die zigaretten schmecken frisch. / nach diesem winter // lassen wir alle blumen stehen. — Tom Bresemann

Allgemeine Menschenrechte?

Von | 11. April 2010 | Kategorie: Die Gesellschaft | Unkommentiert | 4.308 Aufruf(e)

Vor einigen Wochen veröffentlichte Philipp Hummel seinen Aufsatz „Love music – hate homophobia!?“ auf Kulturstruktur, in dem er die Frage nach der Universalität von Menschenrechten aufwarf. Ausführliche Kommentare diskutierten das Fallbeispiel Sizzla mit seinen schwulenfeindlichen Texten, aber auch den Versuch der theoretischen Begründung universell gültiger Menschenrechte.

Insbesondere der letzte Punkt scheint mir in einer globalisierten Welt von herausragender Bedeutung zu sein, nicht zuletzt um auch eine gesunde Basis für die praktische Umsetzung von Menschenrechten zu schaffen. Im Folgenden will ich also einige entscheidende Punkte aufgreifen, besprechen und verarbeiten.

Im Dezember 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Schon die Zusammensetzung des Sicherheitsrates lässt eine „westliche“ Definition von Menschenrechten vermuten: Drei der fünf ständigen Mitglieder sind klar dem abendländischen Kulturkreis zuzuordnen, Asien stellt nur einen Vertreter und weder Afrika noch Südamerika sind beteiligt. Da der Entkolonialisierungsprozess z.B. in Afrika noch nicht im Gange war, fanden regionalspezifische und kulturelle Besonderheiten dieses Kontinents keinen Eingang in die bis heute gültigen „Allgemeinen Menschenrechte“. In diesem Kontext erscheint freilich auch der Slogan „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ als Farce.

Abgesehen von dieser zweifelhaften Institutionalisierung, bestätigt die inhaltliche Entwicklung der „Allgemeinen Menschenrechte“ ihren abendländischen Charakter: Geistesgeschichtliche Wurzeln finden sich in der Antike und die rechtliche Konkretisierung der Idee lassen sich in Aufklärung und Liberalismus nachweisen. Dabei ist es meiner Meinung nach zu kurz gedacht, die Entwicklung von Menschenrechten ausschließlich auf Unrechtserfahrungen europäischer Gesellschaften zurückzuführen. Selbstverständlich spielt z.B. der Liberalismus als mentalitätsstiftende Idee bei der konkreten Ausgestaltung der Menschenrechte eine entscheidende Rolle. Unserem individualistischen Verständnis von Menschenrechten steht so eine kollektivistische Definition, wie sie aus traditioneller afrikanischer, oder asiatischer Sichtweise vorgenommen wird, gegenüber.

Diese Differenz wird in der Menschenrechtserklärung der asiatischen Staaten von 1993 und der “African Charta on Human and People’s Rights” von 1981 sichtbar. In beiden Dokumenten findet die Praxis des traditionellen Zusammenlebens auf diesen Kontinenten Ausdruck und diese unterscheidet sich wenig überraschend von westlichen Gemeinschaftsvorstellungen: Neben den individuellen Rechten, werden vor allem die Rechte des Kollektivs und bestimmter Bevölkerungsgruppen festgehalten. Außerdem werden dem Individuum auch Pflichten gegenüber der Gemeinschaft auferlegt, was nach liberalen Vorstellungen undenkbar wäre. Es ist absurd solche Gemeinschaften, deren Zusammenleben sich Jahrhunderte lang bewährt hat, zu einer Neubewertung des Individuums gegenüber dem Kollektiv aufzufordern (vorgeschlagen in einem der Kommentare zu „Love music – hate homophobia!?“). Das Unverständnis wäre groß, wüsste man doch nicht einmal um die (westlichen) Kategorien, die eine solche Neubewertung erforderten.

Auch dem Vorschlag einen globalen „Zivilisationsprozess“ à la Norbert Elias zu unterstellen, muss ich eine Absage erteilen. Unumstritten und unerreicht ist Elias‘ Leistung, den „Zivilisationsprozess“ in Europa vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit zu beschreiben, zu untersuchen und in einem Modell zusammenzufassen. Nur gründet dieses Modell auf der europäischen Entwicklung, abhängig von einer riesigen Anzahl spezifischer Faktoren, so dass es mir schwierig erscheint, dieses Modell auf andere Kulturkreise zu übertragen. Elias selbst beschreibt ja die Interaktion von Individuum und Gesellschaft, also äußeren Einflüssen. Die teleologische Utopie einer globalen politischen Zentralgewalt, die befriedet und zivilisiert, ist wohl eine seiner eigenen, unglücklichen Biographie geschuldete – und nachvollziehbare! – Sehnsucht.

