wille, „bloße“ Konstrukte unseres Geistes sind. An dieser Stelle setzt sich der Text mit dem Buch „Der Ego-Tunnel“ (New York, 2009) von Thomas Metzinger und den darin postulierten Thesen auseinander.

Beinahe alle Menschen glauben überdurchschnittlich intelligent zu sein. Wenn man den IQ als definitionsgerechtes Maß für die Intelligenz akzeptiert, sind jedoch nicht einmal 50% aller Menschen überdurchschnittlich intelligent. Wie ist es möglich, dass sich nahezu alle psychisch gesunden Menschen überschätzen? Ein Phänomen, das zumindest ein wenig Aufschluss darüber gibt, nennt man in der Sozialpsychologie „fundamentaler Attributionsfehler“: Menschen führen in der Regel ausschließlich Erfolge auf ihre eigenen Fähigkeiten zurück, während Misserfolge und andere negative Erlebnisse stets auf externe Ursachen zurückgeführt werden. Jeder kennt solche Szenarien noch aus der Schulzeit, wo Mitschüler beim Erblicken schlechter Noten reflexartig betonen, dass sie ja schließlich nichts gelernt hätten. Ebenso vergeht kaum ein Tag, an dem man sich nicht wider seiner Moral verhält. Die wenigsten Menschen zeigen darauf hin Reue, sie rationalisieren das daraus entstehende Problem einfach weg. Sie lassen sich dann z.B. zu folgenden Gedanken hinreißen: “Ein Inlandflug mehr oder weniger, dass wird dem Klima doch nicht schaden!“

Auch werden inkonsistente Informationen, also Informationen, die nicht mit unseren Einstellungen in Einklang zu bringen sind, häufig ignoriert. So tun sich Kreationisten schwer die Evolutionstheorie anzuerkennen, Stalinisten haben so ihre Probleme mit den Massakern Stalins und Guido Westerwelle wird wohl nie verstehen, warum Diskussionen um Dumpinglöhne so sehr die Gemüter erhitzen. Sollten aber tatsächlich mal Informationen, die unser Selbst angreifen, bis zum Bewusstsein vordringen und dort auch „richtig“ interpretiert werden, werden sie schnell wieder vergessen. Denn häufig erinnern sich gesunde Menschen eher an positive Dinge.

Diese Mechanismen zeigen, dass der Mensch ständig danach bestrebt ist, sich ein konsistentes Selbstbildnis aufrechtzuerhalten. Informationen, die das Selbst aufwerten, werden eher wahrgenommen und verarbeitet, als Informationen die es angreifen oder in Frage stellen. Mit ihnen malen wir uns ein Bild unseres Selbst. Und damit es uns gefällt, findet die Realität nur mehr oder weniger stark zensiert darin Platz.

Schön und gut: Das Bild, das jeder Mensch von sich hat, ist also konstruiert. Das ist auch nicht weiter überraschend. Da jeder Mensch, der ein wenig die Fähigkeit zur Introspektion besitzt, sich immer wieder bei diesem Prozess ertappt. Er kann den Verlauf dieser Konstruktion zum Teil bewusst erleben. Doch wie verhält es sich mit DEM Selbst. Mit dem Gefühl zu sein, mit dem Gefühl der Meinigkeit, mit dem Gefühl, dass ich es bin, der gerade diesen Artikel schreibt? Auch nur Konstruktion?

Zumindest erleben wir diese Konstruktion nicht bewusst, ebenso wenig wie wir den Prozess der visuellen Wahrnehmung erleben. Bewusst wird uns lediglich das Ergebnis: Eine bunte, dreidimensionale Welt oder das Gefühl des Selbst. Diese Mechanismen sind evolutionsbiologisch relativ alt. Je älter solche Module (funktionale Einheiten) sind, desto transparenter sind sie für das Bewusstsein (Metzinger, „Der Ego-Tunnel“, New York, 2009). Das heißt, dass wir nicht den Prozess, sondern nur das Ergebnis „betrachten“ können. Genauso verhält es sich mit den noch älteren Funktionen unseres Nervensystems: Herz, Magendarmtrakt, Leber etc. – alles Mechanismen, deren Prozesse von unserem vegetativen Nervensystem ohne das Zutun unseres Bewusstseins gesteuert werden. Gibt es also funktionale Einheiten in unserem Hirn, die uns ein Selbst konstruieren? Deren einzige Aufgabe es ist, uns vorzugaukeln, dass wir existierten?

So populistisch es sich auch anhören mag, es gibt tatsächlich einige interessante Befunde die genau darauf schließen lassen. Angefangen bei Patienten, die nach Gehirnverletzungen plötzlich nicht mehr glauben zu existieren. Bei allem was sie tun, haben sie nicht das Gefühl, dass sie es sind, der da gerade etwas tut. Noch schlimmer verhält es sich bei Patienten, bei denen nur ein Gliedmaß nicht mehr zum Körperschema des Menschen gehört. So würgen sich Betroffene mit der als fremd empfundenen Hand ständig selbst. Oder kämpfen gegen ein vermeintlich nicht eigenes Bein an, das ständig gegen Tische und Stühle tritt. Das Gefühl des Kontrollverlustes über seinen Körper kann also komplett oder auch partiell bei bestimmten Körperteilen empfunden werden.

