Darf man nicht mehr für eine gesamteuropäische Friedensordnung sein? — Nachdenkseiten

40 Jahre in der Sonne reiten

Von | 19. Mai 2010 | Kategorie: Die Gesellschaft | Ein Kommentar | 2.370 Aufruf(e)

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erprobte das deutsche Reich die grausame Praxis der Massenvernichtung in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Das Fehlen eines Zusammenhangs zwischen dem Völkermord im heutigen Namibia und dem Genozid der Nationalsozialisten wäre erstaunlicher, als dessen Vorhandensein. Ein Beitrag über die Kontinuität rassistischer Ideologie und deren praktische Ausgestaltung in Deutschland.

Oberarzt Harting weiß den zweifelnden Veterinär Gottschalk zu beruhigen.Das Schwache sterbe ab, damit das Stärkere Platz und mehr Licht fände. Nur so gehe es voran und hinauf (Vgl. Uwe Timm (2005, 6. Auflage): Morenga. S.257). Beide Figuren befinden sich im Krieg. Im Krieg der deutschen Schutztruppe gegen die aufständischen Herero und Nama in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Und Uwe Timms Oberarzt ist mit seinem Bild ganz auf Reichskurs: Schon im Dezember 1897 verlangte der deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow nach einem Platz an der Sonne. Die Ursachen für den Aufstand waren – wie könnte es auch anders sein – vielschichtig. Es ist wohl zu einfach, allein die rücksichtslose Landnahme der deutschen Kolonialherren oder die Überfremdung des Landes als begründende Ungerechtigkeit zu vermuten. Verschärft wurde die Lage der Herero zweifelsohne durch eine verheerende Rinderpest, die den Hirten große Teile ihrer Herden nahm. Verarmung und der Verlust dieser traditionellen Lebensgrundlage trieben die Herero in die Abhängigkeit. Das Auftreten unserer Vorfahren tat sein übriges hinzu: Ein im Rassendenken wurzelndes Rechtsystem ließ Grausamkeiten der weißen Herren ungeahndet. Vergewaltigungen waren keine Seltenheit, schwere körperliche Misshandlungen bis hin zur Tötung alltäglich. Hendrik Witbooi, Anführer der Nama, beschrieb die Gewalt:


“The German himself…is just what he described the other nations as…[…] He personally punishes our people at Windhoek and has already beaten people to death for debt…he flogs people in a shameful and cruel manner. We stupid and unintelligent people, for so he thinks us to be, we have never yet punished human being in such a cruel and improper way for he stretches people on their back and flogs them on the stomach and even between the legs, be they male or female, so that no one can survive such a punishment.” (abgedruckt z.B. in Brigitte Fuchs (2003): “Rasse”, “Volk”, Geschlecht. S. 191)

Die Spannungen entluden sich im Aufstand vom 12. Januar 1904. Gut 120 deutsche Siedler fielen den vorerst erfolgreichen Herero zum Opfer. Offenbar rechnete keiner mit einer organisierten Erhebung. Dennoch verpassten es die Aufständischen die Eindringlinge entgültig zu besiegen. Die Deutschen formierten sich und gewannen schnell wieder die Kontrolle über das Geschehen. Das rigorose Vorgehen der deutschen Truppen gegen die Aufständischen gipfelte in der Ernennung Lothar von Trothas zum Oberbefehlshaber und Gouverneur der Kolonie. Der Krieg entwickelte sich zu einem Vernichtungsfeldzug: Die entscheidende Schlacht am Waterberg verloren die Herero im August 1904, ihnen blieb nur die Flucht in die wasserlose Omaheke-Wüste. Damit nicht genug. Die Fliehenden wurden verfolgt, von den Wasserstellen abgeschnitten und verdursteten zu Tausenden. Nicht nur von Trothas berühmter Vernichtungsbefehl („[…]Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. […]“) belegt die Absicht zur Auslöschung der Herero. Zwar bewerten manche Beobachter den Befehl als militärisch-taktische Verzweiflungstat – von Trotha stand nach dieser Interpretation unter Erfolgsdruck –, doch seine Rhetorik spricht auch weiteren Quellen nach zu urteilen für sich. Außerdem schlugen andere hohe Militärs ähnliche Töne an, so dass selbst die Abkehr vom Vernichtungsbefehl eher aus pragmatischen, als aus inhaltlichen Gründen erfolgte:

„Daß er die ganze Nation vernichten und aus dem Land treiben will, darin kann man ihm zustimmen. […] Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung oder vollständige Knechtung der einen Partei auszuschließen. […] Die Absicht des Generals v. Trotha kann daher gebilligt werden. Er hat nur nicht die Macht, sie durchzuführen.“ (So abgedruckt in Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller (2004, 2.Auflage): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. S.54)

Angesichts dieser vielfältigen Absichtserklärungen und der tatsächlich ausgeführten Handlungen lässt sich das Geschehen als Völkermord klassifizieren. Ohne die UN-Konvention gegen Völkermord überstrapazieren zu wollen, wurde „das Töten“ und die „Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung abzielen“ mit der Intention begangen „nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören“.