Nun könnte man argumentieren – und tatsächlich tauchte dieses Argument in einem der Kommentare zu Philipp Hummels Aufsatz auf –, dass in der anthropologischen Bedingung, in dem „Mensch-sein“, das uns alle miteinander verbindet, der Schlüssel zu einer universellen Gültigkeit der Menschenrechte liege. Jedem Menschen sei das Streben nach „natürlicher Freiheit“ und „körperlicher Unversehrtheit“ immanent. Demnach stelle die westliche Definition von Menschenrechten (zufällig?) den kleinsten gemeinsamen Nenner dar und besitze daraus folgernd auch universelle Gültigkeit. Dazu folgendes: Der Terminus „natürliche Freiheit“ scheint mir ein liberales (und somit abendländisches) Konstrukt von Nützlichkeit zu sein. Eine genauere Definition ist allerdings unbedingt notwendig, führt man das oben erläuterte Argument an. Selbst in unserem Kulturkreis ist der Begriff “Freiheit” alles andere als unumstritten, man denke nur an die hart geführte Determinismus-Debatte und neuere Vorstöße aus den Neurowissenschaften.

„Körperliche Unversehrtheit“ ist relativ. Ein Beispiel liefert der Kannibalismus brasilianischer, präkolumbischer Waldlandindianern. Innerhalb dieser Kultur wurden Kriegsgefangene üblicher Weise festlich verspeist – wobei das „Opfer“ der Quelle nach keinerlei Anzeichen von Furcht, oder Widerstand zeigte. Ganz im Gegenteil: Umsorgt von Frauen und mit feinsten Delikatessen verpflegt, schritt das „Menü“ offenbar frohen Mutes zu seiner eigenen Zubereitung. Nach seiner Menschenwürde und seinem Recht auf körperliche Unversehrtheit fragend, hätte man wohl verdutzte Blicke geerntet. Sicher ist ein „gesellschaftlicher Zwang“, wie auch im Falle von Beschneidung, Tätowierung und Piercen nicht von der Hand zu Weisen. Doch könnte auch der „gesellschaftliche Zwang“ der Individualisierung manchem afrikanischen oder asiatischen Beobachter als Menschenrechtsverletzung erscheinen: Zum Beispiel die freiheitliche Aushöhlung des Kollektivs oder der Natur durch private Interessen. Davon abgesehen sind chirurgische und ähnliche Eingriffe zur Körperkorrektur auch in der westlichen Hemisphäre nicht selten: Man denke an “Schönheitsoperationen” jeglicher Art, Enthaarung, oder männliche Beschneidung vor allem im Judentum. Es liegt nahe, dass auch diesen Verhaltensweisen ein “gesellschaftlicher Zwang” zu Grunde liegt, auch wenn er indirekter wirken mag.

Damit soll der Stellenwert von „natürlicher Freiheit“ und „körperlicher Unversehrtheit“ in unserem Kulturkreis nicht bezweifelt werden. Ganz im Gegenteil: Gerade in einer Globalisierten Welt macht eine „Allgemeine Menschenrechtserklärung“ nur Sinn, wenn sie verschiedene Menschenrechtskonzepte und Definitionen zulässt. Nur so ist langfristig auch ein Konsens zwischen verschiedenen Sichtweisen zu schaffen. Ausgangspunkt kann nicht nur die liberal-anthropologische Bedingung sein, die – wie aufgezeigt – umstritten ist. Ausgangspunkt muss nicht nur eine zeitgemäße Definierung dieses “Mensch-seins” sein, sondern damit zusammenhängend auch die Annerkennung kultureller Faktoren, welche das „Mensch-sein“ bestimmen und in vielfältiger Art und Weise beeinflussen.

Die Anerkennung dieser Besonderheiten würde auch eine praktische Durchsetzung der Menschenrechte wahrscheinlicher machen, zumal sie die paradoxe, immer wieder mit Gewaltanwendung, oder anderem Druck verbundene Verbreitung der einen “wahren” Definition erschweren würde. Man wird den Eindruck schließlich nicht los, dass wir nicht das erste Mal voller Inbrunst unsere fortschrittlichen Ideen in die Welt tragen. Was damals das Kreuz war, ist heute vielleicht der Liberalismus und die daraus abgeleiteten Menschenrechte. Mehr als 500 Jahre Mission sozusagen. Das ist beachtlich und Vorsicht ist geboten: Womöglich hat sich eine gewisse, mentalitätsgeschichtlich bedingte Systematik in unser Handeln eingeschlichen, derer wir uns nur schwer bewusst werden (wollen).

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass sich auch die philosophische Kritik am Kulturrelativismus angesichts der Vielfalt von Menschenrechts-Konzepten zumindest in diesem Kontext kaum aufrechterhalten lässt. Die afrikanische und die asiatische Menschenrechtserklärung bestätigen, dass der Kulturrelativismus zumindest auf einer deskriptiven Ebene kein ausschließlich westlicher Ansatz ist. Allem Anschein nach besteht unabhängig vom Kulturkreis Einvernehmen über den Pluralismus von Kulturen und ihre ethischen und moralischen Besonderheiten. Das „formal-logische“ Problem – um die Worte Philipp Hummels zu gebrauchen – wird also erst wieder relevant, leitet man aus der Beschreibung normative Schlüsse ab.

| | | | | | |   |

Themen: , , , , , , ,

thematisch verwandte Beiträge:

ist Student der Sozialwissenschaften an der KU Eichstätt-Ingolstadt.
Schreibe dem Autor eine Email | Alle Beiträge von

Beitrag kommentieren