Ist es auch umgekehrt möglich, dass wir unser Selbstmodell erweitern? Dass es möglich ist, zeigten die Psychiater Matthew Botvinick und Jonathan Cohen in dem Experiment „Gummihand-Illusion“. Probanden beobachteten eine Gummihand, wobei die entsprechende eigene Hand durch eine Abschirmung verdeckt war. Die Gummihand und die unsichtbare Hand des Probanden wurden nun synchron gestreichelt. Nach mehrmaligen Wiederholungen hatten die Probanden Gefühle dieses taktilen Reizes in der Gummihand. Und mehr noch: Die Versuchsperson nahm auch einen virtuellen Arm zu dieser Hand wahr. Die Gummihand und ein virtueller Arm wurden also in das phänomenale Selbstmodell des Probanden integriert. Der Philosoph Metzinger hat diesen überraschenden Versuch auf den ganzen Körper erweitert – mit demselben Ergebnis. Seine Schlussfolgerung ist, dass das Selbstmodell auch um einen gesamten Körper erweitert werden kann.

Ein weiteres aufschlussreiches Phänomen sind Phantomglieder. Kinder, die ohne bestimmte Gliedmaßen auf die Welt kommen oder Menschen, deren Gliedmaßen abgetrennt wurden, haben dennoch weiter das Gefühl, die nicht vorhandene Extremität zu besitzen. Es wird also stets ein Modell unseres Selbst generiert, das uns das Gefühl der Meinigkeit gibt, das sich auch auf Gegenstände ausbreiten und selektiv oder auch ganz ausfallen kann. Phantomglieder zeigen außerdem, dass das Selbstmodell ein angeborener Mechanismus ist, der uns bei anatomischen Anomalien eine falsche Wirklichkeit präsentiert.

Angenommen unser phänomenales Selbst wird erfolgreich konstruiert, haben wir jedes Mal, wenn unser Körper eine Handlung ausführt, den Eindruck, dass wir es waren, die diese Handlung ausgeübt haben. Was uns da so sicher macht, ist vor allem die Tatsache, dass wir glauben die Gründe unseres Handelns zu kennen. Folgendes Experiment – etwas vereinfacht dargestellt – zeigt, dass möglicherweise sogar die Motive unseres Tuns generiert werden: Es gibt Menschen, deren Hirnhälften getrennt wurden, z.B. um die Symptome epileptischer Anfälle zu lindern. Das hatte zur Folge, dass bestimmte Reize, die nur einer Hemisphäre dargeboten wurden, auch nur von dieser verarbeitet werden konnten. Man veranlasste also die rechte Hemisphäre aufgrund einer Anweisung, die nur ihr zuging, zu einer Reaktion. Die linke Hemisphäre beobachtete die Reaktion, kannte allerdings nicht ihren Anlass. Fragte man auf optisch nur der linken Hälfte zugänglichem Wege nach dem Grund ihres Handelns, erfand sie immer wieder neue Erklärungen. Man gab der rechten Hemisphäre beispielsweise die nonverbale Anweisung zu winken und der Proband winkte. Nun fragte man den Probanden nach dem Grund. Da nur die linke Hemisphäre sprechen kann, äußerte sich in dem, was der Proband sagte, das Situationsverständnis dieser Hemisphäre. Der Proband antwortete beispielsweise, dass er soeben einen Bekannten gesehen habe. Grundlage der fantasierten Erklärungen waren also nicht ein Wissen von ihren Gründen, sondern vielmehr die hervorgerufenen Reaktionen (LeDoux, „Das Netz der Gefühle“, München, 2006).

Menschen handeln also scheinbar nicht aus bewussten Gründen (weil Verhalten von Hirnsystemen ausgelöst wird, die unbewusst arbeiten). Dies legt den Schluss nahe, dass bei jeder Handlung, die der menschliche Organismus ausführt, konstruierte Motive in unser Bewusstsein gelangen. Gepaart mit dem Gefühl, dass es mein Organismus ist, drängt sich uns der Eindruck auf, dass wir eine willentliche Handlung selbst ausgeführt haben. Das Selbst ist also eine Instanz, die stets bemüht ist „unsere“ Handlungen zu erklären und zu interpretieren. Bei der Interpretation scheint das Selbst dann entsprechend frei zu sein. Schließlich darf die Komposition unseres heiligen Selbstbildes um keinen Preis zerstört werden.

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ist Psychologiestudent an der Universität Kiel und veröffentlicht Artikel in der Kategorie "der Mensch".
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Ein Kommentar »

  1. Hey Julius, wow- toller Artikel. Glückwunsch. So spannend geschrieben, dass ich ihn in einem Rutsch (weg)gelesen habe. Auch wenn der Inhalt: sich beängstigend für meine esoterische SEELE anfühlt, bitte gerne mehr davon. Liebe Grüße Birgit

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