Zumal auch nach den Kampfhandlungen weiter vernichtet wurde: Gefangene wurden in Konzentrationslagern im ganzen Land zusammengepfercht, starben an Skorbut und Typhus und wurden massenhaft durch Zwangsarbeit zu Grunde gerichtet. Zwischen Januar 1906 und Juni 1907 kamen auf diese Art zum Beispiel knapp 1.400 von ca. 2000 eingesetzten Häftlingen während den Bauarbeiten an der Südbahn ums Leben. Die gesamte Opferzahl betreffend gibt es unterschiedliche Angaben. Brigitte Fuchs geht davon aus, dass 80% aller Herero und die Hälfte der Nama, die sich nach der Schlacht am Waterberg erhoben, vernichtet wurden. Insgesamt 120.000 Menschen. (Vgl. Fuchs, S.192).

Die Frage, die sich ob dieser sadistischen Handlungsmuster aufdrängt, ist die Frage der Kontinuität. Wenige Dekaden später bliesen wir Deutschen schließlich wieder zum Vernichtungskrieg, zum Rassenkampf. Zwar stellt Jürgen Zimmerer überlegt fest, dass das Fehlen eines Zusammenhangs erstaunlicher wäre, als dessen Vorhandensein (Vgl. Zimmerer/Joachim Zeller, S.60), dennoch ist es unerlässlich sich diese Parallelen und Verbindungen vor Augen zu führen. Oft genug wird das Dritte Reich als alleinstehendes Ereignis, gar als “Unfall” behandelt, dabei fließt Geschichte, bestimmt von verschiedenen, oft langfristig auftretenden Konstanten.

Ohne diese beiden grausamen Ereignisse gleichsetzen zu wollen: Schon die Klassifizierung Völkermord, die in beiden Fällen nach der UN-Konvention anzuwenden ist, stellt eine Gemeinsamkeit dar. Aufschlussreicher ist allerdings die deutsche Rhetorik im Kontext des Krieges selbst. Begriffe wie Rassenkampf, Konzentrationslager (wenn auch nicht “technisch” gleichzusetzen mit den Vernichtungslagern des Dritten Reichs!), Vernichtung, Knechtung usw. überdauerten 40 Jahre. Wenig verwunderlich, dass die Ideologie, die solchem Sprachgebrauch zu Grunde lag, schon in Deutsch-Südwest allgegenwärtig war. Die deutsche Kolonie bot sogar die Möglichkeit dieselbe zu untermauern: Der Präsident der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“, Eugen Fischer, nutzte beispielsweise die Situation im heutigen Namibia, um die Vererbung von „rassischen Merkmalen“ bei den „Rehobother Bastards“, einer Volksgruppe, die durch Verbindungen von Buren und Nama entstanden, zu erforschen. Außerdem wurden unzählige Schädel toter Herero und Nama vermessen, um die Minderwertigkeit der beiden Volksgruppen gegenüber der arischen Rasse zu beweisen. Müßig zu erwähnen, dass die Rassenhygieniker später zuverlässige Bündnispartner der Nationalsozialisten wurden.

Auch in der Organisation der „Gefangenenverwahrung“ lassen sich Parallelen finden: Die Gefangenen wurden oft, wie im Dritten Reich, lange Strecken mit dem Zug verfrachtet und dann – wie oben dargestellt – in Konzentrationslagern isoliert und durch gefährliche und/oder schwere körperliche Arbeit dezimiert. Bis zur „industriellen Vernichtung“ der Opfer des Holocaust scheint es nur ein kleiner Schritt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, finden der deutsche Imperialismus und der Rassenkampf des Ariers ein paar Jahrzehnte später in Europa ihren Höhepunkt. Ideologien, die Generationen in den Größenwahn trieben und Millionen in den Tod.

Ideologien mit langem Atem: Ein deutscher Reiter findet heute noch viel Licht auf einer stolzen Erhebung in der Hauptstadt Namibias. Er hat seinen Platz an der Sonne. Vor wenigen Monaten wurde das Denkmal zu Gunsten eines Unabhängigkeitsmuseums um ungefähr 50 Meter nach Süden verschoben – vor die alte Feste, vor ein ehemaliges deutsches Gefangenenlager. Der Hügel ist der gleiche, die Sonne auch; der Aufschrei der deutschen Gemeinde war groß und laut. Eine Inschrift ziert den Reiter:

„ZUM EHRENDEN ANDENKEN AN DIE TAPFEREN DEUTSCHEN KRIEGER, WELCHE FUER KAISER UND REICH ZUR ERETTUNG UND ERHALTUNG DIESES LANDES WAEHREND DES HERERO = UND HOTTENTOTTENAUFSTANDES 1903 BIS 1907 UND WAEHREND DER KALAHARIEXPEDITION 1908 IHR LEBEN LIESSEN.“

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ist Student der Sozialwissenschaften an der KU Eichstätt-Ingolstadt.
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Ein Kommentar »

  1. Ich würde ja eine Einleitung schreiben, dann weiß man um was es geht im artikel. und die überschrift darf ein bischen über den inhalt informieren.

    ansonsten – toll.

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